Atzhausen

Landwirtschaft: Protestbewegung nimmt Fahrt auf

Julian Klein, Christian Voltz und Tizian Klein (Hintergrund) engagieren sich bei „Land schafft Verbindung.“ Sie wollen auf die Sorgen der Landwirte aufmerksam machen – und den Diskurs mit den Verbrauchern intensivieren.
Foto: Ralf dieter | Julian Klein, Christian Voltz und Tizian Klein (Hintergrund) engagieren sich bei „Land schafft Verbindung.“ Sie wollen auf die Sorgen der Landwirte aufmerksam machen – und den Diskurs mit den ...

Sie organisieren Demos, fahren in ihren Schleppern zu Firmen und Politikern. Nicht nur in der Region, es geht auch mal nach Bonn oder Berlin. Der Vorteil von „Land schafft Verbindung“ ist die schnelle Mobilisierung von großen Massen.

Mitten drin sind Tizian und Julian Klein aus Atzhausen sowie Christian Voltz aus Schernau. Sie sind alle noch keine 30 Jahre alt. Und kämpfen schon für ihre berufliche Zukunft.

„Wir sind eine echte Basisbewegung. Mit einer großen Dynamik.“
Tizian Klein, Land schafft Verbindung

Treffen am großen Tisch der Familie Klein in Atzhausen. Schnell wird klar: Hier sitzen keine Revoluzzer, sondern Menschen, die sich Sorgen um ihren Berufsstand machen. Die Veränderungen herbeiführen wollen. Auf friedliche Weise, aber nachdrücklich. „Wir werden weitere Aktionen durchführen“, kündigt Tizian Klein an. Wann und wo ist noch unklar. Sicher ist: Es werden jede Menge Mitstreiter dabei sein.

Mit „Bauer Willi“ und seinen öffentlichkeitswirksamen Erläuterungen zur Landwirtschaft ging die Bewegung los. Dann kamen die „Grünen Kreuze.“ In ganz Deutschland bildeten sich Whatsapp-Gruppen von unzufriedenen Landwirten. „Und die waren ruckzuck voll“, erinnert sich Tizian Klein. Mittlerweile gibt es in fast jedem Landkreis eine Gruppe, in der maximal 250 Mitglieder vertreten sind. „Wir sind eine echte Basisbewegung“, sagt Tizian Klein. „Mit einer großen Dynamik.“

Die Feuertaufe erlebten die „Land schafft Verbindung-Landwirte aus der Region im Oktober letzten Jahres mit der ersten Sternfahrt nach Würzburg. „Da war der Zusammenhalt mit Händen greifbar“, erinnert sich Christian Voltz. Die Jungen haben die Älteren mitgezogen, gemeinsam hat man für die Sache demonstriert. Und der Bayerische Bauernverband (BBV), die standesgemäße Vertretung der Landwirte, die erst im letzten Jahr ihren 75. Geburtstag feierte? Der BBV setze sich schon ein für die Belange der Landwirte, meint Tizian Klein. Aber im Lauf der Jahrzehnte habe sich eine starre Struktur mit vielen Funktionären gebildet. „Das wollen wir nicht“, betont er. Bei der Bewegung „Land schafft Verbindung“ gibt es keine Mitgliedschaften, keine Aufnahmeanträge oder Gebühren – nur beim zugehörigen Verein. Wer dort Fördermitglied werden will, kann selbst bestimmen, wie hoch sein Obolus ist. Schnell und öffentlichkeitswirksam wollen die Teilnehmer agieren. „Und das funktioniert“, sagt Tizian Klein. Zumindest im Kleinen.

