Haßfurt

Die größte Naturkatastrophe Mitteleuropas

Kartenauszug aus einer Zeichnung um 1579, Norden ist links. Damals war es noch üblich, auch Wüstungen als Dörfer in Karten einzuzeichnen, da die alten Siedlungsplätze noch häufig mit Rechten und Pflichten belegt waren. So ist diese Karte ein deutliches Indiz dafür, dass die Flur „Langer Rein“ einstmals besiedelt und vielleicht die Ur-Siedlung der Ziegelangerer oder Schmachtenberger war.
Foto: Repro: Mark Werner | Kartenauszug aus einer Zeichnung um 1579, Norden ist links. Damals war es noch üblich, auch Wüstungen als Dörfer in Karten einzuzeichnen, da die alten Siedlungsplätze noch häufig mit Rechten und Pflichten belegt waren.

Lebt man am oder gar im Maintal, so könnte in den letzten Jahrzehnten fast der Eindruck entstanden sein, katastrophale Hochwasser gibt es an Oder, Elbe oder Donau – aber nicht hier.

Dass dem nicht so ist, verrät schon ein kurzer Blick in die örtlichen Chroniken. Das bekannteste Hochwasser ist natürlich das jüngste von 1909, obwohl dieses im Vergleich mit älteren Ereignissen, wie zum Beispiel dem von 1784, eher noch glimpflich war. In der Tat lag die Abflussmenge im Jahr 1909 mit ca. 1700 m³/Sekunde noch nicht einmal auf dem Niveau eines sog. „Jahrhunderthochwassers“.

Was sich jedoch vom 19. bis 25. Juli 1342 in Mitteleuropa ereignete, überstieg alles bis dahin Gewesene und nachher Geschehene bei weitem. Der Sommer war bereits sehr feucht, so dass die Extrem-Niederschläge ab dem 19. Juli 1342 auf gesättigten Boden fielen. Dieser Regen war heftig und glich zeitgenössischen Berichterstattern zufolge den Ergüssen, die zu Noahs Zeiten die Sintflut hervorriefen. Heute sprechen wir von einer sogenannten V-b, also „Fünf B“-Wetterlage, bei der sich feuchte Luftmassen aus dem Mittelmeerraum abregnen. Diese Wetterlagen sind auch für die Sommerhochwasser der Jahre 2002 und 2013 an Donau und Elbe verantwortlich gewesen.

Der Mensch war schon vor über 600 Jahren im höchsten Grade mitverantwortlich für das Ausmaß der Katastrophe. Die Bevölkerung wuchs im Mittelalter stark an, was zu einer Auslichtung und Reduzierung der Bewaldung führte, wie wir sie uns heute kaum vorstellen können. Es sind bis ins Frühmittelalter vor allem die Wälder gewesen, die Niederschläge in höchstem Grade speichern oder zur Verdunstung bringen konnten, somit vom Abfluss über Bäche und Flüsse abhielten. Man kann es sich kaum vorstellen, aber vor dem Mittelalter war der Main ein schmächtigerer Fluss als heute, weil sein Einzugsgebiet noch stark bewaldet war. Unsere Vorfahren rodeten jedoch nicht nur die Wälder im Binnenland, sondern auch entlang der Mainauen. Die außergewöhnlichen Regenfälle wurden also in der Landschaft kaum gespeichert, kamen größtenteils zum Abfluss und in den Auen fehlte der bremsende Bewuchs. Das Ergebnis war eine Flutkatastrophe um den Tag der Heiligen Maria Magdalena, das von Wissenschaftlern als „Jahrtausendereignis“ bezeichnet wird, wenngleich mangels Vergleichsdaten niemand weiß, ob wir mit einer solchen Flut alle 500 oder alle 10 000 Jahre rechnen müssen.

Ein „Jahrhunderthochwasser“ wird heute mit einer Abflussmenge von 2000 m³/Sekunde angenommen, was es in historischer Zeit am Main schon mehrfach gegeben hat, auch wenn wir glücklicherweise seit Generationen davon verschont werden. Ein „Extrem-Hochwasser“ (HQ Extrem) wird bei 3000 m³/Sekunde angenommen, was der Untergrenze der geschätzten Abflussmenge von 1342 gleichkommt. Leider sind bislang keine Hochwassermarken im Landkreis Haßberge von der damaligen Flut bekannt, aber ein Blick in die amtliche Hochwassergefahrenkarte macht sehr wohl deutlich, wie außergewöhnlich dieses Hochwasser war. Bei „HQ Extrem“ wäre nämlich nicht nur der Haßfurter Bahnhof überflutet, sondern das Wasser stünde auch in der Zeiler Siedlung „Grabengärten“ und würde über einen Meter hoch durch Augsfeld oder Sand-Wörth strömen. Einen schönen Eindruck hinterlässt ein Spaziergang in Würzburg vom Main zum Dom. Denn bis dort hinein reichten einst die Wassermassen.

