Haßfurt

„Der größte Sklavenhalter seit den Pharaonen“

Anders als etwa Bormann oder Speer ist er kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, obwohl er zu den Hauptkriegsverbrechern zählt und nach den Nürnberger Prozessen hingerichtet wurde: Fritz Sauckel.
Foto: ArchivHT | Anders als etwa Bormann oder Speer ist er kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, obwohl er zu den Hauptkriegsverbrechern zählt und nach den Nürnberger Prozessen hingerichtet wurde: Fritz Sauckel.

Gerne schmücken sich Orte mit berühmten Persönlichkeiten, die in ihnen wirkten oder geboren wurden. Doch wie soll eine Stadt damit umgehen, wenn ihr bekanntester Sohn ein Kriegsverbrecher war? Auch in Haßfurt stellt sich diese Frage, denn in einem Haus in der Brückenstraße wurde Fritz Sauckel geboren, einer der Hauptkriegsverbrecher der Nazizeit.

Für den Historiker Dr. Steffen Raßloff aus Erfurt steht fest, dass ein offener Umgang mit den dunklen Punkten der eigenen Geschichte „das einzig Richtige“ sei. Als Beispiel nannte er die Stadt Weimar, die sich noch bis in die 90-er Jahre schwer mit ihrer bedeutenden Rolle bei den Nazis getan habe, nun aber auch diesen Teil der Geschichte zeige und dafür viel Anerkennung bekomme. Raßloffs Schwerpunkt ist die Geschichte Thüringens, wo der aus Franken stammende Sauckel im 3. Reich Gauleiter war. Am Mittwochabend hielt er in der Haßfurter Stadthalle einen Vortrag über den Kriegsverbrecher.

Der Vortrag fand im Rahmen des Kulturcafés statt, in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv, dessen Leiter Thomas Schindler eine kleine Ausstellung über das zusammengetragen hatte, was sich in Haßfurt über Sauckel finden lässt. Vor der eigentlichen Veranstaltung trafen sich viele Interessierte am Geburtshaus des Kriegsverbrechers in der Brückenstraße. Nach einigen Informationen über das Gebäude ging es dann zum eigentlichen Vortrag in den kleinen Saal der Stadthalle. Das Interesse am Thema war groß, gut 100 Besucher füllten den Raum, darunter auch der frühere Landtagsabgeordnete Albert Meyer und der stellvertretende Landrat Michael Ziegler.

Fritz Sauckel, der aus einfachen Verhältnissen stammte, verbrachte die ersten vier Jahre seines Lebens, von 1894 bis 1898, in Haßfurt. Dann zog die Familie nach Schweinfurt, wo er das Gymnasium besuchte. Bis zum Abitur brachte er es nicht: 1909 verließ er die Schule mit der Mittleren Reife und fuhr als Matrose auf Handelsschiffen zur See. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach befand er sich auf einem deutschen Schiff, wurde gefangen genommen und verbrachte den Rest des Krieges in einem französischen Internierungslager. Danach kam er zurück nach Schweinfurt, wo er bei Kugelfischer arbeitete, bis er 1922 in Ilmenau ein Ingenieurstudium begann. Dass dieses 1924 ohne Abschluss endete, stellte er selbst als politischen Rauswurf dar.

Historiker Raßloff konnte die Legende vom NSDAP-Märtyrer jedoch als Propagandalüge enttarnen. Der wahre Grund für das Ende von Sauckels Studium war, dass er bei einem Betrugsversuch erwischt wurde. 1927 wurde er NSDAP-Gauleiter in Thüringen, „ein relativ hohes Amt in einer noch relativ kleinen Partei“, wie Raßloff berichtet. 1930 gab es dort die erste Regierungsbeteiligung seiner Partei, ab 1932 war er Ministerpräsident. 1933 ernannte ihn Hitler zum Reichsstatthalter in Thüringen. Den letzten Schritt auf der Karriereleiter nahm er 1942, als er Generalbevollmächtigter für Arbeitseinsätze wurde. Hiermit war er zuständig für Zwangsarbeiter, die sehr schlecht behandelt wurden. Aufgrund seiner Kriegsverbrechen wurde er in den Nürnberger Prozessen zum Tod verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet. Im Prozess wurde er als „Der größte Sklavenhalter seit den Pharaonen“ bezeichnet. Eine gewisse Ironie liegt darin, dass Sauckels damalige Villa in Weimar heute ausgerechnet von der Arbeitsagentur als Schulungszentrum genutzt wird.

