Haßfurt

Sie hat die Erinnerung an Schicksale wachgehalten

Cordula Kappner       -  So kannten viele Cordula Kappner: im Archiv, vor ihren Kisten voller Lebensgeschichten.
Foto: Müller | So kannten viele Cordula Kappner: im Archiv, vor ihren Kisten voller Lebensgeschichten.

Sie hatte noch so viele Ideen, worüber sie gerne schreiben wollte, sie wollte noch von so vielen Leben, so vielen Schicksalen erzählen. Letztendlich war diese Hoffnung von Cordula Kappner vergebens.

Lange, schwere Krankheit

Am vergangenen Freitag ist sie nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Eine Frau, die weit über die Region hinaus Beachtung fand und geschätzt wurde, die für viele ein Synonym für die Erforschung jüdischen Lebens im Landkreis Haßberge war.

Historisches Interesse und politisches Engagement waren die starken Antriebskräfte im Leben von Cordula Kappner. So hatte sie es einmal bei einem Gespräch mit dieser Redaktion beschrieben.

In Dresden geboren

Sie wurde in Dresden geboren. Ihre Familie stammte aus Schlesien. Aufgewachsen ist sie in der früheren DDR. Sie lebte mit ihrer Familie unter anderem in Gera, Eisenach und Dresden. In der DDR besuchte sie die Schule. Bereits als Schülerin, so sagte sie einmal, habe sie ihren Mund „nicht halten können und wollen“. Prompt bekam sie Ärger mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR. Sie musste ihr Abitur verspätet nachholen.

Mit ihrem Vater, er war protestantischer Pfarrer, sei sie oft zu den Gottesdiensten anderer Religionen, mit der Mutter als Kind häufig über den jüdischen Friedhof gegangen. Im Jahr 1962 siedelte die Familie in den Westen über. Der Vater bekam eine Pfarrstelle nahe Bremen. Am liebsten hätte sie dann Geschichte und Deutsch studiert, das ging aber nicht. Ihr DDR-Abitur wurde im Westen nur als Fachhochschulreife anerkannt, der Weg zur Universität war ihr versperrt. Eine Alternative bot das Bibliothekswesen. Dies studierte sie an der Fachhochschule. Das Thema ihrer Abschlussarbeit: „Die Darstellung Israels in Kinder- und Jugendbüchern“.

1978 nach Haßfurt gekommen

Nachdem sie einige Jahre in Geesthacht, einer Stadt südöstlich von Hamburg, gearbeitet hatte, kam Kappner im Jahr 1978 nach Haßfurt. Dort baute sie das heutige Bibliotheks- und Informationszentrum mit auf. Und dort begann sie ihre Forschungen über die jüdischen Familien im Haßbergkreis. Der damalige Landrat Walter Keller kam ihrem ureigenen Interesse quasi zuvor: Er hatte ihr eine Liste der jüdischen Familien in die Hand gedrückt. Sie sollte sich weiter darum kümmern. Daraus wurde die „Buchführung des Todes“, wie der Titel ihrer ersten Ausstellung hieß. Und weit mehr als drei Dutzend Ausstellungen sollten in den weiteren Jahrzehnten folgen.

Landrat Schneider: „Eine liebenswerte Frau, kompromisslos, wenn es um ihre Sache ging“.

„Wir verlieren eine äußerst engagierte Frau, die sich um den Erhalt jüdischer Geschichte und persönlicher Schicksale jüdischer Menschen im Landkreis verdient gemacht hat“, würdigte Landrat Wilhelm Schneider am Montag auf Anfrage der Redaktion die Verstorbene. Er behalte Cordula Kappner in Erinnerung als „eine liebenswerte Frau, die aber auch kompromisslos war, wenn es um ihre Sache ging“. Ihre Arbeit habe weit über den Landkreis hinaus Anerkennung erhalten.

Das Schicksal der Juden und deren Lebensgeschichten beschäftigte Cordula Kappner seit Jahrzehnten. Es gab für sie immer einen Antrieb, weiterzumachen: die Erinnerung an die Menschen und deren Schicksale wachzuhalten. Dazu gehörten die Ausstellungen, aber auch immer wieder die Arbeit mit Jugendlichen an Schulen.

Viele Auszeichnungen

Für ihre Verdienste erhielt Cordula Kappner das Bundesverdienstkreuz, die Bayerische Verfassungsmedaille, den Friedrich-Rückert-Preis 2006 des Haßberghauptvereins und internationale Auszeichnungen wie den Preis der Obermayer-Stiftung (USA). Dieser German Jewish History Award der Obermayer Foundation ist eine der bedeutendsten internationalen Auszeichnungen für Menschen, die ehrenamtlich über die Geschichte der deutschen Juden berichten.

Aber Preise bedeuteten ihr nicht viel, „weil ich es eh machen würde, machen muss“, sagte sie einmal im Gespräch. Und sie machte ihre Arbeit nicht für Wissenschaftler und für das Bildungsbürgertum, sie wollte damit stets „an der Basis etwas bewegen, denn dort sitzen die Vorurteile“.

„Heilige Arbeit“

So wenig ihr persönliche Auszeichnungen bedeuteten, so wichtig war es ihr, zu erfahren, dass ihre Arbeit Menschen weitergeholfen hat. Und so berichtete sie einmal von einer ihrer schönsten Erfahrungen überhaupt: Als sie wieder einmal in Israel zu Recherchen unterwegs war, habe sie eine Frau gefragt, was sie denn mache. Cordula Kappner erklärte es ihr. „Da sagte sie, das sei eine heilige Arbeit. Das hat mich sehr berührt.“

Ort und Zeitpunkt der Beisetzung von Cordula Kappner waren am Montag noch nicht bekannt.

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