Wiesentheid

Große Gala: Travestie, nicht Transvestie

Marc Rudolf       -  Marc Rudolf verwandelt sich für seine Bühnenshows gerne in Megy B.
| Marc Rudolf verwandelt sich für seine Bühnenshows gerne in Megy B.

Der Mann ist 1,86 Meter groß, Schuhgröße 46. Abends, auf der Bühne, verwandelt er sich in eine Frau: Megy B. Travestie-Künstler Marc Rudolf ist ein Meister der Illusion. Seine Botschaft aber ist eindeutig: „Die gefährlichste Weltanschauung haben immer die, die sich die Welt nicht angeschaut haben.“ Er selbst ist viel gereist. Am 21. März kommt er nach Wiesentheid am Drei-Franken-Eck, um als Megy B. in der Steigerwaldhalle die „Nacht der Toleranz – Varité for Charity“ zu moderieren. Angesichts der rassistischen Anschläge kürzlich sagt der 38-Jährige: „Es ist unglaublich traurig, was gerade auf der Welt passiert. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen trotzdem wieder lachen, denn Lachen ist die Medizin, die uns heilen kann.“

„Travestie“ gehört wohl zu den am meisten missverstandenen Wörtern. Erklären Sie doch bitte mal: Worum geht?s?

Marc Rudolf: Travestie ist die älteste Darstellungsform des Theaters. Ein Mann spielt eine Frau oder umgekehrt. Das ist nicht nur in Komödien so, sondern hatte schon in der Antike ganz pragmatische Gründe. Frauen durften, etwa in Griechenland, nicht auf die Bühne, also mussten Männer die Frauenrollen spielen – bis ins späte Mittelalter. Nach Shakespeare änderten sich die Zeiten langsam, echte Frauen betraten die Bühne. Es wurden auch so genannte Hosenrollen geschrieben: Rollen für Frauen, die Männer mit hoher Stimmfarbe verkörpern. Unter all diesen Einflüssen entstand die Kunstform Travestie.

Travestie und Transvestie haben – außer Buchstaben – nichts gemeinsam?

Nein. Das Verwechslungs-Problem haben wir nur in Deutschland, in anderen Ländern haben die Begriffe keine Ähnlichkeit. Kurz kann man es so sagen: Travestie ist Komödie, Transvestie ist Tragödie, zumindest aus Sicht der Transvestiten, die sich zum sexuellen Lustgewinn wie das andere Geschlecht kleiden.

Aber viele Travestie-Künstler sind homosexuell, oder?

Die Kunst der Travestie hat nichts mit einer bestimmten sexuellen Neigung zu tun. Homosexuelle Menschen gibt es in allen Berufsgruppen. In der Öffentlichkeit verstärkt wahrgenommen werden aber natürlich Menschen, die auf einer Bühne stehen, Theaterleute oder Schauspieler. Deshalb scheint es oft so, als sei Homosexualität in diesen Kreisen besonders ausgeprägt. Ich denke, es gibt nicht mehr Homosexuelle in der Travestie als bei Metzgern oder Bäckern.

Wie ist das bei Ihnen: Legen Sie nach dem Auftritt Ihre Rolle als Megy B. zusammen mit dem Kostüm ab – und sind einfach wieder der Mann Marc Rudolf?

Ganz genau. Ich spiele eine Frau, möchte aber keine sein. Ein Schauspieler, der einen Mörder spielt, möchte diesen gut spielen, aber er will ja nicht wirklich ein Mörder sein. Wir Travestie-Künstler schminken uns oft noch direkt auf der Bühne ab, um zu zeigen: Die Rolle bleibt auf der Bühne.

Warum treten Sie überhaupt als Frau auf – und nicht in einer Männerrolle?

Der einzige, aber große Vorteil meiner Rolle als Megy B. ist: Die Leute hören mir zu! Ich kann aufmerksam machen auf soziale Probleme, kann für Nächstenliebe und Toleranz werben – und die Menschen lauschen! Als ganz normaler Schauspieler spiele ich aber auch gerne männliche Rollen, etwa im Berliner Kriminaltheater.

Was fasziniert Sie daran, Menschen zu unterhalten? Oder geht es gar nicht nur um Unterhaltung?

Die Travestie dient ausschließlich der Unterhaltung; ich nenne es „die hohe Kunst auf hohen Schuhen“. Ich möchte, dass die Menschen zumindest einige Stunden alle Probleme und alle Politik um sich herum vergessen.

Stimmt es, dass Sie Konditor sind?

Ja, ich habe Konditor gelernt und die Lehre auch richtig gut abgeschlossen. Ich möchte das Handwerk nicht missen, denn da habe ich Dinge gelernt, die wirklich wichtig sind: Pünktlichkeit, Hilfsbereitschaft, Teamwork.

Wann zog es Sie auf die Bühne?

