Arnstein

Als wehrhafte Franken das Werntal besiedelten

Aus der Geschichte Main-Spessarts (14): Bei Bauarbeiten bei Arnstein wurde ein ergiebiges Gräberfeld entdeckt. Die Skelette sind erstaunlich gut erhalten. Auch gab es Verpflegung für die letzte Reise.
Ein Kammergrab mit gut erhaltenem Skelett im Gräberfeld bei Arnstein. Die Person ist in West-Ost-Richtung gelegt. Das Gesicht weist nach Osten.
Foto: Günter Roth | Ein Kammergrab mit gut erhaltenem Skelett im Gräberfeld bei Arnstein. Die Person ist in West-Ost-Richtung gelegt. Das Gesicht weist nach Osten.

Wie in vielen anderen Ortschaften in unserem Landkreis ist die Besiedlung des Werntals um Arnstein wesentlich älter, als es die schriftlichen und urkundlichen Zeugnisse vermuten lassen. Schließlich liegt der Arnsteiner Raum ganz im Schnittpunkt der Verbindungswege entlang der Wern von Schweinfurt-Karlstadt und Saaletal-Würzburg, die immer stark frequentiert waren. Günstig war das Werntal gewiss auch als Aufmarschstrecke für die Rheinfranken im Konflikt mit den Thüringern im Osten. Zuletzt aber weiß man von den Nachbarorten von Thüngen bis Heugrumbach und hinauf nach Büchold, dass hier schon um 788 Schenkungen der Mattonen, der Werngaugrafen, an das Kloster Fulda gemacht wurden.

Endgültige Beweise für diese fundierten Vermutungen kamen dann aber im Zuge der Bauarbeiten rund um die "Neue Mitte" von Arnstein und den jetzigen Verkehrskreisel zutage. Hier wurde bei der damaligen "Wasserwerkskurve" ein umfangreiches, äußerst ergiebiges Gräberfeld entdeckt, das Funde von der Bandkeramik um 5000 vor Christus, über die Bronzezeit (bis 800 v. Chr.), das Frühmittelalter der Merowinger (600) bis hin zum Hochmittelalter um 1200 nach Christus umfasst.

Grabungsleiter Oliver Specht zeigt interessierten Bürgern im August 2018 einige seiner Funde.
Foto: Günter Roth | Grabungsleiter Oliver Specht zeigt interessierten Bürgern im August 2018 einige seiner Funde.

Die spektakulärsten Funde jedoch waren zwei Gräber mit sehr gut erhaltenen Skeletten aus dem 5. bis 8. Jahrhundert, der Merowingerzeit. Diese fast anderthalbtausend Jahre alten menschlichen Überreste waren bei ihrer Entdeckung, kaum zwei Meter unter der Erdoberfläche, erstaunlich gut erhalten. Die Zähne des offensichtlich jungen Menschen waren in gutem Zustand. Die Schädelverletzung auf der rechten Seite könnte auch nach der Bestattung durch den Druck des Erdreichs entstanden sein, so der Grabungsleiter Oliver Specht.

Ein Skelett ganz ohne Unterleib

Ein Skelett aber wies eine merkwürdige Besonderheit auf: es fehlte der gesamte Unterleib einschließlich des Beckens. Der Archäologe Specht vermutet, das Grab könnte womöglich beim Bau der Fundamente für ein Sägewerk um 1910 angestochen worden sein. Damals wurden tatsächlich entsprechende Funde gemacht, aber nicht weiter verfolgt. Die beiden jetzt freigelegten Skelette wurden fachmännisch geborgen und dann ins Hauptarchiv des Landesdenkmalamts nach München gebracht.

Archäologen vermessen den Fund eines "halben" Skeletts im Gräberfeld.
Foto: Günter Roth | Archäologen vermessen den Fund eines "halben" Skeletts im Gräberfeld.

In seinem offiziellen Grabungsbericht für die Stadt Arnstein berichtet Specht von einer Axt aus dem 6./7. Jahrhundert, die aber mit den übrigen damaligen Funden verschollen sei. Tatsächlich traten dort  neben einer Vielzahl vorgeschichtlicher Siedlungsbefunde weitere 19 merowingerzeitliche Gräber zutage. 

Ärmliche Beisetzungen, aber auch voll ausgestattete Kriegergräber

Ein Skelett wurde in der Kellergrube des ehemaligen Sägewerks gefunden. Dort kam das West-Ost ausgerichtete Grab zum Vorschein, das einen großen stempel- bzw. stichverzierten Knickwandtopf aus dem 6. Jahrhundert enthielt. In gestreckter Rückenlage mit Blickrichtung Ost war hier ein etwa 50 bis 60 Jahre alter Mann niedergelegt, an dessen linkem Unterschenkel noch ein eisernes Messerfragment lagerte. Ansonsten gab es lediglich eine einfache ovale Gürtelschnalle und drei korrodierte eisernen Riemenzungenfragmente. Insgesamt  wirkt das unberührte Männergrab eher ärmlich.

Reichlicher war das Nachbargrab ausgestattet. Hier fanden die Archäologen einen 20 bis 40-jährigen Krieger mit einem Totenobolus im Anlehnung an den antiken Charonspfennigs für die "Überfahrt ins Jenseits". (Ein Hinweis auf die damals noch häufige Verschränkung von christlichen und heidnischen Riten). Zusätzlich kamen noch eine nierenförmige Gürteltasche mit Messer, Bügelschere und Ahle zum Vorschein. Zu Füßen des Kriegers entdeckten die Forscher eine Lanzenspitze mit Tülle, eine Wurfaxt (Franziska), ein Kurzschwert (Spatha) mit Resten einer hölzernen Scheide und ein leichter Breitsax. Zwei eiserne Pfeilspitzen vervollständigten die Bewaffnung. Für Speisen wurden dem Mann zwei Keramikgefäße beigegeben.

