Wiesentheid

Corona, Kosten- und Zeitdruck: Wie zeitgemäß sind Musikschulen wie in Wiesentheid noch?

40 Jahre Singen und Musizieren in Wiesentheid, und Hans-Joachim Krämer ist fast von Anfang an dabei. Ein Gespräch über Musik und ihre Wirkung auf Körper, Geist und Seele.
Beim Proben für den Vorspielnachmittag zum 40-jährigen Bestehen der Sing- und Musikschule Steigerwald schauen Leiter Hans-Joachim Krämer und Lehrerin Irmela Goldbach-Rummel der Flötengruppe über die Schulter.
Foto: Andreas Stöckinger | Beim Proben für den Vorspielnachmittag zum 40-jährigen Bestehen der Sing- und Musikschule Steigerwald schauen Leiter Hans-Joachim Krämer und Lehrerin Irmela Goldbach-Rummel der Flötengruppe über die Schulter.

Die Sing- und Musikschule Steigerwald e.V. mit Sitz in Wiesentheid feiert an diesem Sonntag, 15. Mai, ihr 40-jähriges Bestehen. Rund 290 Schüler und Jugendliche aus acht Gemeinden werden dort gefördert und geformt. Die Institution hat seit 2008 ihr eigenes "Haus der Musik" direkt hinter dem Wiesentheider Rathaus. Seit 1989 leitet Hans-Joachim Krämer die Musikschule. Im Gespräch erläutert er, welche Bedeutung Musikschulen heute haben, was sich durch Corona verändert hat und ob sich die Eltern den Unterricht auch in Zukunft leisten können.

Frage: Finden Kinder und Jugendliche heutzutage noch Zeit, ein Instrument zu lernen?

Krämer: Ja, aber die Zeit für ein Hobby wird für sie immer knapper. Durch die Ganztagsbetreuung an den Schulen kommen viele erst nach 16 Uhr nach Hause. Dann ist es für Kinder immer schwierig, ihr Musikinstrument zu nehmen oder ihre Sporttasche zu packen.

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Haben die Corona-Pandemie und die Einschränkungen die Schülerzahlen beeinflusst?

Krämer: Wir hatten weniger Zulauf, das lag auch an der Vorsicht der Eltern. Ich bin gespannt, wie es sich dieses Jahr entwickelt, die Anmeldezeit läuft bis Ende Juni. Insgesamt gingen die Schülerzahlen in den letzten Jahren mal rauf, mal runter.

Hat sich die Begeisterung für Musik bei den Kindern verändert?

Krämer: Ja, zum Positiven. Viele haben festgestellt, dass ihnen durch die Isolation und immer nur Bildschirm etwas fehlte. Vor allem diese individuelle Betreuung durch die Lehrkräfte, beim Einzelunterricht oder in Zweiergruppen. Da werden sie sehr beachtet und bekommen Feedback. Es ist gut für die Motivation und das Selbstbewusstsein, wenn man gute Leistungen bringt. Das wirkt sich auch auf die schulische Leistung aus.

2019 wurde der Fachliche Leiter Hans-Joachim Krämer für 30 Jahre an der Sing-und Musikschule Steigerwald geehrt, damals von Wiesentheids Bürgermeister Werner Knaier (links) und Isabell Kirchner von der Musikschulverwaltung.
Foto: Markt Wiesentheid | 2019 wurde der Fachliche Leiter Hans-Joachim Krämer für 30 Jahre an der Sing-und Musikschule Steigerwald geehrt, damals von Wiesentheids Bürgermeister Werner Knaier (links) und Isabell Kirchner von der ...
Welche Bedeutung hat die Sing- und Musikschule heutzutage aus Ihrer Sicht?

Krämer: Sie ist etwas ganz wesentliches für die Seele der Kinder, dass sie da aufgefangen werden. Dann natürlich der soziale Aspekt, es entsteht eine Art Gemeinschaft, wenn sie in einer Gruppe spielen. Die Kinder wissen, sie sind nicht allein auf dieser Welt. vieles hängt natürlich vom Erfolg ab, wie beim Sport. Wenn sich kein Erfolg einstellt, haben wir auch Abgänge. Es ist nicht jeder dazu berufen, Musiker zu sein.

"Bisher hat sich bei uns noch niemand mit Verweis auf die zu hohen  Kosten abgemeldet."
Hans-Joachim Krämer, Leiter Sing- und Musikschule Wiesentheid
Können sich Familien mit mehreren Kindern Musikunterricht noch leisten? Zeigt sich auch hier, dass viele weniger Geld zur Verfügung haben?

