Gleusdorf

Neuer Ausstellungsort zur jüdischen Geschichte: Die Synagoge in Gleusdorf

Coronabedingt musste die Eröffnung in einem kleinen Rahmen stattfinden. Ehrengäste waren Zentralratspräsident Josef Schuster und Antisemitismusbeauftrager Ludwig Spaenle.
Bis 1909 bestand in Gleusdorf eine jüdische Gemeinde, wechselte die ehemalige Synagoge den Besitzer. Zusammen mit einem Nebengebäude bildet die Synagoge künftig einen Lernort zur Ortsgeschichte.
Foto: Peter Schmieder | Bis 1909 bestand in Gleusdorf eine jüdische Gemeinde, wechselte die ehemalige Synagoge den Besitzer. Zusammen mit einem Nebengebäude bildet die Synagoge künftig einen Lernort zur Ortsgeschichte.

Wenn von jüdischer Geschichte die Rede ist, denken die meisten Menschen sofort an die Verfolgung in der Nazi-Zeit. Dass die Geschichte des Judentums in Deutschland jedoch wesentlich länger andauerte und wesentlich vielfältiger ist, zeigt sich auch in so manchem fränkischen Dorf, in dem über Jahrhunderte eine jüdische Gemeinde bestand. Eines davon ist der Untermerzbacher Gemeindeteil Gleusdorf. An der dortigen ehemaligen Synagoge können Besucher künftig mehr erfahren über die jüdische Geschichte des Dorfes, aber auch über die allgemeine Ortsgeschichte. Am Sonntag wurde der neue Lernort eröffnet.

Jüdische Geschichte – nicht nur von 1933 bis 1945

Als Ehrengast war Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, mit dabei. Dieser lobte das Gleusdorfer Ausstellungskonzept ausdrücklich. Gerade in diesem Jahr gibt es 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zu feiern. Ziel dieses Festjahres sei auch, dass Juden nicht mehr nur mit der Zeit von 1933 bis 1945 in Verbindung gebracht werden, sagte Schuster.

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Und genau das vermittelt auch der neue Lernort an der alten Synagoge. "In vielen Orten gibt es ein Heimatmuseum und daneben ein jüdisches Museum in der ehemaligen Synagoge", sagte Hansfried Nickel in seiner Rede. "Hier soll beides zusammengeführt werden."

Jüdische Geschichte ist ein Teil der Ortsgeschichte

So gehört neben der Synagoge selbst auch ein Nachbargebäude, das ebenfalls lange in jüdischem Besitz war, zur Ausstellung. An dessen Wänden sind Infotafeln aufgehängt, die ein fortlaufendes Band bilden, das sich am Gebäude entlangzieht, sowohl im Inneren des Hauses als auch an der Außenwand. An der Außenseite geht es um die jüdische Geschichte, im Innenraum um die allgemeine Ortgeschichte von Gleusdorf. Auf diese Art soll gezeigt werden: Beide Stränge gehören zusammen, die jüdische Geschichte ist Teil der Ortsgeschichte.

Josef Schuster (Mitte), Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, war Ehrengast bei der Eröffnung der ehemaligen Synagoge als Lernort. Zusammen mit Landrat Wilhelm Schneider (links) und vielen anderen sah er sich die Ausstellung an.
Foto: Peter Schmieder | Josef Schuster (Mitte), Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, war Ehrengast bei der Eröffnung der ehemaligen Synagoge als Lernort.

Hansfried Nickel, der bei der Gestaltung der Ausstellung als Berater dabei war, gehört zum Träger- und Förderverein der Synagoge Memmelsdorf, die bereits seit Jahren als Lernort zur jüdischen Geschichte bekannt ist.

Kein Abort und kein Stall darf an diesen Ort kommen

Damit ist Gleusdorf nach Memmelsdorf bereits der zweite der insgesamt 13 Gemeindeteile von Untermerzbach, in dem eine ehemalige Synagoge zum Ort wird, an dem Besucher an die jüdische Geschichte herangeführt werden. So stellt sich die Frage: Braucht es gleich zwei derartige Einrichtungen in so geringer Entfernung zueinander? "Ja!", sagen dazu die Beteiligten, denn zum einen seien die jüdischen Gemeinden der beiden Orte sehr unterschiedlich gewesen. Zum anderen seien auch die Ausstellungskonzepte sehr verschieden, allerdings so aufeinander abgestimmt, dass sie sich gegenseitig gut ergänzen.

