KREIS HASSBERGE

Wenn die richtigen Worte fehlen

„Die Andersdenker“: Die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Aphasie und Schlaganfall trifft sich monatlich im Sankt-Bruno-Heim in Haßfurt. Das Bild zeigt Gruppenleiterin Heidi Bayer (Dritte von rechts), Kassier Günther Schnabel (Fünfter von rechts, stehend) und stellvertretende Gruppenleiterin Adelgunde Knab (Fünfte von links) mit den weiteren Mitgliedern beim jüngsten Monatstreff.
Foto: Michael Mösslein/DPA | „Die Andersdenker“: Die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Aphasie und Schlaganfall trifft sich monatlich im Sankt-Bruno-Heim in Haßfurt.

„Sprachfremde in der eigenen Muttersprache“ – so beschreibt ein Medizinprofessor anschaulich die Situation, in der Menschen leben, die an Aphasie leiden. Bei Aphasikern ist das Sprachvermögen gestört und sie haben Probleme, anderen gegenüber eigene Gedanken und Gefühle auszudrücken.

Damit betrifft die Krankheit nicht nur die Patienten selbst. Auch die Menschen in deren Umfeld wissen oft nicht, wie sie sich mit Aphasikern verständigen sollen, ganz gleich, wie vertraut sie ihnen sind. Die Selbsthilfegruppe (SHG) „Die Andersdenker“ im Landkreis Haßberge nimmt sich Menschen mit Aphasie und Schlaganfallpatienten an und kümmert sich auch um deren Angehörige.

Schon im medizinischen Fachbegriff steckt, um was es bei dieser Erkrankung geht: „Aphasie“ heißt „Verlust der Sprache“. Dabei müssen Betroffene nicht ihre komplette Sprachfähigkeit verloren haben. Je nachdem, welche Region im Gehirn wie stark geschädigt ist, unterscheidet die Medizin vier Arten von Aphasie, von vergleichsweise harmlosen Wortfindungsstörungen (Amnesische Aphasie) bis zum totalen Verlust sprachlicher Verständigung (Globale Aphasie).

Auch die Auslöser sind vielfältig: Schlaganfälle, Unfälle, Tumore, Entzündungen des Gehirns und Gehirnblutungen sind nur eine Auswahl möglicher Ursachen von Aphasie. Und: Aphasie kann Menschen jeden Alters treffen.

Wer seine Sprache verloren hat, merkt erst, wie wichtig diese im Alltag ist. Dasselbe gilt für diejenigen, die mit Menschen zu tun haben, die sich nur noch eingeschränkt ausdrücken können.

„Das spontane Sprechen funktioniert nicht mehr“, sagt Günther Schnabel (68) aus Ebern. Seine Ehefrau Gerda (64) hat vor sechs Jahren einen Schlaganfall erlitten. Sie ist halbseitig gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Der Schlaganfall hat ihr Sprachzentrum geschädigt.

Unter anderem ist ihr Ja-Nein-Code gestört, berichtet ihr Mann: Wenn seine Frau einer Sache zustimmt, dann nickt sie, sagt aber dennoch „nein“. Trotz kleiner Fortschritte, die Therapiestunden mit einer Logopädin gebracht haben, braucht es sehr viel Geduld, meint der Ehemann.

Und Verständnis. Denn Aphasiker können sich vielleicht nicht gezielt ausdrücken, „doch doof sind sie nicht“, macht Günther Schnabel deutlich. Ihre Denkfähigkeit und ihr persönliches Wissen sind meistens nicht beeinträchtigt.

Oft können sie auch Geschriebenes lesen und verstehen, auch wenn sich ihr Lesen manchmal von dem gesunder Menschen unterscheidet. „Betroffene denken einfach anders als wir“, stellt Günther Schnabel fest. Dies sei auch der Grund gewesen, wie die Selbsthilfegruppe zu ihrem Namen kam: „Die Andersdenker“.

17 Betroffene und Angehörige aus dem gesamten Haßbergkreis besuchen die monatlichen Gruppentreffen in Haßfurt, berichtet Schnabel, der sich um die Finanzen der Gruppe kümmert. Die Gruppe hat sich im Jahr 2010 wiedergegründet, mit damals zwölf Mitgliedern. Eine Vorgängergruppe für Aphasiker in Hofheim hatte sich etwa ein Jahr zuvor aufgelöst.

 
„Aphasikern muss man Zeit lassen, sich auf ihre Art und Weise auszudrücken.“
Adelgunde Knab, stellvertretende SHG-Leiterin
 

Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe sind größtenteils über 60 Jahre alt. Aber auch Jüngere, ab etwa 40, sind dabei. Die Älteste ist 83. „Wir sind offen für Betroffene und Angehörige jeden Alters“, sagt die stellvertretende Leiterin Adelgunde Knab (60) aus Neubrunn. Neben dem Erfahrungsaustausch und Hilfen zur Krankheits- und Alltagsbewältigung bietet die Gruppe Fortbildungen an sowie Konzentrationsspiele, Ausflüge und die Mitglieder feiern auch miteinander.