Eigentlich schon immer. Ich war neun Jahre alt, als ich mit meinen Eltern nach Hamburg zum Musical Cats fuhr. In der Pause suchten meine Eltern mich – ich untersuchte gerade das Bühnenbild. Später, mit 15, habe ich die Münchner Zauberschule besucht und als jüngster Schüler einige Preise gewonnen, unter anderem die Deutsche Meisterschaft.

Wie kamen Sie zur Travestie?

Noch als Teenager bin ich mit meinem Vater nach Las Vegas gereist, um Siegfried & Roy und eine Revue-Show zu sehen. Die Eleganz und Extravaganz der Revue gefielen mir sehr. Nach der Konditorlehre habe ich die „Internationale Schule für Schauspiel und Acting“ in München besucht. Zuerst heuerte ich danach auf Kreuzfahrtschiffen an. Travestie-Shows waren dort beliebter als Zauber-Shows. So kam ich dazu.

Haben Sie ständig Frauen beobachtet, um die Rolle der Megy B. zu entwickeln?

Ohne Frauen genau zu studieren, geht es nicht. Ich bin 1,86 Meter groß und schmal, da musste man schon überlegen: Wie hoch muss mein Schuhabsatz sein, wie lang mein Kleid? Wie stark muss man mein Becken und die Brust verbreitern, damit ich wie eine echte, elegante Frau wirke?

Und die Themen, die Sprache? Was sagt man als Frau, wenn man ein Mann ist?

Ich wollte von Anfang an eine familienfreundliche Show machen. Mein Fokus liegt immer auf Inklusion, auf der Botschaft: Grenzt niemanden aus! Das haben meine Eltern mir und meiner Schwester von klein auf beständig nahegelegt. Klar kommen bei einer Revue auch mal schlüpfrige Einschübe vor, aber meine Erfahrung ist: Kinder blenden solche Momente völlig aus. Sie behalten die schillernden Dinge in Erinnerung.

Megy B. hat „Varieté for Charity“ in Wiesentheid schon zweimal moderiert. Worauf freuen Sie sich diesmal?

Auf ein wirklich sensationelles Programm ganz im Sinne der Inklusion, der Toleranz und Vielfalt. Den Veranstaltern Thomas Sauerbrey und Chris Hemmert war kein Weg zu weit, um besondere internationale Künstler zu verpflichten. Ganz neu ist das Schwarzlichttheater mit optischer Illusion. Auch die Besuch-Brüder sind echt toll! Die beiden beweisen, dass es keinen Grund gibt, sich zu verstecken, wenn man körperlich eingeschränkt ist. Wir wollen zeigen: Menschen mit Behinderungen können Ziele genauso erreichen wie alle anderen! Behinderungen – das sind Barrieren in den Köpfen der „normalen“ Menschen. Wir müssen lernen, Leute nicht auszugrenzen, nur weil sie nicht in unser Bild passen. Gemeinsam können wir alles erreichen!

Zur Person: Marc Rudolf, geboren 1982 in München, ist als Schauspieler und Entertainer vor allem in seiner Rolle als Megy B. bekannt geworden. Neben der Arbeit bei Varietés und Cabarets ist Rudolf auf Kreuzfahrtschiffen oder als Theater-Schauspieler unterwegs. Zuhause ist er mittlerweile in Rosenheim, er liebt die Berge und die Natur. Um sich schart er stets ein kleines Unternehmen aus Freunden und Familie: Seine Mutter schneidert die Kostüme, zahlreiche Freunde arbeiten in seinem Management.

Nacht der Toleranz: Varieté for Charity 2020

Programm: Livemusiker, Comedy-Acts und Akrobaten treten im Sinn einer toleranten, weltoffenen Gesellschaft auf: am Samstag, 21. März, ab 20 Uhr (Einlass 18.30 Uhr) in der Steigerwaldhalle Wiesentheid. Mit dabei sind neben Moderatorin Megy B.: das Schattentheater Light Off, das preisgekrönte Männerballett Turedancer, das Diabolo-Duo One Line, Akrobat Johann Prinz an den Strapaten, Comedian Aurel Mertz, die Besuch-Brüder (Inklusions-Comedy) und Mechthild Lavette (Gastgeber Thomas Sauerbrey).

Infos/Karten: Ein Teil der Einnahmen geht an die soziale Aktion „Patenkind“. Alle Infos/ Kartenreservierung: www.variete-for-charity.de

MEGY 5.       -  Sorgfältiges Schminken gehört vor jeder Show dazu. Fotos: Sascha Funke
Foto: SFotogafie Sascha Funke | Sorgfältiges Schminken gehört vor jeder Show dazu. Fotos: Sascha Funke
Megy_4       -  Vorhang auf für die „hohe Kunst auf hohen Schuhen“: Megy B.
Foto: SFotografie_Sascha_Funke | Vorhang auf für die „hohe Kunst auf hohen Schuhen“: Megy B.
Megy_3       -  Glamourös: Megy B.  -
Foto: Sascha Funke | Glamourös: Megy B. -
MEGY 6.       -  Sorgfältiges Schminken gehört dazu.
Foto: Sascha Funke | Sorgfältiges Schminken gehört dazu.
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