Sommerach

Schneiderin aus Leidenschaft: Bei ihr ist alles Handarbeit

Manuela Pfaff an ihrem Arbeitsplatz: Das ehemalige Wohnzimmer hat sie zu einer gemütlichen Nähstube umgebaut.
Foto: Ralf Dieter | Manuela Pfaff an ihrem Arbeitsplatz: Das ehemalige Wohnzimmer hat sie zu einer gemütlichen Nähstube umgebaut.

Sie lernt jeden Tag etwas dazu. Obwohl sie schon seit beinahe 40 Jahren in dem Beruf tätig ist. Manuela Pfaff ist Schneiderin aus Leidenschaft. Ein ehemaliges Wohnzimmer in Sommerach hat sie in ihr kleines berufliches Paradies verwandelt.

Durch einen Innenhof geht es ins Haus, mitten in Sommerach. Auf der Holztreppe stehen bunte Vogelhäuschen, die ihr Bruder gefertigt hat, im Flur hängen an Garderobenständern ihre Eigenkreationen an Kostümen, Mänteln und Kleidern. Seide und Wolle, bunte und gedeckte Farben. Die Tür zu ihrem Arbeitsraum steht offen. Alte Holzdielen, an den Wänden hängen Zettel mit den Bestellungen und Wünschen der Kunden. Im Radio läuft dezent Klassik. Auf einem Tisch in der Ecke stehen sechs Nähmaschinen, mitten im Raum das Bügelbrett. „Das Eisen ist den ganzen Tag an“, sagt Manuela Pfaff und lächelt. Acht Stunden am Tag hält sich die 57-Jährige hier auf, näht, bügelt, schneidet, nimmt die Maße der Kunden. „Mein Traumjob“, sagt sie.

„Der Trend geht immer mehr zum Individuellen.“
Manuela Pfaff, Meisterin im Schneiderhandwerk

Mit neun Geschwistern ist Manuela Pfaff im Odenwald aufgewachsen. Ihre schönste Erinnerung: Das Geräusch von Schere und Stoff, wenn ihre Mutter wieder mal ein Kleidungsstück für die Kinder genäht und zugeschnitten hat. Nach der Schule hat sie eine Lehre beim Damen- und Herrenschneider angefangen. „Und danach wollte ich unbedingt zu Burda.“ In der Offenburger Zentrale des Weltkonzerns fand sie tatsächlich eine Anstellung, lernte ihr Handwerk noch einmal neu kennen. Dass die Kollegen in T-Shirts und Jeans von der Stange zur Arbeit erschienen, verwunderte sie. „Ich habe mir meine Kleider fast immer selbst genäht.“

1989 absolvierte sie ihren Meisterkurs, vier Jahre später machte sie sich selbstständig. Die Liebe verschlug sie nach Sommerach. Ihr kleines Paradies in der Innenstadt hat sie vor zwölf Jahren bezogen, ihre Fähigkeiten haben sich längst herumgesprochen.

Die Symbolfiguren Volkacher Ratsherr und Astheimer Karthäuser hat sie schon zweimal eingekleidet. „Was für eine Arbeit“, sagt sie und muss schmunzeln. Einen Pastoralkragen hatte sie noch nie gefertigt. Alleine dafür brauchte sie acht Stunden. Alles Handarbeit. „Da braucht man schon jede Menge Geduld“, sagt sie. Das ganze Kostüm war nach 30 Stunden fertig.

Von jungen Mädchen, die ein Kleid für den Abschlussball suchen, bis hin zu Seniorinnen, die ihre Enkel bei deren Trauung begleiten, reicht die Bandbreite der Kunden. Entsprechend abwechslungsreich sind auch die Wünsche und Ansprüche. Die meisten Kunden sind Frauen, aber es kommen auch immer wieder ein paar Männer mit ihren Wünschen vorbei. Der gekaufte Anzug von der Stange sitzt doch nicht richtig, ein paar Anpassungen müssen vorgenommen werden. Oft bringen die Kundinnen Kleider vorbei, die sie im Internet bestellt haben. Bei der ersten Anprobe daheim stellten sie fest, dass doch nicht alles so passte, wie erwünscht. Dann kürzt oder verlängert Manuela Pfaff, setzt einen neuen Reißverschluss oder eine Einlage ein.

Immer öfter kommen aber auch Kundinnen, die ein Kleid oder einen Hosenanzug von ihr genäht haben wollen. „Der Trend geht immer mehr zum Individuellen“, freut sich die Handwerkerin. Manche Kunden sind sehr zielsicher, wissen genau, was sie wollen und bringen sogar den Stoff mit. Andere haben kaum eine Vorstellung und sind froh über eine eingehende Beratung. Die Grundlage für eine zufriedenstellende Arbeit ist immer das exakte Maßnehmen. Maximal zwei Mal sollen die Kundinnen zum Anproben kommen.

Zwischen zwei und drei Stunden braucht Manuela Pfaff, um einen Schnitt zu erstellen, bis ein Kleid fertig genäht ist, vergehen rund zehn Stunden. „Dafür hat die Kundin ein Unikat“, sagt die Frau, die früher mit dem Gedanken gespielt hat, eigene Kollektionen zu entwerfen. Der Aufwand war ihr dann aber zu groß, die Unsicherheit, ob sie Erfolg haben wird, ebenfalls.

Seit 27 Jahren ist Manuela Pfaff nun schon selbstständig. Langeweile ist in all der Zeit nicht aufgekommen. Jeder Auftrag ist ein bisschen anders. Am liebsten verarbeitet sie Seide, am schwierigsten findet sie Samt. „Der rutscht immer aufeinander.“ Aus Leder fertigt sie beispielsweise Westen für ihren Mann, aus Wolle Kleider. Ihre Stoffe kauft sie seit Jahrzehnten in Würzburg, manchmal bekommt sie auch Restposten von Freunden geschenkt. Dann fertigt sie Accessoires wie Tücher oder neuerdings auch Mund- und Nasenmasken. Egal, woher die Materialien stammen und welche Eigenschaft sie haben: „Wenn ich einen Stoff sehe, weiß ich schon, was ich daraus machen will“, sagt Manuela Pfaff. An kreativen Ideen mangelt es ihr genauso wenig wie an der Lust, etwas Neues auszuprobieren.

Manuela Pfaff mit einer Auswahl ihrer selbst entworfenen und genähten Kleidungsstücke.
Foto: Ralf Dieter | Manuela Pfaff mit einer Auswahl ihrer selbst entworfenen und genähten Kleidungsstücke.
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