Obertheres

Ein Schäfer auf Wanderschaft

Mit dicker Kleidung lässt sich die Kälte ertragen. Die Schafe haben's da einfacher. Wanderschäfer Michael Papp aus Opferbaum mit seinen Schafen beim Königsberger Stadtteil Römershofen.
Foto: Alois Wohlfahrt | Mit dicker Kleidung lässt sich die Kälte ertragen. Die Schafe haben's da einfacher. Wanderschäfer Michael Papp aus Opferbaum mit seinen Schafen beim Königsberger Stadtteil Römershofen.

Nein, „Strobel“ hat's weiß Gott nicht leicht. Ständig versuchen die gefräßigen Dinger, den Hütehund auszutricksen. Ständig ist er in Bewegung, was aber nicht verkehrt ist bei diesen Temperaturen. Vier Grad Minus hat es an diesem Nachmittag. Die „gefräßigen Dinger“ juckt das nicht, die sind ja fest eingepackt in ihrem Winterpelz.

„Da hilft nur dick anziehen“

Ganz anders geht es da Michael Papp. „Da hilft nur dick anziehen“, sagt der Schäfer und blickt unablässig auf seine Herde, die derweil am Rande von Römershofen das Gras verputzt, das zwischen der dünnen Schneedecke hervorspitzt. Langsam, aber stetig geht es an diesem Tag in Richtung Rügheim. Papp ist mit seiner Herde, mit dem altdeutschen Schäferhund Strobel, auf Wanderschaft, er ist einer von wenigen Wanderschäfern, die es in der Region noch gibt.

Mit 400 Schafen ist er unterwegs, im Herbst ist er von zuhause, in Opferbaum im Landkreis Würzburg, aufgebrochen. Den Haßbergkreis kennt er dennoch gut, denn früher hatte er seinen Viehhof in Obertheres. Bei Haßfurt hat er selbst noch eine Wiese. Ende Januar zieht es den 57-Jährigen dann auch wieder in Richtung Heimat.

Schäferei liegt ihm im Blut

Die Schäferei liegt ihm im Blut, seit fast vier Jahrzehnten ist er Schäfer, bereits sein Vater war Schäfer und seine Söhne haben daran auch Gefallen gefunden. Einer von ihnen hat gar schon seine Meisterprüfung absolviert. So gut es mit dem Schäfernachwuchs in seiner Familie bestellt ist, so wenig rosig schaut es um die Zahl der Schäfer in der Region aus, sagt Papp. Und nennt auch den Grund: „Du hängst einfach immer dran. Jeden Tag. Auch Samstag und Sonntag“. Wenn jemand nicht damit aufgewachsen ist „dann macht er das nicht“, so der Schäfer.

Was Michael Papp gefühlsmäßig als die Situation bei den Schäfern umschreibt, kann Herbert Lang, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Schweinfurt in Zahlen belegen. Zum Teil drastisch war der Rückgang bei den Betrieben, wie auch bei der Anzahl der Tiere allein in den vergangenen rund eineinhalb Jahrzehnten.

Gab es zur Jahrtausendwende in Unterfranken noch rund 850 Betriebe mit knapp 50 000 Schafen, dann waren es laut der Agrarstatistik des Amtes im vergangenen Jahr gerade noch 655 Betriebe mit knapp 40 000 Tieren.

Immer weniger Betriebe und Schafe

Die meisten Betriebe hatten dabei lediglich bis zu 25 Schafe, also hauptsächlich Schafhaltung als Hobby oder im Nebenerwerb.


Quasi halbiert hat sich allein in dieser Zeit der Bestand an Schafen im Landkreis Haßberge: Gerade noch 2300 Tiere verzeichnet die Statistik, gehalten in 90 Betrieben. Im Jahr 2000 hatte es im Haßbergkreis noch 120 Schafhalter gegeben. Der Grund für diese Entwicklung? „Die Wirtschaftlichkeit“, sagt Herbert Lang. Die Wolle spiele quasi keine Rolle mehr, die Schäferei lebe in hohem Maße von der Förderung.

Angst, dass der Wolf auftaucht

Der Trend bei den Schäferbetrieben zeigt eindeutig nach unten, sagt auch der Vorsitzende des unterfränkischen Schäfervereins, Bonifaz Scherpf (Hammelburg). Jedes Jahr werden es drei bis vier Betriebe weniger, so die Einschätzung von Scherpf. Gründe? Der Verkehr wird mehr, die Pacht teurer und es gibt immer weniger Weideflächen. Was bei den Schäfern übrig bleibt: „Wir kommen nicht einmal auf den Mindestlohn“, so Scherpf. Und etwas Weiteres fürchten die Schäfer, so Scherpf: „Dass der Wolf auch in der Region Einzug hält“. Er rechnet damit, dass dann weitere Schäfer aufgeben.

Dass Wanderschäfer noch geeignete Flächen finden, nennt auch Michael Papp als ein großes Problem: „Sommerweiden gibt es immer weniger“, so Papp. Zudem ergeht es ihm wie vielen Landwirten: die hohen Pachtpreise sind ein Problem. So ist er froh, dass er während des Sommers auf dem Truppenübungsplatz bei Hammelburg mit seinen Schafen weiden kann.

Seit vielen Jahren auf Wanderschaft

Im Winter aber geht es auf Wanderschaft. Seit vielen Jahren. Aber auch diese Wanderschaft mit der Herde hat sich verändert, ist gefährlicher geworden, anstrengender, so Papp, weil der Verkehr einfach zugenommen hat. Dennoch ist seine Erfahrung überwiegend positiv: „Die Leute nehmen schon Rücksicht auf uns“.

Wenn es Abend wird, dann ruht die Wanderschaft. Die Tiere werden über Nacht mit einem Elektrozaun davon abgehalten auszubüxen. Die Kälte macht ihnen nichts aus, sagt Papp, „Rehe und andere Wildtiere sind ja auch draußen“.

Trockene Kälte stört die Tiere nicht, es ist allemal besser als Regenwetter. Solange sie genug zu Fressen haben, fühlen sie sich auch bei diesem Wetter wohl. Und seine Schafe bekommen zudem am Abend eine extra Ration Futter. Dann müssen die Tiere ohne ihn auskommen. Er übernachtet zuhause und stößt am nächsten Morgen wieder zu der Herde. Auch auf dem Betrieb zuhause sind Tiere: Die trächtigen Schafe und die Tiere, die Nachwuchs haben, bleiben im Stall bei Opferbaum.

Erleben, wenn die Natur erwacht

Nur noch wenige Tage, dann zieht Papp mit seinem Gefährten „Strobel“ und den Hunderten Schafen wieder in Richtung Heimat. Wie lange er dies noch machen will? Er lacht, „solange es noch Spaß macht, aber bis zur Rente auf jeden Fall“. Und warum überhaupt Wanderschäferei, warum bei Eiseskälte durch die Landschaft ziehen? Die Antwort kommt ohne Umschweife: „Weil Du die Natur erlebst, jede Jahreszeit erlebst“. Und er fügt hinzu: „Wenn die Natur erwacht, wenn nach dem Winter aus Tod das Erwachen wird, da staune ich immer wieder“.

Wanderschäfer Michael Papp aus Opferbaum.Foto: Alois Wohlfahrt
Foto: Alois Wohlfahrt | Wanderschäfer Michael Papp aus Opferbaum.Foto: Alois Wohlfahrt
Trotz Schnee finden die Schafe immer noch Futter.
Foto: Alois Wohlfahrt | Trotz Schnee finden die Schafe immer noch Futter.
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