Gemünden

Bedarf an Sozialarbeit an Schulen in Gemünden enorm gestiegen

Offenbar durch Corona-Pandemie brauchen immer mehr Schüler Hilfe, dabei gibt es an der Grund- und Mittelschule in Gemünden auch so schon genug Probleme.
An der Grund- und Mittelschule Gemünden herrscht offenbar enormer Bedarf an Sozialarbeit.
Foto: Björn Kohlhepp | An der Grund- und Mittelschule Gemünden herrscht offenbar enormer Bedarf an Sozialarbeit.

Es war ein Hilferuf: Mit eindrücklichen Zahlen und Beispielen hat Sarah Krüger, Sozialarbeiterin an der Mittelschule Gemünden, am Montag dem Stadtrat geschildert, wie sehr der Bedarf an Sozialarbeit an der Schule, aber auch an der Gemündener Grundschule, nach oben geschossen ist. Im vierten Quartal 2020 seien mit 142 Schülerinnen und Schülern (die Mittelschule hat insgesamt 201 Schüler) fast doppelt so viele zu ihr gekommen, wie noch im Quartal davor. Insgesamt hatte sie 355 Gespräche mit Schülern. Hinzu kommen Gespräche mit Eltern, Lehrern und "Netzwerkpartnern". Mit ihren 19,5 Stunden in der Woche könne sie das nicht mehr leisten, so Krüger. Am Ende beschloss der Stadtrat eine kleine Erhöhung der Stundenzahl.

Sozialpädagogin Krüger, die wie ihre Kollegin an der Gemündener Grundschule beim Caritasverein MSP angestellt ist, arbeitet seit Februar 2019 an der Mittelschule. "Der Bedarf ist einfach enorm", sagte sie. Kolleginnen von ihr hätten bei derselben Stundenzahl mitunter nur halb so viele Schüler. Zudem habe Gemünden "noch einmal eine andere Klientel als andere Orte im Spessart". Zeit für Prävention bleibe da keine. Sie habe 12 bis 14 Schüler mit festen Terminen, allerdings müssten die bei alltäglichen Konflikten manchmal ausfallen.

Sozialpädagogin: "Schere klafft in Coronazeit noch viel mehr auseinander"

Zum Ziel Chancengleichheit der Schüler sagte sie: "Die Schere klafft jetzt in der Coronazeit noch viel mehr auseinander." Schüler ohne Unterstützung zu Hause fielen hinten runter. Wenn man mitbekomme, dass eine sechsköpfige Familie in einer Zweizimmerwohnung lebe, verstehe man besser, warum da kein Homeschooling möglich sei. Es gebe auch Schüler, die einfach keinen Computer haben und deswegen nicht am Distanzunterricht teilnehmen könnten.

Sarah Krüger, Jugendsozialarbeiterin an der Mittelschule Gemünden (Archivbild).
Foto: Björn Kohlhepp | Sarah Krüger, Jugendsozialarbeiterin an der Mittelschule Gemünden (Archivbild).

Manche Eltern verhielten sich zudem komplett unkooperativ und unterschrieben einen Antrag auf Hilfe, die ihr Kind gerne hätte, einfach nicht. Es gebe auch Eltern, die kein Deutsch sprächen, und es fehle an Dolmetschern. An der Mittelschule hätten 41 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, an der Grundschule sogar über 50 Prozent. Manche Schüler seien durch die Flucht nach Deutschland traumatisiert.

Fälle von Gewalt und Mobbing an der Mittelschule

Sie nannte weitere Beispiele für Probleme an der Mittelschule: Bei manchen Auseinandersetzungen müsse die Polizei gerufen werden. Cybermobbing in Klassenchats werde ihr von Schülern als massives Problem geschildert. Ein Schüler sei in der Familie geschlagen und von seiner Mutter mit einem heißen Löffel verbrannt worden – mit Hilfe vom Jugendamt habe man der Familie helfen können. Die Welle der Selbstverletzungen bei Mädchen sei inzwischen etwas abgeebbt, übrig blieben aber die schweren Fälle.

Als ein großes Problem sieht Krüger, dass es in Gemünden kein Jugendzentrum und keinen Stadtjugendpfleger mehr gibt. Sie habe von einem 12-Jährigen gehört, der von älteren Schülern Alkohol und Drogen bekommen und stundenlang am Bahnhof gelegen habe.