Krämer: Ich befürchte und rechne damit, dass es für manchen schwieriger wird, die Unterrichtskosten zu bewältigen. Das werden wir sehen, wenn die Anmeldefrist bis Ende Juni für das nächste Jahr vorbei ist. Man meldet sich ja für ein Jahr an. Es ist schwierig vorauszusehen, wie sich die Finanzlage innerhalb der Familien entwickeln wird. Bei denen, die es wirklich wollen, spielt das eine sekundäre Rolle. Bisher hat sich bei uns noch niemand mit Verweis auf die zu hohen Kosten abgemeldet.

An der Sing- und Musikschule sind acht Gemeinden beteiligt. Wie bringt man die unter einen Hut?

Krämer: Das ist eine große organisatorische Aufgabe. Viele Kinder müssen mit dem Auto nach Wiesentheid gebracht werden, das ist ein extra Aufwand. Wenn wir einen kostenlosen Ensemble-Unterricht an einem weiteren Tag anbieten, sagen viele Eltern: Das ist uns zu viel wegen des Fahrens. In der Stadt mit Bussen und Straßenbahnen ist das einfacher als hier auf dem Land. Hier ist es ein Problem.

Seit 2008 hat die Sing- und Musikschule ihr eigenes 'Haus der Musik' direkt hinter dem Wiesentheider Rathaus.
Foto: Andreas Stöckinger | Seit 2008 hat die Sing- und Musikschule ihr eigenes "Haus der Musik" direkt hinter dem Wiesentheider Rathaus.
Wie sehen Sie die Zukunft der Sing- und Musikschulen Steigerwald?

Krämer: Ich bin sehr zuversichtlich, dass sie so weiterbestehen kann, wie es seit 40 Jahren der Fall ist. Ich habe überhaupt keine Bedenken, dass sich da etwas ändert. Generell ist musische Erziehung, musische Bildung für viele ganz wichtig. Kinder und Erwachsene profitieren davon, dass so eine Schule am Ort oder in der Nähe ist.

Sind unter den aktuell 290 Schülerinnen und Schülern auch Erwachsene?

Krämer: Ja, wir haben 15 Erwachsene, bis zum Alter von 60 Jahren. Sie machen das gerne. Manche, die jetzt Zeit für sich haben, nachdem die Kinder aus dem Haus sind, entdecken das Klavierspielen oder Gitarrespielen wieder. Es gibt auch welche, die neu anfangen. So etwas ist ja auch gut für das Gehirn.

Die Sing- und Musikschule Steigerwald (SMS)

Zahlen: Gegründet wurde die Einrichtung 1981 als "Musikschule Wiesentheid und Umgebung", anfangs mit verwaltet vom Dekanat. 1986 entstand der "Zweckverband Sing- und Musikschule Steigerwald". Seit 2009 ist sie als eingetragener Verein geführt. Gefeiert wird am Sonntag, 15. Mai, ab 15 Uhr in der Steigerwaldhalle Wiesentheid. In den Vorspielnachmittag ist der offizielle Festakt eingebunden.
Mitgliedsgemeinden der SMS (in Klammern die aktuelle Schülerzahl): Abtswind (7), Castell (13), Geiselwind (48), Kleinlangheim (8), Prichsenstadt (17), Rüdenhausen (10), Wiesenbronn (3), Wiesentheid (72). Diese Gemeinden unterstützen die Musikschule mit einer jährlichen Umlage von 350 Euro pro Schüler.
Grundfächer: musikalische Früherziehung und musikalische Grundausbildung für vier- bis sechsjährige Kinder; derzeit 61 Kinder.
Hauptfächer: Klavier und Keyboard (53 Schüler), Gitarre (27), Schlagzeug (16), Flöten (16), Violine (8), Blechblasinstrumente (4), Klarinette/Saxofon (5), Harfe (5), Gesang (4), Violoncello (1).
Nebenfächer: Zusätzlich und kostenlos können die im Hauptfach angemeldeten Instrumentalschüler in Musikschulorchester, Instrumentalensembles und Schulband musizieren. Dazu Allgemeine Musiklehre und Gehörbildung (kostenlos).
WIM ("Wir musizieren")-Projekt: Begleitender Musikunterricht in den zweiten Klassen der Grundschulen Geiselwind, Kleinlangheim und Wiesentheid; derzeit insgesamt 290 Schülerinnen und Schüler.
Quelle: Musikschule Wiesentheid
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