Haßfurt

Er reagiert durchaus auf die Umwelt

Eine Spende zur Unterstützung der Pflege überreichte Roselinde Werb von der Kolpingfamilie Eltmann an Monika und Hubert Betz, der seit 2008 im Wachkoma liegt. Die Spende stammt aus dem Erlös der Kinderkleiderbasare, die die Kolpingfamilie zweimal jährlich veranstaltet.
Foto: Sabine Weinbeer | Eine Spende zur Unterstützung der Pflege überreichte Roselinde Werb von der Kolpingfamilie Eltmann an Monika und Hubert Betz, der seit 2008 im Wachkoma liegt.

„Ich hoffe, das hilft“, sagt Roselinde Werb und drückt Monika Betz einen Briefumschlag in die Hand. Monika Betz ist eine außerordentlich starke Frau, doch sie hat eine Träne im Augenwinkel, als sie sich bedankt. „Alles hilft“, sagt sie und streicht ihrem Mann Hubert über die Stirn. Seit fast sieben Jahren liegt er im Wachkoma, seine Frau pflegt ihn aufopfernd. Diese Pflege will die Kolpingfamilie Eltmann unterstützen. Der Erlös der letztjährigen Kinderkleiderbasare kommt diesmal Hubert Betz und dem Locked-In-Patienten Jonas Thein in Holzhausen zugute.

Der Sommer 2008 stellte für Hubert und Monika Betz das ganze Leben auf den Kopf. Gerade aus dem Südtirol-Urlaub zurückgekehrt, wollte Hubert Betz die letzten freien Tage daheim genießen, bevor er wieder seinen Dienst beim Wasser- und Schifffahrtsamt in Haßfurt angetreten hätte. Begeisterter Sportler war er, Fußballer und Trainer, gern schwang er sich auf sein Fahrrad, so auch an diesem Tag. In zwei Stunden wollte der damals 47-Jährige wieder da sein – Monika Betz sah ihren Mann auf der Intensivstation wieder. Kurz vor Prappach, am Ende seiner Radtour, hatte Hubert Betz einen Herzinfarkt, fiel vom Rad. Obwohl ihm schnell und professionell geholfen wurde, waren die Folgen dramatisch. Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass er an einer nur per Herzkatheter erkennbaren Erkrankung litt.

Für Monika Betz war klar: „der Hubert kommt heim“, auch wenn ihr Ärzte und Pflegepersonal in der Reha abrieten. Sie hat ihr ganzes Leben auf den pflegebedürftigen Ehemann abgestellt. Beide schlafen im Wohnzimmer, sie hat seit Jahren nicht mehr durchgeschlafen, denn immer wieder muss sie nach ihm sehen, ihn umlagern.

Er reagiert durchaus auf seine Umwelt „an einem Tag besser, am anderen weniger“, so Monika Betz, seinen Körper jedoch hat Hubert Betz nicht mehr unter Kontrolle. Auch das Schlucken ist oft problematisch. Dennoch macht er kleine Fortschritte. Zweimal pro Woche kommen Ergo- und Logopädin ins Haus, dreimal wöchentlich ist Krankengymnastik.

„Ich bekomme viel Unterstützung“, sagt Monika Betz, ob durch den Pflegedienst, Nachbarn oder Freunde, doch die Hauptlast der Pflege trägt sie mit großem Engagement und ohne zu klagen. Großartig sei ihr Hausarzt Dr. Leitgeb und auch die Krankenkasse sei recht entgegenkommend. Dennoch kämpft sie derzeit um die Kostenübernahme für ein Medikament. 144 Euro muss sie für jede 90-er-Packung zuzahlen, zwei davon braucht Hubert Betz, damit sein Magen funktioniert.

