KREIS HASSBERGE/WÜRZBURG

„Ich hab' von Natur aus kein gutes Gedächtnis“

Superhirne: Christian Schäfer, Fabian Saal und Annalena Fischer (von links) glänzten bei der Gedächtnisweltmeisterschaft in London, wo sie sich Zahlen, Bilder und die Reihenfolge von Spielkarten merken mussten. Das ging nur mit Gehörschutz und Spezialbrille zur besseren Konzentration.
Foto: Obermeier | Superhirne: Christian Schäfer, Fabian Saal und Annalena Fischer (von links) glänzten bei der Gedächtnisweltmeisterschaft in London, wo sie sich Zahlen, Bilder und die Reihenfolge von Spielkarten merken mussten.

Sie sind stolz, weil sie sich ihre zwölfstellige Handynummer merken können? Und keinen Zettel brauchen, weil Sie ihre Einkaufsliste ebenso im Kopf haben wie die Geburtstage von zehn Tanten und Onkels? Dann sollten Sie mal versuchen, sich in einer Stunde 2351 Ziffern in der richtigen Reihenfolge zu merken. Das ist Christian Schäfer jetzt bei der Gedächtnisweltmeisterschaft in London gelungen: Der 21-jährige Mathematikstudent wurde Weltmeister in dieser Disziplin.

Ein Erfolg, über den sich auch Schäfers Freundin Annalena Fischer freut, denn sie weiß, was einen guten Merker ausmacht. In London „erinnerte“ sich die 20-Jährige beim Fünf-Minuten-Zahlen-Merken mit 279 Ziffern in die Top Ten. Fabian Saal prägte sich am Besten abstrakte Bilder ein. Der 26-Jährige ist der Dritte im Bund der Würzburger Superhirne, die bei der WM glänzten.

Alle drei studieren in Würzburg, beim Redaktionsgespräch wirken sie nicht vergeistigt, sondern völlig normal und locker. Und stapeln ob ihrer Erinnerungskünste mächtig tief. „Das ist ja ganz simpel, wenn man weiß, wie's geht“, sagt Schäfer – Gedächtnis-Großmeister und Siebter der Weltrangliste. „Alles keine Hexerei, das Gedächtnis ist für jeden trainierbar“, pflichtet ihm Saal bei. „Nach zwei drei Wochen Übung schafft es jeder, sich in fünf Minuten hundert vorgegebene Zahlen zu merken“, behauptet der Medizinstudent. Es komme nur auf die Technik an.

Und die heißt nicht Auswendiglernen, sondern Mnemotechnik, die mit Merkhilfen und Eselsbrücken arbeitet – und vor allem mit viel Fantasie. „Wir haben kein fotografisches Gedächtnis, sondern setzen das Ganze, auch die Zahlen, in Bilder um“, erklärt Schäfer.

Wie das funktioniert? „Ich habe jede Zahl bis 999 als Bild gespeichert“, erzählt Fischer, eine 1,0-Abiturientin, die Mathematik fürs Lehramt studiert. Wie sieht die Zahl 343 aus? „Murmel“ kommt umgehend die Antwort. „Die 3 ist ein M und die 4 ist ein R, weil vier mit R aufhört.“ Diese Bilder sind fest im Kopf gespeichert, „denn lange Zeit zum Nachdenken hat man nicht.“

Noch ein Beispiel: Bei der WM mit ihren zehn Gedächtnisdisziplinen wurden den 100 Teilnehmern aus 32 Nationen – darunter 18 Deutsche – unter anderem 200 unbekannte Gesichter mit Vor- und Nachnamen vorgelegt, vornehmlich asiatische, was die Sache nicht einfacher macht. Eine Viertelstunde konnte man sich Fotos und Namen einprägen. Dann gab's nur die Fotos in völlig anderer Reihenfolge zu sehen, die Gedächtnissportler mussten möglichst viele mit Namen identifizieren.

Fischer zeigt als Beispiel eine ältere, bebrillte Dame namens Ada Nast. Fischers Weg sich das zu merken: „Ata ata ist die Eselsbrücke für die Oma, die ihre Brille in ein Nest legt.“ Selbst bei der Königsdisziplin, dem möglichst schnellen Wiedergeben von 52 Rommé-Karten in der richtigen Reihenfolge, helfen Bilder. Die Weltbesten brauchen dazu nicht mal 30 Sekunden.

Wie man zum Hobby Gedächtnissport kommt? Fabian Saal, der in Junkersdorf aufwuchs, überrascht mit der Aussage: „Ich habe von Natur aus kein gutes Gedächtnis.“ Deshalb begann er im Abiturjahr, seinem Erinnerungsvermögen mittels Technik auf die Sprünge zu helfen.

Christian Schäfer, der Mathematik und Informatik studiert, kann nur beipflichten. Noch zu seiner Schulzeit im Siegerländischen Netphen holte er sich 2009 im Zahlenmerken den ersten Weltrekord. Ein Jahr später lernte er bei einer Gedächtnismeisterschaft Annalena Fischer aus Prappach kennen. Sie ließ sich, wie auch Schäfer, durch Zahlenkünstler im Fernsehen inspirieren: „Ich habe einen beim Wetten, dass . . . ?' gesehen und gedacht, dass will ich auch können.“ Mehrere Welt- und andere Meisterschaften später wissen alle drei, dass sie die Erinnerungstechnik beherrschen. Was nicht heißt, dass es nicht noch besser und schneller könnte. „Der Spaß hat auch seinen sportlichen Reiz“, sagt Schäfer. Er und Freundin Annalena waren bei der Fernsehshow „Das Superhirn“ vor einem Jahr Publikumslieblinge.

Wie oft wird das Gehirn trainiert? „Unterschiedlich. Vor einem Wettkampf schon mal zwei bis drei Stunden am Tag“, sagt Saal. Er gibt auch Kurse im Gedächtnistraining. „Das ist ein sehr nützliches Hobby, man lernt, sich besser zu konzentrieren und es fördert die Fantasie“, wirbt Fischer für den Gedächtnissport. Die praktischen Auswirkungen sind unterschiedlich. „Ich kann mir Telefonnummern merken“, sagt Schäfer. „Aber auch wir vergessen mal unsere Schlüssel“, räumt Saal ein.

Rund 200 Menschen in Deutschland betreiben Gedächtnissport. Die meisten sind Mitglied bei „Memory XL“, dem Verein „Europäische Gesellschaft zur Förderung des Gedächtnisses“ (www.memoryxl.de).

Wer am Ende dieses Artikels noch weiß, mit wie viel gemerkten Ziffern Christian Schäfer Weltmeister wurde (Antwort im ersten Absatz), hat schon mal den Anfang gemacht auf dem Weg zu einem Superhirn.

Weitere Infos zu den Gedächtnissportlern unter www.fabiansaal.de und www.memomagie.de

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