Bad Kissingen

Wo man in Bad Kissingen noch Reste des Mittelalters findet

Wer an den richtigen Stellen gräbt, stößt auch in der Kurstadt immer wieder auf Reste der Stadtmauer. Sie umschloss einst ein Gebiet von 200 mal 240 Metern.
Stadtheimatpfleger Peter Kaidel am Eisenstädter Platz. Die als Stadtmauer bezeichnete Wand dort ist eigentlich die Fassade des ehemaligen Zehnthofs.
Foto: Siegfried Farkas | Stadtheimatpfleger Peter Kaidel am Eisenstädter Platz. Die als Stadtmauer bezeichnete Wand dort ist eigentlich die Fassade des ehemaligen Zehnthofs.

Anders als Münnerstadt oder auch Bad Neustadt hat Kissingen das Mittelalter vor gut 200 Jahren weit hinter sich gelassen. Als sich das kleine viereckige Landstädtchen anschickte, sich auf seine künftige Rolle als Weltbad vorzubereiten, standen die alte Stadtmauer und die meisten der zugehörigen Türme im Weg. Ab etwa 1818 ging es deshalb daran, die frühere Stadtbefestigung abzubrechen. Reste der Mauer tauchen allerdings bei Bauarbeiten immer wieder einmal auf.

Der jüngste Fall ist ein Bauprojekt in der Spargasse, das rückseitig an die Turmgasse grenzt. Beim Abriss des bestehenden Hauses wurden Teile der spätmittelalterlichen Stadtmauer entdeckt. Das Landesamt für Denkmalpflege war involviert. "Die archäologisch relevanten Befunde wurden fachgerecht dokumentiert", antwortete die Behörde schon im Dezember auf eine Anfrage dieser Redaktion. In der Folge hatte die Denkmalpflege denn auch keine Einwände, dass das Bauvorhaben wie geplant weitergeführt werden konnte.

Fund im Bereich zwischen Spargasse und Turmgasse 

Die Stadtmauer werde dabei auch erhalten bleiben, teilte das Landesamt damals mit. Den "Belangen der Bodendenkmalpflege" so damit Genüge getan. Die Befunde an der Stelle belegten, "dass trotz moderner Bebauung im Umfeld der ehemaligen Stadtmauer weitere frühere Besiedlungsspuren erhalten sein" könnten.

Dass man ausgerechnet an der Linie zwischen den jeweiligen Rückseiten der Häuser in der Turmgasse und der Spargasse auf Fundamente der alten Stadtmauer stoßen würde, ist keine Überraschung. Die Mauer verlief dort von ihrer Südostecke beim Feuerturm Richtung Westen. Stadtheimatpfleger Peter Kaidel hat den gesamten Verlauf in seinem Faltblatt zur Stadtmauer, das die Stadt als Teil ihrer Stadtgeschichtlichen Informationen veröffentlicht hat, detailliert dargestellt.

2008 Reste gefunden

Im weiteren Verlauf zog sich die Mauer hinter den Fassaden der südlichen Grabengasse bis zum längst verschwundenen Unteren Tor hin. Dieses Tor stand im Bereich der Unteren Marktstraße. Gleich nebenan, so Kaidel weiter, auf dem Grundstück des jetzigen Boxbergerhauses, sei die Mauer dann im rechten Winkel nach Nordwesten abgezweigt und bis zum heutigen Wahlerbräuparkplatz verlaufen. Im Bereich des Parkplatzes seien 2008 ebenfalls Reste der Stadtmauer gefunden worden.

Kurz vor dem heutigen Ende des Parkplatzes bog die frühere Mauer erneut rechtwinklig ab, diesmal Richtung Osten. Nach Kaidels Beschreibung verlief sie danach über den früheren Holzförsterturm, "der mittig in der Spitalgasse" gestanden habe, bis zu dem heutigen kleinen Parkplatz an der Amtsgerichtskreuzung. Auch der Abbruch der ehemaligen Berufsschule in dem Bereich entlang der Maxstraße habe Mauerreste zutage gebracht, schreibt der Stadtheimatpfleger.

Zwei Ausbuchtungen

Der Verlauf der Mauer von ihrer nordöstlichen zur südöstlichen Ecke war nach Kaidels Worten nicht so gerade wie an den drei anderen Seiten. Richtung Feuerturm habe es zwei Ausbuchtungen gegeben. Dabei habe es sich um die Höfe des fürstbischöflichen Amtskellers und des Prälaten des würzburgischen Klosters St. Stefan gehandelt. Die vor Ort auf einer Tafel als Stadtmauer bezeichnete Wand am Eisenstädter Platz sei eigentlich die Fassade der früher dort stehenden Zehntscheune.

Der heutige östliche Zugang zur Altstadt in der Oberen Marktstraße war einst auch der östliche Zugang zum Städtchen. Dort stand das Obere Tor. Das letzte Stück Mauer zwischen Oberem Tor und Feuerturm verlief nach Kaidels Angaben entlang der rückwärtigen Fassaden jener Gebäude, die die Ostseite der Spargasse säumen.

Der einzige noch bestehende Turm

Der Feuerturm, das weiß in der Stadt jedes Kind, ist der einzige noch stehende der ursprünglich einmal insgesamt 14 Türme der Kissinger Stadtbefestigung. Im 19. Jahrhundert bestanden von diesen Türmen noch zehn, schreibt Kaidel. Viele hatten Namen, welche die Nutzung der Türme reflektierten.

Im Feuerturm, auch Hauptturm genannt, wohnte ein Türmer, der im Falle eines Falles mit der Glocke an der Turmspitze vor Feuer warnte. Im Säuturm wohnte der Schweinehirte, im Kühturm der Kuhhirte. Im Gänsturm an der Ecke von westlicher und nördlicher Stadtmauer wohnte, was für eine Überraschung, der Gänsehirte. Einen markanten Punkt bildete zudem das Pförtchen, auf der heutigen Spitalgasse gelegen. "Es hatte ein Tor für Fußgänger", schreibt Kaidel, "und war vom Holzförster bewohnt".

Mauer umfasste Areal von 200 mal 240 Meter

Die Türme waren nach der Beschreibung in den Stadtgeschichtlichen Informationen Teil einer Mauer, die ein etwa 200 mal 240 Meter großes Areal umfasste. Parallel zur Mauer sei ein Graben verlaufen, der beim Abriss von Mauer und Türmen ab 1818 mit deren Schutt aufgefüllt wurde, wie Kaidel schreibt.

Begonnen hatte die Befestigung Kissingens nach dessen Stadterhebung um das Jahr 1235 herum, berichtet der Stadtheimatpfleger. Der quadratische Grundriss, der bis etwa 1820 erhalten blieb, sei bis zum 14. Jahrhundert entstanden. Bei einer Höhe von fünf bis sechs Metern habe die Mauer in mittelalterlichen Zeiten die Stadt vor Angreifern geschützt. Doch Anfang des 19. Jahrhunderts war sie zu einem Hemmnis geworden. Um sich weiterentwickeln zu können, hinein in die Moderne, musste die Stadt sich von dem eng sitzenden Korsett aus Stein befreien.

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