Abersfeld

Adipositas: Niemand muss die Last allein tragen

Menschen mit Adipositas leiden nicht nur an ihrem Übergewicht – sie werden von ihren Mitmenschen oft ausgegrenzt. Sabrina Kolb kennt das aus eigener Erfahrung. Mit einer Selbsthilfegruppe möchte sie Betroffenen helfen. Es ist eine erste solche Anlaufstelle im Haßbergkreis.
Sabrina Kolb lädt ein zu einem ersten Treffen einer Adipositas-Selbsthilfegruppe in Haßfurt.Foto:Michael Mößlein
Foto: Michael Mößlein | Sabrina Kolb lädt ein zu einem ersten Treffen einer Adipositas-Selbsthilfegruppe in Haßfurt.Foto:Michael Mößlein

Sabrina Kolb hat ihr einnehmendes, offenes Lächeln nicht nur aufgesetzt. Wenn sie von sich erzählt, versteckt sie sich nicht hinter Fassaden und Worthülsen. Sie gerät nicht ins Stocken und erzählt offen von dem Problem, das ihr Leben und ihren Alltag all zu oft zur Strapaze macht: ihr Übergewicht. 158 Kilogramm schleppt die 23-Jährige mit sich herum. Sie ist 1,65 Meter groß. Dies möchte sie ändern, doch nicht alleine. Um auch anderen zu helfen, die an Fettleibigkeit (Adipositas) erkrankt sind, lädt sie an diesem Dienstag, 25. Oktober, zum ersten Treffen einer Selbsthilfegruppe (SHG) in Haßfurt ein.

Die junge Frau aus Abersfeld (Lkr. Schweinfurt) arbeitet als Krankenschwester in Haßfurt. Deshalb soll sich die zu gründende SHG auch dort treffen, um 18.30 Uhr im Gesundheitsamt, in der Zwerchmaingasse 14. Sollten genügend Interessenten kommen und sich eine Adipositas-SHG etablieren, wäre es die Erste im Landkreis Haßberge. Gut ein Jahr hat Sabrina Kolb zu einer Adipositas-Gruppe in Forchheim besucht, war dort zuletzt auch im Leitungsteam. Nun möchte sie ein solches Angebot im Haßbergkreis etablieren.

Sabrina Kolb hat selbst die Erfahrung gemacht, dass es anfangs schwerfällt, zu einer SHG zu gehen. „Es kostet Überwindung. Ich hatte schon fast Panik, bevor ich das erste Mal hingegangen bin“, sagt sie. Doch dann hat sie dort Hilfe erhalten. Allein schon das Erlebnis, in einer Gruppe Gleichgesinnter zu sein, war ein ganz ungewohntes, positives Gefühl.

Es war das Gegenteil von dem, was ihren Alltag seit vielen Jahren prägt. Denn wer wie Sabrina Kolb über 100 Kilo mehr auf die Waage bringt, als es der Bodymassindex (BMI) als normal vorgibt, der erntet von seinen Mitmenschen ab und zu mitleidige Blicke, meistens jedoch Spott, manchmal sogar offene Ablehnung. Die 23-Jährige war schon als Grundschülerin übergewichtig. Zweimal war sie auf Kur – vergeblich. „In der Schule wurde ich deshalb natürlich gemobbt“, sagt sie. Doch daran hat sie sich längst gewöhnt. Auch an abfällige Blicke anderer.

Woran sie sich nicht gewöhnen kann, sind die Einschränkungen im Alltag, die ihr Übergewicht nach sich zieht und über die sie offen spricht. Restaurantbesuche beispielsweise werden allein deshalb zum Problem, weil sie sich nicht darauf verlassen kann, einen Stuhl zu finden, der sie trägt. Schwimmbadbesuche scheitern mitunter schon daran, dass sie nicht durchs Drehkreuz am Eingang passt. „Wenn ich mit Freunden zum Shoppen gehe, dann bleiben für mich oft nur Schuhe und Schmuck, weil es Mode, die mir passt, nur im Oma-Style gibt“, berichtet Sabrina Kolb.