Dieses Ereignis war so außergewöhnlich, dass viele Siedlungen im Maintal zerstört wurden und für immer wüst fielen. Die Talbewohner flüchteten häufig in höher gelegene, notdürftig errichtete Niederlassungen. Die Dörfer Ziegelanger und Schmachtenberg könnten zum Beispiel durchaus damals erst ihre endgültigen Plätze eingenommen haben. Vielerorts verlagerte der Main seinen Lauf und schuf somit vollständig neue Gemarkungs- oder Flurstücksgrenzen. So gibt es zum Beispiel keinen einzigen Beleg dafür, dass der (Alt-)Main schon vor der Mitte des 14. Jahrhunderts durch Sand a. Main floss.

Die extremen Niederschläge hatten jedoch im Zuge dieser Umweltkatastrophe noch viel schlimmere Folgen: Erosion! Die heute dicht bewaldeten, idyllischen und steilen Schluchten, wie wir sie zum Beispiel im Böhlgrund gerne durchwandern, sind meist die sichtbaren Überreste von Kerbenreisen auf einstmals intensiv genutztem Kulturland. Großflächig wurde auch die dünne Lößdecke von den Äckern gewaschen, weshalb viele Felder aufgegeben und nur noch beweidet wurden. Die drastischen Sterbezahlen in der Pestepidemie um 1350, also wenige Jahre nach der Flut, ließen endgültig großflächig Acker- und Weideland brach liegen, wodurch dieses wieder mit Wald bewuchs.

Und heute? Wenn man über die Hochwassergefahr sprechen will, hört man an den Stammtischen oft die Meinung, dass wir aufgrund von Staustufen und Baggerseen am Main nicht mehr mit solchen Ereignissen rechnen müssten. Dieser Glaube gleicht jedoch dem „Pfeifen im Walde“, denn keine Staustufe und schon gar kein Baggersee ist in der Lage, Flutereignisse von 2000 oder 3000 m³ pro Sekunde merklich zu beeinflussen. Ein einfaches Beispiel macht dies deutlich: Ein Baggerloch von 20 Hektar Fläche und einem Volumen von 400 000 Kubikmetern wäre rein rechnerisch schon innerhalb von 200 Sekunden, also nicht einmal vier Minuten, von einem 100-jährigen Hochwasser geflutet. Zudem kann man sich jeden Tag in Eltmann oder andernorts oberhalb von Staustufen davon überzeugen, dass man dort keine großen Hochwassermengen zurückhalten kann, ohne dass es dort selbst zu großen Überflutungen käme.

Im dicht besiedelten Mitteleuropa ist es unrealistisch, alle Flächen zu räumen, die innerhalb von vielleicht 500 Jahren einmal überflutet sein könnten. Es genügt vollkommen, sich der latenten Gefahr bewusst zu sein und zum Beispiel bautechnische Einrichtungen danach auszurichten. Die wirksamste Maßnahme gegen Flutschäden wäre natürlich, zusätzliches Schadenspotenzial durch weitere Bebauung nach Möglichkeit zu vermeiden, aber das ist natürlich eine Platzfrage.

Seien wir also froh, dass der Wetterbericht des Jahres 2016 für den Magdalenentag keine „Fünf B“-Wetterlage im Einzugsgebiet des Maines vorhersagt. Hoffen wir, dass uns und unseren Kindern das gleiche Glück die Treue hält, wie schon unseren Eltern und Großeltern.

Kartenauszug aus einer Zeichnung um 1600, Norden ist rechts. Zweifelsfrei floss damals der Main schon zwischen Sand und Sand-Wörth hindurch. Die Karte, auf der eine Siedlung des Namens „Wehr“ südlich des Maines eingezeichnet ist, könnte jedoch an eine Zeit erinnern, als der Main noch nördlich an Sand-Wörth vorbei floss – viele Jahrhunderte vor der Begradigung im 19. Jahrhundert.
Foto: Repro: Mark Werner | Kartenauszug aus einer Zeichnung um 1600, Norden ist rechts. Zweifelsfrei floss damals der Main schon zwischen Sand und Sand-Wörth hindurch.
Der Hochwasserstein in Sand am Main. Seine Errichter waren Optimisten, die sich keinen höheren Hochwasserstand als jenen von 1909 vorstellen konnten. Mögen sie möglichst lange Recht behalten, denn für ein HQ-Extrem fehlt es dem Stein deutlich an Höhe.
Foto: Mark Werner | Der Hochwasserstein in Sand am Main. Seine Errichter waren Optimisten, die sich keinen höheren Hochwasserstand als jenen von 1909 vorstellen konnten.
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