Kitzingen

Politiker, Lausbuben, Tanten: Die dicksten Köpfe kommen aus Thüringen

Schon mal einem Mollikopf begegnet? Sie sind echte Raritäten, weil aus Papier. Das Kitzinger Fastnachtmuseum zeigt, was es mit den drolligen Riesenköpfen auf sich hat.
Molliköpfe!  Fastnachtshochburgen bezogen die riesigen Masken vor allem aus Thüringen.
Foto: Museum | Molliköpfe!  Fastnachtshochburgen bezogen die riesigen Masken vor allem aus Thüringen.

Sie sind ziemlich dick – und ziemlich drollig. Schutzmänner und Lausbuben, Dienstmänner und Klatschbasen, alte Tanten, alte Omas, Brillenträger und Biertrinker, schlecht gelaunte Damen mit Dutt und noch viel schlechter gelaunte Herren mit Zahnschmerzen. Riesige Köpfe haben sie alle – und die sind, ganz klassisch, aus Pappmaschee. Im Deutschen Fastnachtmuseum in Kitzingen harrte eine stattliche Zahl von ihnen in den stillen Lockdown-Wochen aus.

Der Spitzbube aus der Maskenfabrik Eilers & Mey, Manebach, aus den Jahren 1920 bis 1940.
Foto: Museum | Der Spitzbube aus der Maskenfabrik Eilers & Mey, Manebach, aus den Jahren 1920 bis 1940.

„Molliköpfe“ heißen die seltenen, seltsamen, fantasievollen Stülpmasken. Dickköpfe also. Für eine „Ausnahmeschau“ hatte das Museum sie zusammen mit den Alemannischen Larvenfreunden e.V. nach Kitzingen gebracht. Sie sind ja Raritäten, die feixenden Spitzbuben, grantigen Tanten und Bierdimpfel mitsamt ihren tierischen Anverwandten. Weil aus Papier und damit höchst vergänglichem Material, überlebte so mancher Politiker, Hase, Storch oder Esel kaum mehr als eine närrische Saison – und landete im Ofenloch.

Bereits in der Zeit um 1650 hatten die Nürnberger „Dockenmacher“, als Nebenprodukt ihrer Puppenherstellung quasi, Masken aus Pappmaschee angefertigt. Die steigende Nachfrage, auch aus Italien und Spanien, führte zur Auslagerung der Produktion in das strukturarme, aber waldreiche Thüringen – weil dort etliche Papiermühlen waren. Recht bald bildeten sich Zentren der „Fratzenmacher“ in Sonneberg, Ohrdruf und Manebach, bekannt als „die Werkstatt des Prinzen Karneval“.

Homeoffice vor 100 Jahren: Hartes Brot für Heimarbeiter

Die 'Klatschbase' aus der Maskenfabrik Preußler in Hünfeld. 
Foto: Andreas Reuter | Die "Klatschbase" aus der Maskenfabrik Preußler in Hünfeld. 

Die großen Maskenfabriken wie Heintz & Kühn oder Eilers & Mey beschäftigten zahlreiche Heimarbeiter im „Hausfleiß“: Sie bezogen Maskenformen und Rohmaterialien wie Papier, Leim und Farbe von den Fabriken und erhielten Lohn für die erzeugte Fertigware. Ein hartes Brot: In der oftmals einzigen beheizten Stube im Haus – von Farbe und Leim geschwängert – lebte, aß, schlief und arbeitete die ganze Familie. Nur in den warmen Monaten lagerten die Masken zum Trocknen im Freien. Jedes Familienmitglied hatte seinen Anteil an der Arbeit beizutragen, selbst die Kleinsten stanzten schon Augen, Nase und Mund aus.

„Diese Maskenmanufakturen erlebten in der Zeit um 1900 eine Hochkonjunktur“, erzählt Museumsleiterin Dr. Katrin Hesse. Auch die schwäbisch-alemannischen Fastnachtshochburgen ließen sich Larven und Schwellköpfe aus Thüringen liefern. „Bis heute schreitet dort mancher papierene Polizist als Ordnungshüter dem Narrensprung voran.“ Jährliche Kataloge mit neuen Motiven – Auerhahn und Fuchs, Dick und Doof, Max und Moritz – hatten zunächst für einen regen Absatz gesorgt.

Mann mit Zahnschmerzen aus der Maskenfabrik Preußler. 
Foto: Andreas Reutter | Mann mit Zahnschmerzen aus der Maskenfabrik Preußler. 

Dann kamen Zweiter Weltkrieg und deutsch-deutsche Teilung. Die Planwirtschaft der DDR und die damit verbundene Enteignung der Manufakturen verdrängten die wenig stabilen Larven aus Papier. Und die um 1970 vermehrt aufkommenden Kunststoffmasken, vor allem aus Fernost, taten ihr Übriges dazu . . .

Als die Lieferungen aus Thüringen nach dem Krieg wegfielen, übernahm der gelernte Modelleur Walter Preussler im hessischen Hünfeld die Maskenproduktion und die Fertigung der dicken Stülpköpfe. Er begeisterte durch Karikaturen und Kreationen voller Humor. Bis auch seiner Firma 1991 der Ausfall des Karnevals wegen des Golfkriegs zum Verhängnis wurde.

„Heute sind die Papierlarven seltene und gesuchte Sammlerobjekte“, sagt Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Katrin Hesse. Kaum hatte das Kitzinger Museum Ende Oktober die Mollikopf-Schau eröffnet – musste es die Lichter in der Ausstellung schon wieder aus machen. Kein schönes Gefühl. Die Typen, Tiere und Witzfiguren harrten vergeblich auf Besucher. „Als Fastnachtmuseum ist es für uns natürlich besonders deprimierend, dass ausgerechnet die Feier, die unseren Sammlungsschwerpunkt bildet, ausgefallen ist“, sagt Hesse.

Jetzt eben närrisch auf Social Media

Das Museumsteam bespielt nun eben Social-Media-Kanäle und ist närrisch auf Instagram und Facebook unterwegs – mit und ohne dicken Köpfen. Tipp: Eine feine Broschüre zu den Molliköpfen bietet das Deutsche Fastnachtmuseum Kitzingen zum Runterladen: deutsches-fastnachtmuseum.de

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