In den überregionalen Medien fühlen sie sich noch zu wenig beachtet. Aber das ist gar nicht so schlimm. „Wir wollen die Menschen vor Ort mitnehmen“, erklärt Christian Voltz. Durch wieder kehrende Aktionen. Am liebsten schon mit den ganz Kleinen. Kindergartenkinder oder Schulkinder sollen auf die Höfe eingeladen werden. „Die Distanz zur Bevölkerung ist zu groß geworden“, bedauert der 23-Jährige. Und so sei es kein Wunder, dass Landwirte mancherorts an den Pranger gestellt werden, weil sie sonntags auf den Feldern arbeiten. „Bei unseren Großeltern war das ganze Dorf bei der Strohernte mit dabei“, weiß Tizian Klein. Jetzt gibt es Dorfbewohner, die schon meckern, wenn ein Landwirt ein wenig Stroh auf der Straße verliert. Der Schlüssel für ein gutes Miteinander liege darin, miteinander zu reden. Immer und immer wieder. Davon sind die drei überzeugt.

350 Muttersauen und 850 Mastschweine hat der Betrieb der Familie Voltz in Schernau. Hinzu kommen 300 Hektar Ackerland. Christian Voltz will den Familienbetrieb mit seinen Eltern und seinem Bruder gerne in die Zukunft führen. Gegen das Tierwohl und den Insektenschutz hat er grundsätzlich nichts einzuwenden. „Aber wir müssen von dem leben können, was wir erwirtschaften.“ Der Handel reguliert die Preise und die befänden sich seit Corona im Sinkflug. Die Kopplung an den Weltmarkt mache es nicht leichter für die fränkischen Landwirte. „Wegen uns muss der Regenwald in Brasilien nicht brennen“, betont Tizian Klein. Das Handelsabkommen zwischen der EU und Südamerika habe gravierende Auswirkungen auf die Natur in Südamerika – und die Preise für Lebensmittel in Deutschland. Letztendlich seien deshalb auch die Verbraucher gefragt. Die meisten greifen nach wie vor zu Billigprodukten, bedauert Julian Klein und erinnert an die Mühen und Kosten, die ein deutscher Landwirt hat. Das Wort Subventionen können die drei nicht mehr hören. „Wenn wir für unsere Produkte ordentlich bezahlt werden, bräuchten wir auch keine finanzielle Unterstützung“, sagt Tizian Klein.

„Wir wollen die Menschen vor Ort mitnehmen.“
Christian Voltz Land schafft Verbindung

In anderen Branchen sei das ja auch der Fall. Immerhin: Seit Corona ist ein Umdenken bei manchen Verbrauchern zu spüren, der Absatz über die Direktvermarktung ist gestiegen. Ein Lichtstreifen am Horizont. „Aber es kann auch nicht jeder Landwirt einen eigenen Hofladen eröffnen“, gibt Christian Voltz zu bedenken.

Julian Klein bewirtschaft rund 150 Hektar rund um Atzhausen. Raps, Weizen, Gerste, Dinkel und Sonnenblume werden angebaut. In der staatlichen Ausbildung hat er gelernt, wie Pflanzenschutzmittel angewendet werden sollen. „Und jetzt bekomme ich gesagt, dass alles falsch war?“, fragt er sich. Einige Neuerungen der letzten Zeit hält er durchaus für sinnvoll. Den Zwischenfruchtanbau, beispielsweise. Auch die Förderung von Blühflächen ergebe in vielen Regionen Sinn. Aber halt nicht überall. Im Ochsenfurter Gau, wo es die besten Böden in Mainfranken gibt, seien rund 16000 Hektar als FFH-Gebiet ausgewiesen. „Sollen die alle still gelegt werden?“

In den nächsten Wochen und Monaten wollen die drei weiterkämpfen. Für mehr Verständnis in der Bevölkerung, für eine gerechtere Entlohnung, für ihre berufliche Zukunft.

Bauernprotest bei Glauber-Besuch in Iphofen       -  Mit großen Schlepperdemos, wie hier bei Iphofen, haben die Landwirte in den letzten Wochen und Monaten auf sich aufmerksam gemacht.
Foto: Daniel Peter | Mit großen Schlepperdemos, wie hier bei Iphofen, haben die Landwirte in den letzten Wochen und Monaten auf sich aufmerksam gemacht.
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