Für die Freizeitinteressen von Schülern, die zu ihr kommen, gebe es oft keine Angebote in Gemünden, etwa Karate und Kickboxen. Sogar zum Fußball müssten ältere Schüler oft woanders hin, weswegen sie es nicht selten bleiben ließen.

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Kein Anschluss unter dieser Nummer

Hinzu kämen Probleme mit der Infrastruktur. Kürzlich habe Krüger einen Anruf von der Polizei bekommen: "Ich versuche schon seit zwei Wochen Sie zu erreichen." Die Internetverbindung an der Mittelschule sei schlecht, der Handyempfang sehr schlecht, zum Telefonieren müsse sie sich aus dem Fenster lehnen, was Klassen darunter störe.

Stadtrat Bernd Rützel (SPD) sagte: "Jeder Cent, den wir da reinstecken, macht sich später vielfach bezahlt." Er finde es nicht gerecht, dass die Stadt ein Drittel der Kosten für die Jugendsozialarbeit tragen müsse. Ratskollege Wolfgang Remelka (BfB) bestätigte in seiner Eigenschaft als Chef der Lohrer Polizei, dass immer mehr jüngere Kinder verhaltensauffällig werden. "Wenn der Landkreis das Personal um 17,5 Stellen erhöhen kann, dann sollte dafür auch etwas übrig bleiben", war seine Meinung.

Erhöhung um ein paar Stunden nur "Tropfen auf den heißen Stein"?

Ralf Obert (BfB) wendete ein, dass es in den Stadtteilen sehr wohl Jugendtreffs und aktive Sportvereine gebe. Robert Lampert (CSU) nannte die geplante Ausdehnung der Sozialarbeit von zwei Stunden an der Grund- und vier Stunden an der Mittelschule angesichts des Berichteten einen "Tropfen auf den heißen Stein". Sein Vorschlag war, dass wenigstens in der Pandemiezeit die Stellen zu Vollzeitstellen aufgestockt werden.

Woran es liege, dass die Schüler noch immer keine mobilen Endgeräte haben, wollte Monika Poracky (SPD) wissen. Laut Bürgermeister Jürgen Lippert wurden die Leihgeräte schon vor über drei Monaten bestellt, aber inzwischen habe man die Bestellung storniert und kurzerhand im Internet selbst Geräte besorgt. Er beklagte ein "Förderunwesen" mit "unsäglichen Auflagen".

Lippert: Staat lässt Gemünden hängen

Lippert wollte in der Stadtratssitzung keine Grundsatzdiskussion führen. Im Nachhinein betrachtet sei die 2018 gefällte Entscheidung für Jugendsozialarbeit an den Schulen sehr sinnvoll gewesen, und eine Erhöhung um zwei bzw. vier Stunden sei immerhin "ein Schritt in die richtige Richtung". Die beiden Teilzeitstellen kosten die Stadt bislang bereits je 14 500 Euro im Jahr, die Caritas zahlt pro Stelle knapp 4000 Euro, je 8180 kommen vom Landkreis und vom Freistaat.

Die Stundenerhöhung kostet die Stadt 9000 Euro im Jahr. Lippert: "Mehr geht immer, das weiß ich auch." Wahrscheinlich wäre tatsächlich eine Vollzeitstelle notwendig, vielleicht sogar zwei. Ihm stoße aber sauer auf, dass die Stadt einen Großteil der Kosten tragen muss. "Da lässt uns der Staat hängen, der müsste das tun." In Gemünden sei aber nicht alles so schlecht, wie es nach außen dargestellt werde.

Sozialarbeiterin Krüger: "wahnsinnig tolle Kinder mit viel Potenzial"

"Es sind wahnsinnig tolle Kinder mit ganz viel Potenzial, die aber eine höhere Unterstützung nötig haben", warb Sozialpädagogin Krüger. Mit 24:1 Stimmen stimmte der Stadtrat für die geplante Erhöhung. Nur Robert Lampert, der mehr Stunden für nötig erachtet hätte, stimmte dagegen. Mittelschulleiter Joachim Nöth bedankte sich anschließend ebenso wie die stellvertretende Grundschulleiterin Judith Djacic.

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