Immer wieder stellte Raßloff Sauckels besondere Rolle als Hitlers Mustergauleiter heraus. Alle Verordnungen der Nationalsozialisten wurden in Thüringen in kürzester Zeit umgesetzt. So steht auch in Weimar das einzige Gauforum, das tatsächlich gebaut wurde und erhalten blieb. „Seien Sie froh, dass Sie ihn in Franken rechtzeitig losgeworden sind“, sagte Raßloff, denn für Weimar sei der Bau auch heute noch ein Problemfall.

„Man hat nationalsozialistische Familienpolitik im Haus Sauckel durchaus ernst genommen“, kommentierte der Historiker die Tatsache, dass der Kriegsverbrecher zehn Kinder hatte. Auch heute gibt es noch Nachfahren. Auf die Frage, wie Sauckel so viel Bedeutung erlangen konnte, gibt es verschiedene Antworten. Eine davon hat mit seinen Beziehungen und Kontakten zu tun. „Vitamin B“, sei zur Nazizeit genauso wichtig gewesen, um an bestimmte Posten zu kommen, wie zu jeder anderen Zeit. Für Sauckel spielte neben Adolf Hitler vor allem Martin Bormann eine wichtige Rolle. Dazu kam seine Fähigkeit, Menschen aus verschiedensten Schichten und Umfeldern anzusprechen, sowohl aus der bürgerlichen Gesellschaft als auch aus Arbeiterkreisen. Geholfen könne auch haben, dass er als Protestant mit einer Katholikin verheiratet war und damit Menschen beider großer Konfessionen ansprach.

Zum Schluss seines Vortrags beschäftigte sich Raßloff mit der Frage, wie gerecht die Nürnberger Urteile waren. Besonders der Vergleich zwischen Fritz Sauckel und Albert Speer lässt das zweifelhaft erscheinen. Beide beschäftigten Zwangsarbeiter unter schrecklichen Arbeitsbedingungen, die für viele tödlich endeten. Raßloff ist der Ansicht, Sauckel habe sich mit seinem Verhalten im Prozess sein eigenes Grab geschaufelt. Denn während Speer – „ob geschauspielert oder nicht“ – Reue zeigte, versuchte Sauckel bis zum Schluss, sich mit Halbwahrheiten herauszuwinden.

Hierin könnte, so Raßloff, der Grund liegen, warum der „smarte Architekt“ Speer mit einer Haftstrafe davonkam, während Sauckel, der im Prozess eine sehr schlechte Figur gemacht habe, hingerichtet wurde.

Sauckels Verbindungen zu seiner Geburtsstadt Haßfurt schätzt der Historiker als gering ein. Nur bis zu seinem vierten Lebensjahr hatte er hier gelebt, seine Erinnerungen an die Stadt dürften also nicht groß gewesen sein. 1923 war er hier noch einmal an einer Saalschlacht im Wildbad beteiligt, über die Stadtarchivar Schindler berichtete. Damals hatten örtliche NSDAP-Vertreter dort einen Vortrag organisiert, bei dem die Antisemitin Andrea Ellendt sprechen sollte. Dabei kam es zur gewalttätigen Auseinandersetzung mit Sozialdemokraten und Juden. Auch wenn die Nazis hieraus nicht als Sieger hervorgingen, konnten sie das Ereignis für sich nutzen, indem sie sich als Märtyrer stilisierten. Später kam Sauckel nur noch einmal nach Haßfurt, als ihn seine Heimatstadt 1934 im Rahmen einer „Braunen Messe“ zum Ehrenbürger machte – Ein Titel, der ihm nach dem Krieg wieder aberkannt wurde.

Sowohl Historiker Raßloff als auch Veranstalterin Sibylle Kneuer zogen Verbindungen zur heutigen Zeit und aktuellen politischen Entwicklungen. Damals wie heute sehe man, so Kneuer, dass radikale Tendenzen gefährlich seien. Raßloff erwähnte die Bedeutung der Weltwirtschaftskrise für den Aufstieg der Nationalsozialisten und stellte fest, dass auch heute zu beobachten sei, dass Krisenzeiten oft zu einer Stärkung extremer Tendenzen, gerade am rechten Rand führen.

Sauckel habe Nazifamilienpolitik ernst genommen – er hatte zehn Kinder, berichtete der Historiker Steffen Raßloff.
Foto: Peter Schmieder | Sauckel habe Nazifamilienpolitik ernst genommen – er hatte zehn Kinder, berichtete der Historiker Steffen Raßloff.
Hier nahm die steile, aber tragische Karriere von Fritz Sauckel ihren Anfang: Das Geburtshaus der Nazigröße in der Haßfurter Brückenstraße, die zuletzt Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz war.
Foto: Peter Schmieder | Hier nahm die steile, aber tragische Karriere von Fritz Sauckel ihren Anfang: Das Geburtshaus der Nazigröße in der Haßfurter Brückenstraße, die zuletzt Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz war.
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