Infotafel an der Innen- und Außenseite des Nebengebäudes der Synagoge verweben die jüdische Geschichte mit der Ortsgeschichte.
Foto: Peter Schmieder | Infotafel an der Innen- und Außenseite des Nebengebäudes der Synagoge verweben die jüdische Geschichte mit der Ortsgeschichte.

Während die jüdische Gemeinde in Memmelsdorf erst durch die Judenverfolgung im Dritten Reich ihr Ende fand, weil viele Memmelsdorfer Juden durch die Nazis ermordet wurden, hatte sich die jüdische Gemeinde in Gleusdorf bereits 1909 aufgelöst - dem Jahr, in dem der letzte jüdische Bürger des Ortes wegzog. Darauf verkauften die Gleusdorfer Juden auch die 1857 erbaute kleine Synagoge an den Memmelsdorfer Maurermeister Heinrich Dietz – den Urgroßvater des heutigen Memmelsdorfer Bürgermeisters Helmut Dietz. Um die Würde des ehemaligen Gotteshauses ein Stück weit zu erhalten, ließen sie beim Verkauf notariell festhalten, "dass auf dem verkauften Platz niemals Abort, Stall, Badehaus und Gerberei gebaut und eingerichtet werden dürfen".

Aufklärungsarbeit gegen Antisemitismus

Ein Abriss des Gebäudes wäre hingegen durchaus zulässig gewesen, doch dazu kam es nicht. Dietz verkaufte die Synagoge weiter, lange wurde sie als Scheune und Lagerraum genutzt. So zeigt das Gebäude auch heute noch zahlreiche Spuren von Umbauten und Veränderung. Das Ziel der Renovierung sei auch genau das gewesen: Das Gebäude dauerhaft zu erhalten, dabei die Spuren der Geschichte und er Umbauten zu erhalten, führte Jochen Ramming vom Kulturbüro FranKonzept aus - der Firma, die die Ausstellung geplant hatte.

Hansfried Nickel (links) führte die Gäster der Eröffnung durch den Innenraum der ehemaligen Synagoge.
Foto: Peter Schmieder | Hansfried Nickel (links) führte die Gäster der Eröffnung durch den Innenraum der ehemaligen Synagoge.

Landrat Wilhelm Schneider bezeichnete den neuen Lernort als "große Bereicherung für unseren gesamten Landkreis". Gerade in einer Zeit, in der "der Antisemitismus in erschreckender Weise auf dem Vormarsch ist", sei Aufklärungsarbeit besonders wichtig. Dem schloss sich in noch drastischerer Wortwahl Ehrengast Ludwig Spaenle an. Der frühere Bayerische Kultusminister ist seit 2018 Antisemitismus-Beauftragter der Staatsregierung und war in dieser Funktion zur Synagogen-Eröffnung geladen. Unter anderem mit erschreckenden Zitaten aus Hass-Mails, die jüdische Gemeinden in der jüngsten Vergangenheit erhalten hatten, machte er die Bedrohung durch Judenhass deutlich.

Viele Menschen mit großem Engagement

Gleichzeitig bezeichnete er Antisemiten als dumm und betonte: "Man kann gegen Antisemitismus etwas tun: Mit Bildung." Daher bezeichnete er die Eröffnung eines Museums, das sich mit jüdischer Gesichte beschäftigt, als "zutiefst politische Botschaft in diesen Tagen".

Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, bezeichnete Bildung als gutes Mittel im Kampf gegen Judenhass.
Foto: Peter Schmieder | Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, bezeichnete Bildung als gutes Mittel im Kampf gegen Judenhass.

"Viele Menschen haben mit großem Engagement an diesem Projekt gearbeitet", freute sich Zentralratspräsident Josef Schuster. Aufgrund der Corona-Maßnahmen konnte die Eröffnung nur in kleinem Rahmen mit 30 geladenen Gästen stattfinden. Bürgermeister Helmut Dietz kündigte allerdings an, eine öffentliche Eröffnungsfeier werde noch nachgeholt.

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