Münsterschwarzach

Kirchenasyl-Prozess: Warum Bruder Abraham jetzt auf Unterstützung aus der Politik hofft

Der Ordensmann aus dem Kloster Münsterschwarzach berichtet im Interview über die Erleichterung nach dem Freispruch und warum ihn eine Fortsetzung des Verfahrens nicht überrascht.
Der Eingangsbereich des Klosters in Münsterschwarzach.
Foto: Frank Weichhan | Der Eingangsbereich des Klosters in Münsterschwarzach.

Es war der erste Prozess dieser Art in Bayern: Mit Bruder Abraham musste sich ein Mönch am Kitzinger Amtsgericht verantworten, weil einem 25-jährigen Flüchtling aus Gaza im Kloster Münsterschwarzach (Lkr. Kitzingen) Kirchenasyl gewährt worden war. Das Verfahren endete mit einem Freispruch, der Vorwurf der "Beihilfe zum unerlaubten Aufenthalt ohne erforderlichen Aufenthaltstitel" wurde fallen gelassen.

Wie empfand Bruder Abraham den Prozess? Warum engagiert sich das Kloster für Flüchtlinge? Fragen an den Benediktinermönch, der bürgerlich Armin Sauer heißt, aus dem Landkreis Main-Spessart stammt und dem Orden seit 1997 angehört.

Frage: Sie waren der erste Ordensmann in Bayern, der sich wegen Kirchenasyl vor Gericht verantworten musste - wie fühlt es sich an, Geschichte zu schreiben?

Bruder Abraham: Ich würde nicht sagen, dass ich Geschichte geschrieben habe.

Wie groß war die Erleichterung nach dem Urteil?

Abraham: Natürlich war ich sehr erleichtert, das Wort 'Freispruch' zu hören – und vor allem auch die Begründung mit der Glaubens- und Gewissensfreiheit.

Wie sehr hat es Sie belastet, auf die Anklagebank zu müssen?

Abraham: Nicht so sehr, da ich meine Gemeinschaft, meine Mitbrüder hinter mir wusste. Ich habe im Vorfeld auch sehr viel Solidarität und Zuspruch von anderen Ordensgemeinschaften erfahren.

Wenn man meint, richtig zu handeln, sich dann aber vor Gericht verantworten muss - was macht das mit einem Ordensmann?

Abraham: In meinem Fall ging es ja darum, einem Menschen zu helfen – also ein sehr hohes Gut. Und für ein hohes Gut lohnt sich ein hoher Einsatz. Es geht darum, die Würde des Menschen zu bewahren.

Bruder Abraham musste sich vor dem Amtsgericht Kitzingen wegen der Gewährung von Kirchenasyl verantworten – und wurde freigesprochen.
Foto: Frank Weichhan | Bruder Abraham musste sich vor dem Amtsgericht Kitzingen wegen der Gewährung von Kirchenasyl verantworten – und wurde freigesprochen.
Welchen Zuspruch haben Sie außerhalb des Klosters erfahren?

Abraham: Es kamen Glückwünsche und freudige Anteilnahme aus dem gesamten Bundesgebiet und sogar dem Ausland.

Hatten Sie im Vorfeld ein Gefühl, wie der Prozess ausgehen könnte?

Abraham: Natürlich hatte ich die Hoffnung, dass ich einen Freispruch erhalte – aber kein sicheres Gefühl.

Unter welchen Voraussetzungen wird Flüchtlingen im Kloster Münsterschwarzach Kirchenasyl gewährt?

Abraham: Es gibt keine bestimmten Voraussetzungen. Wir haben Kirchenasyl als 'ultima ratio' in wohlbegründeten Einzelfällen eingesetzt; wenn alle Mittel ausgeschöpft waren und dennoch eine Verletzung der Menschenwürde zu befürchten war. Natürlich haben wir jede Anfrage sorgfältig geprüft. Die meisten aller Anfragen, die wir bekommen, lehnen wir ab.

Wo sind die aufgenommenen Flüchtlinge im Kloster untergebracht – und wie viele sind es aktuell?

Abraham: In einem Wohngebäude auf dem Abteigelände. Derzeit lebt niemand bei uns im Kirchenasyl. Wir beherbergen aber nicht nur Menschen im Kirchenasyl. Seit 2014 sind wir eine dezentrale Unterkunft für Geflüchtete und arbeiten mit dem Landratsamt Kitzingen zusammen. Neben einer Unterkunft haben wir auch Mietwohnungen auf dem Gelände.

Wie sieht ein normaler Tag im Kloster für Sie in Sachen Flüchtlingsarbeit aus?

Abraham: Von 2015 bis 2019 war ein Tag gefüllt mit verschiedensten Tätigkeiten: Schriftkram und Kontakt mit Behörden, Unterstützung bei Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche, Organisation von Deutschunterricht. Und viel Seelsorge: Da-Sein, Zuhören, Anteil-Nehmen, ein Gefühl von Heimat oder Geborgenheit vermitteln. Seit vergangenem Jahr ist es relativ ruhig geworden, da wir kaum noch Migranten zugewiesen bekamen und etliche ausgezogen sind. Die Verbliebenen machen teilweise eine Ausbildung in den Klosterbetrieben. Ich halte zudem Kontakt mit vielen Ehemaligen.

Wie kamen Sie zur Flüchtlingsarbeit?

Abraham: Im Herbst 2014 fragte Bischof Friedhelm Hofmann verschiedene Klöster an, ob sie eine größere Migrantenfamilie beherbergen könnten. Wir sagten zu – jedoch hatte sich schon ein anderer Platz für diese Familie gefunden. So erklärten wir uns bereit, die Wohnung allgemein als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung zu stellen, was von der Regierung von Unterfranken gerne angenommen wurde.

Was genau passiert alles im Kloster in diesem Zusammenhang?

Abraham: Anfangs ging es um die Bereitstellung von Wohnraum. In den folgenden Jahren gingen wir stets auf die anstehenden Nöte und Bedürfnisse ein, nahmen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Obhut, als alle sonstigen Kapazitäten erschöpft waren, und wir schufen Wohnraum für anerkannte Migranten mit Bleibeperspektive. Wichtig waren uns auch das Kennenlernen, der interreligiöse Dialog, das friedliche Zusammenleben der Kulturen und Religionen.

Wie oft wurde für Flüchtlinge seit 2014 Kirchenasyl gewährt?

Abraham: Aufgrund des Verfahrens möchte ich zur Anzahl der Fälle von Kirchenasyl nichts öffentlich sagen.

Die Staatsanwaltschaft legt Rechtsmittel ein - damit geht der Prozess in die nächste Runde. Was sagen Sie dazu?

Abraham: Dass dieses Verfahren nicht in der ersten Instanz entschieden wird, war zu erwarten. Kirchenasyl ist sehr komplex. Der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer hatte 2017 die Humanität betont, als es um Ermittlungen gegen einen Pfarrer ging und es wurde die Unterstützung der Staatsregierung zugesichert. Daher hoffe ich, dass die Politik sich einschaltet.

Können Sie verstehen, dass der Staat Sie bestrafen will?

Abraham: Natürlich! Wir leben in einem Rechtsstaat und es ist wichtig, dass es klare Regelungen gibt, auf deren Einhaltung geachtet wird.

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