Gemünden

Aschenrother Dorfordnung vor Schimmel und Papierfraß gerettet

Sie erhalten der Stadt Gemünden wertvolle Bücher: (von links): Kreisarchivpfleger Werner Fella, Restauratorin Henriette Reißmüller und Stadtarchivar Joachim Hellmann.
Foto: Ferdinand Heilgenthal | Sie erhalten der Stadt Gemünden wertvolle Bücher: (von links): Kreisarchivpfleger Werner Fella, Restauratorin Henriette Reißmüller und Stadtarchivar Joachim Hellmann.

Schatzkammern voller Dukaten und Gulden besaß das Fischer- und Handwerkerstädtchen Gemünden nie. Auch nicht viele Heller und Batzen oder Gulden, Schilling, Mark und Pfennig. Aber es gab über die Jahrhunderte in der Stadt und den eingemeindeten Dörfern dennoch eine große Zahl von Büchern und Verzeichnissen, in denen die Einnahmen, Abgaben und Gebühren in eben diesen Währungen akribisch erfasst wurden. Diese Unterlagen stellen heute in gewisser Weise auch ein Vermögen dar.

Um diese kulturhistorischen Werte kümmern sich im Stadtarchiv dessen Leiter Joachim Hellmann, der ehrenamtliche Kreisarchivpfleger Werner Fella und Norbert Schuch vom Historischen Verein. Sie erhalten einige Male im Jahr Besuch von Henriette Reißmüller, Diplom-Restauratorin (FH) aus Colmberg. Sie restauriert nach und nach fachmännisch die beschädigten Bücher, wobei dafür je nach Beschädigungsgrad unterschiedlicher Aufwand betrieben werden muss. In diesem Jahr wurden für die im städtischen Haushalt vorgesehenen Mittel sechs Exemplare restauriert.

„Selbstklebestreifen wie Tesafilm sind der größte Feind des Papiers.“
Henriette Reißmüller Restauratorin

Die Schriften aus den Ortsteilen und der Kernstadt befinden sich oft in einem miserablen Zustand, weil sie unsachgemäß gelagert und in Garagen, feuchten Kellerräumen oder Dachböden jahrzehntelang unbeachtet ihr Dasein fristeten. In dieser Zeit konnten sich Schmutz, Schimmel und Papierfraß optimal entwickeln. Auch deshalb begann die Stadt 2010 damit, in der Remise des Huttenschlosses eine zentrale Stadtbibliothek einzurichten. Um zu retten, was zu retten ist, begann man nach der Archivierung Zug um Zug mit der Restaurierung.

Mit den zur Verfügung stehenden Haushaltsmitteln könne man bei geschätzten 400 laufenden Metern Material nur punktuell tätig werden, sagt Fella und öffnet einen der 55 Blechschränke. Darin stehen fein sortiert eine Vielzahl von Akten und Gemeindebüchern, zum Teil mit zerbröselnden Einbänden oder ramponierten Buchrücken. Darunter im wahrsten Sinne des Wortes „Schwarten“, in Schweinsleder gebundene Abgabenbücher aus dem 17. Jahrhundert.

Genauso alt ist die unscheinbare, 34,8 mal 22,5 Zentimeter große „Dorfordnung“ aus Aschenroth. Sie hat zwei Verschlussbänder und trägt auf der ersten Seite die Aufschrift 1695. Damals wurde sie auf Befehl des „Hochfürstlichen Würzburger Vogts von Wolfsmünster und Wayzenbach“ vom Schultheisen Jakob Stock „widerum erneuert und aufgerichtet“. Der Titel ist im barocken Zeitgeist in großen Zierbuchstaben verfasst: „Der Gemeinde Aschenroth und Neutzenbronn alte löblichen Gesetze, Rechte und von Alter herkommende Gebräuch und Gewohnheiten.“

Danach folgen in gestochener Deutscher Schrift in Kurzform Anleitungen und Hinweise, wie sie zur Regelung des Dorflebens wichtig sind. Beispielsweise unter der Überschrift: „Der Holtz-Weiser ihr Berechtigkeit“, die Entlohnung für denjenigen, der den Rechtlern das Bauholz zuweist. Für das Holz für einen ganzen neuen Bau waren sechs Schilling, für einen halben Bau drei Schilling, für mehrere Stämme neun Pfennig und für einen Stamm sechs Pfennig festgelegt.

Über jedes restaurierte Schriftstück legt die Restauratorin eine wissenschaftliche Dokumentation an, so auch über das Gemeindebüchlein, das sich nach ihrer Meinung jetzt in einem guten Gesamtzustand befindet. Das las sich vor der Bearbeitung bei der Beschreibung der Schäden noch anders: „Das Buch weist einen starken Schimmelschaden auf, der vor allem den Kopfschnitt betrifft.“ Neben weiteren Schäden waren die Deckel instabil und weich, der Rücken teilweise lose, das Bezugspapier abgerieben und Blätter unsachgemäß eingeklebt.

„Das Papier ist das Wichtigste“, sagt die Expertin und spricht in diesem Fall von einem alkalischen pH-Wert von über acht, der in Ordnung sei. Das frühere handgeschöpfte Papier wurde aus Lumpen und wässrigen, tierischen Leimen gefertigt und ist nahezu unbegrenzt haltbar. Dagegen kommen beim industriell aus Zellstoff gefertigten Papier seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts Harze und Aluminiumsulfat (Alaun), ein Salz der Schwefelsäure, zum Einsatz. Zusammen mit der unterschiedlichen Faserstruktur senke das die Haltbarkeit drastisch. Das Papier wird brüchig, gelblich bis braun und fällt schließlich auseinander. Weltweit seien dadurch unzählige Tonnen wichtiger Dokumente verloren gegangen, sagt Reißmüller.

Die erfolgten Maßnahmen zur Erhaltung werden ebenfalls genau erfasst: Innen- und Außenreinigung durchgeführt, Risse im Buchblock und stark geschwächte Bereiche mit Japanpapier und Kleister geschlossen, Blätter wieder eingeklebt. Die Deckel mit Pappe verstärkt und ein neuer Rücken aus Papier mit Rückeneinlage angefertigt und angebracht.

Die Expertin, die sich neben der handwerklichen Ausbildung in ihrem Studium mit Geschichte, Kunstgeschichte auch viel mit Chemie befasste, verwendet nur natürliche, zugelassene Materialien, die einschließlich ihrer genauen Herkunft und Zusammensetzung aufgelistet werden. Das betrifft das Papier, die Reinigungs- und Lösungsmittel und vor allem die Klebstoffe, die beispielsweise aus Weizenstärke oder Gelatine bestehen. „Selbstklebestreifen wie Tesafilm sind der größte Feind des Papiers“, klärt sie auf, weil sie fast nicht mehr ohne Beschädigungen abgezogen werden können. Vielmehr sollte man gerissene Blätter mit gummierten Streifen kleben, die sich wieder ablösen lassen.

Für dieses Jahr ist die Arbeit der Restauratorin beendet, die städtischen Mittel sind ausgeschöpft. Für das kommende Jahr hoffen Joachim Hellmann, Werner Fella und Norbert Schuch wieder auf Zuwendungen der Stadt, um weitere wertvolle Exemplare aus dem an Schätzen reichhaltigen Stadtarchiv folgenden Generationen zu erhalten.

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