Münnerstadt

Wie Julius Echter die Protestanten vertrieb

Rainer Kirch erklärt als ehemaliger Bürgermeister Andreas Österreicher aus dem Jahr 1587 bei seiner Stadtführung in der Stadtpfarrkiche, wie das damals so war als Fürstbischof Julius Echter die Protestanten vertrieb.
Foto: Fotos (2): Oliver Schikora | Rainer Kirch erklärt als ehemaliger Bürgermeister Andreas Österreicher aus dem Jahr 1587 bei seiner Stadtführung in der Stadtpfarrkiche, wie das damals so war als Fürstbischof Julius Echter die Protestanten vertrieb.

Wenn sich Historiker unterhalten, ist das für den Laien meist wenig erquicklich. Da wird mit Jahreszahlen um sich geschleudert, Namen und Funktionen vorausgesetzt. Größerer Zusammenhang? Bedeutung für die Gegenwart? Meist schwierig. Insofern war die Stadtführung Rainer Kirchs am Freitagabend im Rahmenprogramm der noch bis 2. April im Heimatspielhaus zu sehenden Ausstellung des Deutschen Historischen Museums „Luther reicht nicht – Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses“ eine wohltuende Ausnahme.

Hintergründig und humorvoll

65 Gäste ließen sich vom ehemaligen Lehrer Kirch, der nicht in seiner bekannten Rolle als Nachtwächter auftrat, sondern als ehemaliger Münnerstädter Bürgermeister Andreas Österreicher, ein sehr spannendes Kapitel Münnerstädter Stadtgeschichte humorvoll und hintergründig erklären. Kirchs Geschichte spielt im November 1587, zwei Jahre zuvor hat der Würzburger Fürstbischof Julius Echter das letzte Stadtviertel am Oberen Tor von den Hennebergern im Schleusinger Vertrag bekommen und sich sogleich an die Gegenreformation gemacht. Der Reformator Martin Luther ist da schon 39 Jahre tot, sein geistiges Erbe aber in der Stadt präsenter denn je.

„Der Glaube damals war im Zentrum des Lebens, man war stolz darauf und Mancher ging dafür sogar in den Tod“, erklärt Kirch.

Mürsch hat's Geld?

„Kissingen hat's Salz, Neuschd hat'n Stolz, Mürschd hat's Geld ...“, heißt es unter anderem im Rhöner Kreis. Wenn man im Jahr 2017 einen Blick auf die Stadtfinanzen wirft, fragt man sich, wer diese Redensart erfunden hat. Doch im 16. Jahrhundert traf sie den Nagel auf den Kopf, und zwar nicht den gesottenen. Münnerstadt war eine wohlhabende Stadt, es gab 24 Zünfte. 1492 ließ man Tilman Riemenschneider seinen berühmten Altar in der Stadtpfarrkirche erreichten, den Veit Stoß dann 1504 bemalte und die berühmten vier Tafelbilder der Kilianslegende fertigte. Andreas Österreicher, der sieben Mal zum Bürgermeister gewählt wurde – damals wurde jährlich (!) abgestimmt – und 34 Jahre im Rat der Stadt saß, ließ 1580 für sich und seine Familie das imposante Steingebäude an der Ecke Salzgasse/Veit-Stoß-Straße bauen, heute bekannt als Marienanstalt.

Selbstbewusste Protestanten

Die Bürger der Stadt waren selbstbewusst und kritisch. Und empfänglich für die Botschaften Martin Luthers, dem der damalige Amtmann Silvester von Schaumburg 1520 sogar anbot, Münnerstadt würde ihn aufnehmen und schützen. Sich zu Luther zu bekennen und dessen Lehre zu folgen, gefiel der Mehrheit der Bürger. Sowohl in der Stadtpfarrkiche als auch in der Klosterkirche – 1560 verließ der letzte Augustiner die Stadt, der Orden kehrte erst 1652 wieder zurück – predigten evangelische Pfarrer.