Aus der Verkäuferin wurde in diesen fast sieben Jahren eine versierte Pflegefachkraft. Die eigentliche Pflege sei für sie im Grunde kein Problem – für den Beobachter eine offensichtliche Untertreibung – aber was sie zermürbt, ist die ständige Auseinandersetzung mit dem Gesundheitssystem. Vollkommen unproblematisch bekam ihr Mann eine Reha verschrieben, sie legte eine eigene Operation so, dass ihre Erholung in diese Zeit fiel – sein Transport in die Reha wurde drei Tage vor Beginn plötzlich ein Problem. Mehrere Telefonate musste die Frischoperierte führen, dann klappte es doch „aber ich frage mich manchmal, was ältere pflegende Angehörige machen in solchen Situationen“, wünscht sie sich ein weniger kompliziertes System.

Der MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) war da, um sie zur Qualität des Pflegedienstes zu befragen. „Einen dicken Ordner hat der junge Mann hin- und her gewälzt, tausend Fragen, aber wie die Schwestern mit meinem Mann umgehen, das hat keinen interessiert“. Viel Überlastung und Zeitdruck hat sie bei Pflegepersonal vor allem in den Krankenhäusern und auch Reha-Einrichtungen erlebt. Deshalb ist sie über vieles auch zwar enttäuscht, aber nicht verärgert. Natürlich bekomme sie jederzeit eine Reha, um sich von den Strapazen der Pflege erholen zu können, erzählt sie. Auch ihr Mann müsste von der Reha-Einrichtung aufgenommen werden. „Aber wenn ich sage, dass er Wachkoma-Patient ist, winken die freundlich ab“.

Ab und an nimmt sie sich eine Auszeit – für Stunden. Etwa für die Erstkommunion ihres Patenkindes. Dann gibt es Nachbarinnen, den Pflegedienst oder Verwandte, die Hubert Betz betreuen. Ehepaare, mit denen sie sich früher immer in Südtirol getroffen haben, schauen ein-,zweimal im Jahr vorbei. „Dann sind wir im vergangenen Jahr mit Hubert nach Vierzehnheiligen gefahren, er war doch so begeisterter Wallfahrer“, erzählt seine Frau. Welch logistischen Aufwand dieser Ausflug bedeutet hat, verschweigt sie.

Zwei bis drei Stunden am Tag kann Hubert Betz im Rollstuhl sitzen, dann muss er wieder liegen – so auch gegen Ende des Besuchs durch Roselinde Werb, die interessiert beobachtet, wie es die zierliche Monika Betz mit dem Lift schafft, ihren Mann aus dem Rollstuhl ins Bett zu bringen. Roselinde Werb kennt Hubert Betz von früher, vom Fußball und von Geburtstagsfeiern bei Monika Betz‘ Schwägerin, die in Eltmann lebt.

An Patientenverfügung denken

Sie habe lange gebraucht für den ersten Besuch, gesteht sie. Das gehe vielen Menschen so, erklärt Monika Betz, viele kämpfen mit einer unsichtbaren Hemmschwelle, doch sie freue sich über jeden Besuch, betont sie. „Und schreiben Sie bitte, dass ich jedem empfehle, Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht auszufüllen“, sagt sie beim Abschied. Vieles wäre mit diesen Dokumenten einfacher gewesen, aber auch sie und ihr Mann hätten sich mit Mitte Vierzig ungern mit dieser Thematik auseinandergesetzt und deshalb beides nicht gehabt.

Fast eine Viertelstunde benötigt Monika Betz trotz Lift und Routine, um ihren Mann aus dem Rollstuhl ins Bett zu bringen. Nach zwei bis drei Stunden wird für den Wachkoma-Patienten das Sitzen zu anstrengend. Nicht nur zu liegen, ist aber vor allem wichtig für die Lungenfunktion.
| Fast eine Viertelstunde benötigt Monika Betz trotz Lift und Routine, um ihren Mann aus dem Rollstuhl ins Bett zu bringen. Nach zwei bis drei Stunden wird für den Wachkoma-Patienten das Sitzen zu anstrengend.
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