Haßfurt

Haßfurt: Flüchtlinge erzählen ihre bewegenden Geschichten

Zaher Msallati floh vor einigen Jahren aus Syrien nach Deutschland und fand ein neues Zuhause in Knetzgau. Er kommt direkt aus Aleppo, dem durch den Bürgerkrieg in die Schlagzeilen geratenen Ort. Dieses Foto der zerstörten Stadt entstand im Jahr 2016. 
Foto: A2800/_Zouhir Al Shimale | Zaher Msallati floh vor einigen Jahren aus Syrien nach Deutschland und fand ein neues Zuhause in Knetzgau. Er kommt direkt aus Aleppo, dem durch den Bürgerkrieg in die Schlagzeilen geratenen Ort.

"Abschiednehmen und neu anfangen" war das Thema eines Gesprächsabends in der Evangelischen Christuskirche in Haßfurt. Menschen verschiedener "Epochen", die eine neue Heimat im Landkreis Haßberge gesucht und gefunden haben, berichteten über ihre Erlebnisse. Pfarrerin  Sabine Hopperdietzel interviewte zusammen mit Petra Thomas von der Kirchengemeinde Kriegsflüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Aussiedlerin aus den 1990-er Jahren und Flüchtlinge aus Syrien.

Was muss passieren, dass man seine Heimat und Freunde hinter sich lässt und flüchtet? Bei Zaher Msallati stand seinerzeit der Entschluss innerhalb von drei Stunden fest. Nach einem Anruf verließ er sein Geburtsland Syrien mit nichts, außer seinen Kleidern am Leib und "meinem Herz und meiner Seele". Das Militär wollte ihn einziehen und er stand vor der Wahl "entweder bringe ich meine eigenen Landsleute um oder das Militär bringt mich um".

Als Zaher Msallati nach einer langen Flucht im Jahr 2015 in Haßfurt mit dem Zug ankam, stellte er nach einigen Tagen fest: "Haßfurt ist echt geil", so sehr gefiel ihm die Kreisstadt. Schließlich ist er nach Knetzgau gekommen, wo er mit offenen Armen empfangen wurde. Der Syrier ist sehr dankbar für alles Gute, was ihm dort widerfahren ist, und hat viele neue Freunde gefunden. Als "menschliche Engel" bezeichnet Zaher Msallati die vielen Ehrenamtlichen, die ihm geholfen haben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Allerdings habe er sich am Anfang gewundert, warum abends die Straßen so leer sind, denn in seinem ehemaligen Wohnort Aleppo, einer Millionenstadt, war Tag und Nacht etwas los.

Er war in Deutschland, seine Frau gebar sein Kind in der Heimat

Auch aus Syrien, aber unter etwas anderen Voraussetzungen nach Deutschland gekommen, ist Eman Alkatheb. Im Jahr 2017 kam sie im Rahmen des Familiennachzugs zusammen mit ihren fünf Kindern zu ihrem Mann nach Hofheim. Dieser lebte da schon ein Jahr in Deutschland, nachdem er wegen der Kriegsereignisse seiner Heimat den Rücken kehrte. Besonders freute sich der Familienvater, sein Kind sehen zu können, das nach seiner Flucht in Damaskus geboren wurde.

Eman Alkatheb erzählt aber auch von schockierenden Erlebnissen. Als eines ihrer Kinder in Deutschland ein Flugzeug am Himmel war, legte es sich reflexartig zu Boden. Die schlechten Erfahrungen aus Syrien haben geprägt, denn wenn dort ein Flugzeug vorbeiflog, war es meist Bomben ab. Als Erinnerung an die Heimat hat Eman Alkatheb einen Hausschlüssel mitgenommen, der eine besondere Geschichte hinter sich hat. Als 1948 ihr Vater aus Palästina vertrieben wurde, nahm er diesen Schlüssel seines Hauses mit, den nun seine Tochter im ehrenden Andenken hält.

Die Familienmutter beschreibt sich als offene und kontaktfreudige Frau, der es relativ leicht gefallen ist, neue Freunde zu finden: "Ich fühle mich nicht mehr fremd in Deutschland". Sie und ihre Familie würden alles tun, um stets einen guten Eindruck zu hinterlassen und sich den deutschen Gewohnheiten anzupassen.

Fünf Monate Vorbereitungszeit

Ganz anders fand Angelika Kessler den Weg aus Kasachstan nach Haßfurt. Als Aussiedlerin kam sie 1993 zusammen mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie war knapp 18 Jahre alt, als der Ausreiseantrag ihres Stiefvaters mit deutschen Wurzeln genehmigt wurde. Fünf Monate Zeit hatten sie, um ihr Haus zu verkaufen und die Reise zu planen. Von Moskau nach Hannover ging es damals mit dem Flugzeug.

Angelika Kessler erinnert sich noch daran, dass sie sich wunderte, was für grüne Flecken auf der Erde sind, als sie kurz vor der Landung aus dem Flugzeug blickte. Es war Winter und in dieser Jahreszeit war sie aus ihrer Heimat gewohnt, dass flächendeckend Schnee lag.

Im Lager Friedland, wo die insgesamt acht Personen kurze Zeit untergebracht waren, mussten sich die Aussiedler erst an das deutsche Essen gewöhnen. Sie waren es gewohnt, zu allen Speisen Brot zu essen, auch zum Beispiel zu Kartoffeln. Deshalb bunkerten sie etwas Brot vom Abendtisch, damit sie auch zum Mittagessen welches hatten.