Schmuckstein aus einem Frauengrab.
Foto: Günter Roth | Schmuckstein aus einem Frauengrab.

Weitere Frauengräber waren mit reichlich Schmuck ausgestattet. Bei der Vorstellung der Funde im Mai 2019 bezeichnete der Archäologe Specht eine etwa 60-jährige Frau als "Frühmittelalterliche Promi-Shopping-Queen". Sie war mit vielen Grabbeigaben und reichem Schmuck versehen: Perlen, ein Bernsteinamulett, Zierscheiben und kunstvoll gearbeitete Almadinscheiben-Fibeln aus Granat.

Teenager mit Bernsteinschmuck und Glastummler

Aus dem Inventar eines Grabes eines weiblichen Teenagers ist neben dem Perlen- und Bernsteinschmuck und einem Gürtelgehänge mit anhaftender Organik insbesondere der in der südlichen Kammerhälfte deponierte gläserne Tummler in Glockenbecherform bemerkenswert. Er stellt ein seltenes rheinisches Importgut dar und verweist auf das gehobene soziale Milieu.

Fibel aus den Gräbern bei Arnstein.
Foto: Günther Liepert | Fibel aus den Gräbern bei Arnstein.

Auffällig ist, dass das Reihengräberfeld im oberen Hang nördlich der beiden Männergräber in einer Gruppe von fünf Kindergräbern endet. Während die vier Mädchen mit allerlei Kämmen, Nadel- und Perlenschmuck sowie den üblichen Gefäß- und Speisebeigaben ausgestattet waren, wurde der zwei- bis drei-jährige Knabe wie ein echter Krieger mit Lanze und Messer auf die letzte Reise geschickt. Seinem Leibgurt ist ein qualitätvoller, annähernd quadratischer Kerbschnittbeschlag zuzurechnen. In allen Gräbern gab es auch Nahrungsbeigaben mit Fleisch, Getreideprodukte; in einem Fall vermutete man sogar die Überreste einer Hühnersuppe.

Frankisierung von Westen her – rheinische Einflüsse

Die dem Friedhof zugehörige Siedlung wird wohl im Umfeld der weiter südlich gelegenen Stadtmühle oder um die heutige Wallfahrtskirche Maria Sondheim zu suchen sein, vermutet Oliver Specht. Den im Werntal gelegenen frühmittelalterlichen Friedhöfen von Reuchelsheim, Müdesheim und dem nun wiederentdeckten Gräberfeld von Arnstein ist eine ähnliche topografische Lage in sanfter Hanglage oberhalb einer an einem Wasserlauf gelegenen Hofgruppe eigen. Die vielen rheinischen Einflüsse im Fundgut der Arnsteiner Gräber verdeutlichen, dass die nach dem 496 errungenen Sieg über die Alamannen von Westen her einsetzende Frankisierung im Übergang vom 6. zum 7. Jahrhundert nicht nur politisch vollzogen war.

Die Begegnung des Werntals mit den Franken beginnt mit dem Ende der Hunnengefahr, Mitte des fünften Jahrhunderts. Zwar soll Faramund nach unbestätigten Quellen um 420 der erste salfränkische König gewesen sein, doch gilt heute Chlodio als der Ahnherr der Merowinger. Mit dem wesentlich bekannteren Chlodwig oder Chlodowig beginnt aber auch, besonders unter seinen Nachfolgern der Griff nach Osten, bedingt durch die Rivalität mit dem Reich der Thüringer. Damit waren das Werntal, genau wie das Saaletal von strategischer Bedeutung.

Ortsnamen mit Endungen auf "-heim" sind Hinweise auf frühmittelalterliche fränkische Siedlungen: Eußenheim, Halsheim, Müdesheim oder Gänheim. Eine Sage, die beispielsweise das 788 erstmals urkundlich erwähnte Müdesheim in Zusammenhang mit den frühen Franken bringt, erzählt von der Thüringer Prinzessin Radigundis, die hier an der Quelle gerastet haben soll, als der Frankenkönig Clothar sie zur Hochzeit als siebte Ehefrau in sein Reich verschleppte. Als Königin sorgte sich Radegundis um Kranke und Arme. Sie ließ ein Hospital erbauen und pflegte eigenhändig die Kranken. Später gründete sie in Noyon ein Frauenkloster.

Restaurierte Glasschale aus dem Gräberfeld.
Foto: Günther Liepert | Restaurierte Glasschale aus dem Gräberfeld.

Natürlich interessierte die Besucher bei der Vorstellung einiger der Funde brennend, was nun künftig mit den für Arnstein bedeutsamen Exponaten geschehen werde. Zunächst werden sie katalogisiert und wenn möglich restauriert. Einige Teile, wie eine schöne Glasvase, wurden bereits fachgerecht wieder zusammengesetzt. Am Ende könnte eine Sonderausstellung für die Stadt und, falls es die Mittel erlauben, auch eine museale Aufbereitung stehen. Über die Kosten konnte keiner der Fachleute Auskunft geben.

Literatur: Grabungsbericht Oliver Specht und Hubert Fehr, "Archäologie in Bayern (2006)

Lesetipp: Die bisher erschienenen Serienteile finden Sie unter www.mainpost.de/geschichte_ msp

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