Während es sich mit solchen Problemen notfalls noch leben ließe, gibt es weitere Folgen, mit der die 23-Jährige sich auf keinen Fall arrangieren kann: das Krankheitsrisiko. Erhöhter Blutdruck, die Gefahr eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls, Diabetes, Gelenkschäden – „es ist alles nur eine Frage der Zeit, bis ich das bekomme“. Schon allein deshalb ist Sabrina Kolb darauf erpicht, ihr Gewicht zu reduzieren. Bleibt nur eine Frage: wie?

Fitnessstudio, Kuren, Weight Watchers . . . probiert hat die junge Frau schon vieles. Nur dauerhaft geholfen hat ihr bislang nichts. Sie leugnet nicht, dass es mitunter auch an ihr selbst gelegen hat, wenn die Pfunde nach einer Diät schnell wieder zugelegt haben – obwohl sie sich eigentlich gerne Sport macht und auch einen Zumba-Kurs besucht („man muss dort ja auch nicht jede Bewegung mitmachen“). Auch in ihrer Familie regiert das Übergewicht, sagt sie. Zu essen gab viel Fettreiches und kaum Gemüse, und die Oma verteilte kräftig Süßes.

Doch dies ist nur die eine Seite. Adipositas ist und bleibt eine Krankheit. „Nur viele sehen erkennen das nicht an“, sagt Sabrina Kolb, „anders, als wenn jemand beispielsweise Alkoholiker ist.“ Ständig hört sie den Ratschlag „Iss weniger“. Doch so einfach ist das nicht.

Vergangenes Jahr hat sie bei ihrer Krankenkasse eine operative Verkleinerung des Magens beantragt. Zwei Tage vor Weihnachten kam die Ablehnung. In diesem Jahr hat sie die OP erneut beantragt – wieder erfolglos. Dagegen hat sie Widerspruch eingelegt. Sie sagt: Alle konservativen Möglichkeiten, abzunehmen, haben bei ihr nicht gefruchtet. Sport, Ernährungsumstellung, Verhaltenstherapie – wenn das nichts hilft, sei eine Magenverkleinerung das äußerte Mittel. Ihr ist völlig klar, dass eine Magenverkleinerung ihre Gewichtsprobleme nicht auf einen Schlag lösen wird: „Der Weg danach ist genauso schwierig wie beim konservativen Abnehmen, ich muss mein Leben lang aufpassen, Vitamine nehmen, Sport machen.“

Ihr Wunschziel ist ein Körpergewicht von 80 Kilo – die Hälfte von dem, was sie heute wiegt. Damit wäre sie laut BMI immer noch übergewichtig (als normal gelten 55 Kilo), doch sie könnte weitgehend normal leben. Auch ihre Arbeit als Krankenschwester wäre problemlos möglich. Aktuell übernimmt sie als ambulante Intensivpflegerin eines Kindes vor allem Nachtschichten. Tagsüber mit einem agilen Kind auf den Spielplatz gehen und dort herumtollen – das klappt nicht. „Auch möchte ich einmal selber Kinder haben und mit diesen etwas erleben“, sagt sie.

Als Betroffene verspürt sie die Sorgen von Menschen mit Adipositas wörtlich am eigenen Leib. Mit ihrer Art, offen damit umzugehen – sie betreibt im Internet einen Blog und postet zu dem Thema auch auf Facebook – möchte sie anderen helfen. Die SHG soll einen Austausch bieten, Fachvorträge, aber auch gemeinsame Aktivitäten, die über die Gruppentreffen hinausreichen – je nachdem, was die Mitglieder wünschen. Die Gründung der Selbsthilfegruppe mit Unterstützung der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe am Landratsamt Haßberge (KOS) ist für sie deshalb nur konsequent. Erreichbar ist Sabrina Kolb per Tel. unter 0 170 5 84 46 08 oder per E-Mail an adipositasshghassfurt@gmx.de

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