Große Augen bei der Weihnachtsbeleuchtung

Verwandte wohnten schon in Haßfurt, und so kam die Familie in der Weihnachtszeit nach Haßfurt. Angelika Kessler freut sich heute noch, wenn sie an die glitzernde Weihnachtsbeleuchtung von damals denkt, denn in diesem Stil gab es das in ihrer Heimat nicht. Ein Tuch aus Ziegenwolle, das in Kasachstan als Kälteschutz getragen wird, nahm Angelika Kessler als Andenken an die Heimat mit. Das Tuch hat sie heute noch und benutzte es auch bei ihren eigenen Kindern als Babytuch.

Pfarrerin  Sabine Hopperdietzel (Dritte von links) interviewte zusammen mit Petra Thomas (Zweite von links) in der Haßfurter Christuskirche Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Ihre Geschichten erzählten Irmtraud Neubert (links), Angelika Kessler (weiter ab Vierte von links), Eman Alkatheb, Zaher Msallati und Gotthard Preiser (vorne).
Foto: Christian Licha | Pfarrerin  Sabine Hopperdietzel (Dritte von links) interviewte zusammen mit Petra Thomas (Zweite von links) in der Haßfurter Christuskirche Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten.

Viel länger her ist der Weg in die neue Heimat für Irmtraud Neubert. Als Heimatvertriebene kam sie als neunjähriges Kind zusammen mit ihrer Mutter, ihrem einjährigen Bruder sowie ihrer Tante und deren Kindern von Mährisch Trübau im Sudetenland "zurück ins Reich", wie es damals die Alliierten formulierten. Das Gebiet stand zwar unter tschechischer Verwaltung, aber russischer Besetzung. Die Angst vor Übergriffen auf die Bevölkerung war groß.

Lediglich etwas Hausrat konnten die Vertriebenen mitnehmen. Irmtraud Neubert packte ihre Lieblingspuppe ein und eine Streichholzschachtel mit Erde aus dem Garten ihrer Oma. Mit dem Zug nach Furth im Wald und von dort in das Lager Ebelsbach führte der Weg. Hier kam sich Irmtraud Neubert eingesperrt in den Baracken vor, die Lebensmittelversorgung war schwierig.

Was machen denn die Misthaufen vor dem Bauernhof? 

Mit einem Lastwagen wurden die Flüchtlinge verteilt und die Familie landete in Wülflingen. Schockiert war Irmtraud Neubert damals, als sie in dem jetzigen Haßfurter Stadtteil Misthaufen vor den Bauernhöfen sah und die Jauche die Straße entlang lief. Sowas kannte sie aus ihrer Heimat nicht.

Anfangs bei den Einheimischen als Fremde beäugt, fanden die Sudetendeutschen schnell Arbeit bei einheimischen Bauern und waren später akzeptiert und anerkannt. Mit einer eigenen Gartenparzelle, in der Obst und Gemüse angepflanzt wurde, konnten sie sich weitgehend selbst versorgen. Sehr dankbar war Irmtraud Neubert, als sie nach der fünften Klasse in das Gymnasium gehen durfte. Kontakte über die Kirche machten das möglich. Fremd hat sie sich nie gefühlt, denn als Kind ist sie "eingewurzelt" worden. Heute sagt Irmtraud Neubert: "Integration ist keine Einbahnstraße. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen".

Im Alter von 13 Jahren flüchtete auch Gotthard Preiser zusammen mit seinen Eltern. Die Flüchtlinge aus Ostpreußen erzählten 1945 Horrorgeschichten von den anrückenden Russen, die auf nichts und niemand Rücksicht nahmen. Deshalb organisierte Preisers Vater, der Landeskirchenrat in Breslau war, die Flucht von 30 Personen, unter ihnen viele Frauen mit Kindern.

Adolf Hitler blickte direkt aus der Hölle auf die Flüchtlinge

Auf dem Weg in die Oberpfalz kam der Tross durch Eger. Die Stadt stand in Flammen, viele Straßen und Brücken waren nicht mehr passierbar. Gotthard Preiser erinnert sich noch an eine Hitler-Büste, die in einem brennenden Haus stand. Für ihn hatte es den Anschein, dass der damalige Herrscher direkt aus der Hölle herausschaue.

In seinem Gepäck hatte der damals junge Bursche einen Detektor-Apparat, ein Gläschen mit Kristallen, mit dem er den Wehrmachtsbericht abhören konnte. Auch ein Album mit Sondermarken nahm er mit, das den Anfang seiner Sammelleidenschaft für Briefmarken begründete. Erst in einem Gutshof bei Weiden untergekommen, kamen die 30 Flüchtlinge nach Eschenau, wo der damalige Bürgermeister Wacker das leere Pfarrhaus zur Verfügung stellte. Die Fremden wurden schnell gut aufgenommen und beteiligten sich sofort an Waldarbeiten und dem Verlegen einer Wasserleitung am Dorfbrunnen. Mit Schlachtschüssel und Obst wurden sie dafür belohnt. Auf die Frage, ob er sich fremd fühle, sagte Gotthard Preiser spaßhaft: "Nach 75 Jahren bin ich angekommen".

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