Selbstverständlich für eine Selbsthilfegruppe ist die Verschwiegenheit, die für alle Gruppentreffen gilt. Alles Gesagte bleibt innerhalb der Gruppe. Zugleich steht die Gruppe allen offen: „Jeder Betroffene und dessen Angehörige können zu uns kommen“, sagt Adelgunde Knab.

Doch der Weg dorthin kostet für viele Überwindung, wie Gruppenleiterin Heidi Bayer (46) aus Kirchlauter und ihr Team immer wieder feststellen müssen. Viele Aphasiker vergraben sich zunächst daheim, stellen sie fest. Adelgunde Knab berichtet von ihrem Mann Hermann. Der 72-Jährige hatte mit 65 Jahren einen Schlaganfall. Seitdem kann er schlecht sprechen und schreiben. Das Lesen geht langsam.

Wie Hermann Knab ergeht es vielen Aphasikern: Die Stammtischrunde, die er vor seinem Schlaganfall regelmäßig besucht hatte, wusste mit seiner Erkrankung nicht umzugehen. Die Stammtischbrüder wussten nicht, wie sie mit ihm reden sollten – und ließen es dann einfach bleiben. Kein Wunder, dass der Betroffene sich unwohl gefühlt und das Gasthaus gemieden hat. Eineinhalb Jahre hat es gebraucht, bis ihr Mann wieder zum Stammtisch gegangen sei, berichtet Adelgunde Knab. Solange dauerte es, bis beide Seiten einen Weg gefunden haben, miteinander ins Gespräch zu kommen – auch ohne große Worte.

Aphasiker untereinander kommunizieren dagegen meist weit weniger umständlich. Das zeigen die Treffen der Selbsthilfegruppe, berichten die Gruppenleiter. „Die Betroffenen gehen gleich aufeinander zu. Probleme haben die Nicht-Betroffenen“, sagt Günther Schnabel.

Gesten und Mimik und andere Formen der nonverbalen Kommunikation ersetzen dabei grammatikalisch korrekte Sätze. „Im Ausland muss man sich ja auch oft mit Händen und Füßen verständigen“, vergleicht Günther Schnabel die Situation. Das Wichtigste ist: Es klappt irgendwie.

Weil sie sprachlich und in der Verarbeitung akustischer Reize gehandicapt sind, reagieren Aphasiker oft viel feinfühliger auf Signale in ihrer Umgebung. Dieses Feingefühl fehlt ihren gesunden Mitmenschen oft.

„Aphasikern muss man Zeit lassen, sich auf ihre Art und Weise auszudrücken“, nennt Adelgunde Knab einen wichtigen Grundsatz. Wenn Aphasiker beim Sprechen ins Stocken geraten, sollte man nicht gleich einhaken, oder vorschnell mit Wörtern aushelfen.

Häufige Themenwechsel sollten im Gespräch mit Aphasikern vermieden werden, ebenso zu schnelles Sprechen und Nebengeräusche. Und niemand sollte Aphasikern vortäuschen, sie zu verstehen, wenn dies nicht der Fall ist. Wer sich darauf einlässt, versteht auch, was gemeint ist.

Notizen zu „Die Andersdenker“

Über die Gruppe: In der Selbsthilfegruppe für Aphasiker und Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, finden Betroffene sowie deren Angehörige Ansprechpartner und Hilfe, wenn es um die Durchführung von Therapien geht, um die Ausstellung von Behindertenausweisen oder ähnliche Fragen. Der Erfahrungsaustausch soll sie auch ermutigen, den Alltag mit der Krankheit zu bewältigen. Betroffene sollen Wege gezeigt werden, „aus dem Jammertal der Selbstbemitleidung herauszukommen und selbst aktiv zu werden“, wie es „Die Andersdenker“ selbst formulieren.

Die thematisch gestalteten Gruppentreffen (oft mit Referent) sind in der Regel am jeweils letzten Donnerstag eines Monats, von 14.30 bis 16.30 Uhr im Seniorenheim Sankt Bruno in Haßfurt, das nächste also am 27. Februar. Zweimal jährlich kommen Angehörige und Betroffene in getrennten Räumen zusammen.

Kontakt zur Gruppe: über Gruppenleiterin Heidi Bayer, Tel. (0 95 36) 575.

Weitere Infos: Sozialpädagoge Heino Grövert vom Zentrum für Aphasie und Schlaganfall Unterfranken in Würzburg, Tel. (09 31) 29 97 50, (0 160) 94 13 77 93, E-Mail: goevert@aphasie-unterfranken.de, Internet: www.aphasie-unterfranken.de

 
Symbolfoto Mund.
Foto: DPA | Symbolfoto Mund.
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