Mit 100 bewaffneten Reitern

So lange, bis Julius Echter die Faxen dick hatte. Rainer Kirch in Hochform erzählt mit launigen Anekdoten, wie man sich das damals vorstellen musste, als im Herbst 1587 400 Bürgerinnen und Bürger evangelischen Glaubens, vorwiegend Handwerker, die Stadt verließen. Wie das war, als 23 von 24 Stadträten und neun von zwölf hauptberuflichen Schöffen über Nacht weg waren. Und welche Mittel der überzeugte Katholik Echter anwandte, um die sehr widerspenstigen Münnerstädter zu bekehren.

Diese ließen sich weder von der Entlassung der evangelischen Pfarrer, inquisitorischen Einzelgesprächen mit dem Bischof und einem Vasallen oder der Strafe von 20 Talern, wenn man einem Gottesdienst der „falschen“ Glaubensrichtung beiwohnte, beeindrucken.

Erst als Echter mit über 100 bewaffneten Reitern im Herbst 1587 in die Stadt einzog, war klar: Der meint es ernst. Die Bürger, die nicht konvertieren, sondern gehen wollten, durften ihr Hab und Gut behalten, bekamen aber nur einen Monat Zeit zu packen und davon zu ziehen, die meisten in die freie Reichsstadt Nürnberg und nach Königsberg in Bayern, wohin es Andreas Österreicher und seine Familie zog.

Pareforceritt durch die Stadtgeschichte

Vom Heimatspielhaus über die Stadtpfarrkirche zur Marienanstalt, vom Rathaus zur Klosterkirche – es war ein Parforceritt von Rainer Kirch durch die Stadtgeschichte, der aber auch die Bemühungen Julius Echters nicht verhehlte, der Stadt Gutes zu tun nach der Gegenreformation. So wurde der Nordflügel der Stadtpfarrkirche renoviert und das Juliusspital reaktiviert. Ein lehrreicher Abend, der Stadtgeschichte mustergültig lebendig machte. So macht eine Geschichtsstunde immer Spaß.

Leben nach Luther – Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses,

Ausstellung im Heimatspielhaus bis 2. April, geöffnet Dienstag bis Samstag 10 bis 17 Uhr, Sonntag 11.30 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

Rahmenprogramm:

Dienstag, 14. März, 10 Uhr, im BBZ: Theater für Jugendliche ab zwölf Jahren.

Donnerstag, 16. März, 19 Uhr, Deutschherrnschloss: Vortrag „Luthers Weg als Student, München und Dozent“ mit Thomas Dahms.

Freitag, 17. März, 19 Uhr, Galerie Thomas Pfarr im Heimatspielhaus: Lesung „Aus Luthers Briefen ...“ mit Ingo Pfeiffer.

Sonntag, 19. März, Klosterkirche: Chorkonzert „Eine feste Burg ist unser Gott“ mit der Liedertafel.

Donnerstag, 23. März, 19 Uhr, Trauzimmer im Deutschordensschloss: Vortrag „Die Würzburger Bischöfe und die Reformation“ mit Professor Dr. Wolfgang Weiß.

Donnerstag, 30. März, 19.30 Uhr, Alte Aula: Vortrag „Martin Luther in seiner augustinischen Tradition“ mit Pater Lukas Schmidkunz OSA.

Freitag, 31. März, 19.30 Uhr, Deutschherrnkeller: szenische Lesung der Literanten „Und wenn ich wüsste ...“.

Sonntag, 2. April, 17 Uhr, katholische Pfarrkirche: Abschlusskonzert „Werke zur Passionszeit“ mit dem Ensemble Vokal Münnerstadt, Leitung Peter Rottmann.

Mit Humor und großen Worten: Rainer Kirch als Andreas Österreicher.
| Mit Humor und großen Worten: Rainer Kirch als Andreas Österreicher.
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