Lohr

Dank Bernhard Rückert: "Lohrer Stadtwald seiner Zeit voraus"

Bernhard Rückert blickt auf die Entwicklung des Stadtwaldes in den vergangenen Jahrhunderten zurück. Er wurde nachträglich verabschiedet, nachdem er sein Dienstende bereits im Februar hatte.
Foto: Christian Weyer | Bernhard Rückert blickt auf die Entwicklung des Stadtwaldes in den vergangenen Jahrhunderten zurück. Er wurde nachträglich verabschiedet, nachdem er sein Dienstende bereits im Februar hatte.

Der Lohrer Stadtwald ist seiner Zeit voraus, was ein großes Verdienst von Bernhard Rückert ist, der die Geschicke 30 Jahre lang gelenkt hat. Während der Waldfahrt des Stadtrats wurde der ehemalige Betriebsleiter gebührend verabschiedet, was bei seinem Dienstende im Februar der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen war.

Rückert, der aus dem Steigerwald stammt, war seit 1988 im Forstdienst der Stadt und seit 1992 als Nachfolger von Siegfried Hauk Leiter der Forstverwaltung. Er prägte eine "Ära im Lohrer Stadtwald", wie Bürgermeister Mario Paul sagte. "Unter Ihrer Regie entwickelte sich der Stadtwald zu einem bundesweit anerkannten Vorzeigeobjekt für naturnahe Waldwirtschaft, das immer wieder Ziel von Fachexkursionen und Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen ist", führte der Bürgermeister aus.

Schwieriger Start

Der Start sei nicht einfach gewesen, die Personalentscheidung zugunsten Rückerts in einer Kampfabstimmung des Stadtrats mit einer Stimme Mehrheit gefallen. "Und so traten Sie Ihren Dienst an bei der Stadt gegen politische und verwaltungsinterne Widerstände. Nicht wenige haben erwartet, dass Sie in Ihrer neuen Aufgabe scheitern würden", blickte Paul zurück. Hätten die Kritiker den Menschen Bernhard Rückert besser gekannt, wären sie niemals zu einer solchen Fehleinschätzung gekommen, meinte der Bürgermeister.

Von Anfang an habe dieser das Ziel einer naturnahen Forstwirtschaft fest vor Augen gehabt. Der städtische Forstbetrieb sei Ende der 1980er Jahre ein "stark wirtschaftlich orientierter Betrieb mit waldbaulichen Traditionen noch aus den 1960er Jahren", wie systematische, kahlschlagähnliche Eingriffe und große Nadelholz-Aufforstungen, und einem "weit überhöhten Wildbestand" gewesen. "Ökologie war damals in weiten Teilen des Forsts ein Schimpfwort", sagte Paul. Unbeirrt von Widerständen sei Rückert seinen Weg gegangen.

Die Abteilung Hammersbuch stehe exemplarisch für dessen Waldbewirtschaftung. Hier konnten sich die Stadträtinnen und Stadträte davon überzeugen, was naturgemäße Forstwirtschaft bedeutet und dass auch Totholz in den Wald gehört, um vielen Arten Lebensraum zu bieten.

Wechselhafte Geschichte

Rückert blickte auf eine wechselhafte Geschichte des Stadtwaldes in den vergangenen 200 Jahren zurück, der "zur Glashüttenzeit und auch danach nie Ausbeutung erfahren hat". Mitte des 19. Jahrhunderts hätten 300 Jahre alte Buchen und bis zu 400 Jahre alte Eichen den Stadtwald fast in seiner Gänze dominiert. Die Bäume seien also viel dicker und älter als heute gewesen. Der Nadelholzanteil habe vor 180 Jahren bei 3,2 Prozent gelegen, heute um die 30 Prozent.

Ende des 19. Jahrhunderts seien Bäume in die Niederlande verkauft worden, um die Mainbrücke zu finanzieren. In der Forstwirtschaft habe man seinerzeit nur Einzelbäume entnommen, Brenn- und Bauholz bei Bedarf. Schweine-Eintrieb, Streu- und Moosnutzung seien im Stadtwald nichts Besonderes gewesen, was zu armen Böden und Ödflächen führte. Für den Brückenbau habe man sich um 1880 an Eichen bedient, die Flächen seien nicht wieder aufgeforstet worden. So gebe es bei der Eiche eine Lücke in den Jahrgängen von 1870 bis etwa 1950/60.

Kurzzeitig Millionär

Im Jahr 1922 habe der Stadtwald 18 Millionen Mark erlöst, aber das sei lediglich der Inflation geschuldet gewesen, das Geld hatte kaum einen Wert. "Einnahmen von einer Million Mark waren Ihr Traum", sagte Rückert an den Altbürgermeister Siegfried Selinger gewandt, der zu seinem Abschied gekommen war und an der Waldfahrt teilgenommen hat. Tatsächlich habe man zwischen 150 000 und 200 000 Mark jährlich erwirtschaftet.

Zu einer mordernen, naturgemäßen Waldbewirtschaftung gehört auch Totholz, so wie hier in der Waldabteilung Hammersbuch im Lohrer Stadtwald.
Foto: Christian Weyer | Zu einer mordernen, naturgemäßen Waldbewirtschaftung gehört auch Totholz, so wie hier in der Waldabteilung Hammersbuch im Lohrer Stadtwald.

1966 habe der Stadtrat beschlossen, den Nadelholzanteil auf 70 Prozent zu erhöhen, berichtete Rückert. Das sei damals der Zeitgeist gewesen, die Folgen sehe man heute im Taunus, Harz oder Riesengebirge. Der Lohrer Wald sei davon verschont geblieben. "Zum Glück haben es die Nadelhölzer nicht geschafft, sich gegen die Buche zu behaupten. Die Natur war ganz einfach stärker", so Rückert. Aus heutiger Sicht müsse man sagen: "Gott sei Dank".

In den 1990er Jahren habe man dann eine naturnähere Bewirtschaftung umgesetzt, die Ökologie berücksichtigt und Totholz liegen- und stehenlassen. Dies sei nur gegen Widerstände und Beschimpfungen passiert, in Bürgermeister Selinger habe er einen Unterstützer gefunden. Das Ergebnis heute sei "ein stabiler Wald, aber es gibt noch viel zu tun", schloss Rückert seine Rede.

Hirsch und Jagd

Sein Forstkollege Wolfgang Weis sprach im Namen des Stadtrats einige Worte. Einen traditionell geführten Forstbetrieb – "Hirsch und Jagd hatten ein großes Gewicht" – habe Rückert kontinuierlich und mit Beharrlichkeit in Richtung naturgemäße Forstwirtschaft umgestellt. "Wald vor Wild" sei das klare Ziel gewesen.

"Unser Stadtwald ist inzwischen ein bundesweit bekannter, naturgemäß bewirtschafteter Forstbetrieb, der sich neben den großen Beispielen, wie Stadtwald Lübeck und anderen, einreihen darf", sagte Weis. Dass sich aus einem Kontakt unter Förstern auf einer Polenreise schließlich eine Städtepartnerschaft entwickelt habe, sei ein weiteres Verdienst Rückerts und des damaligen Bürgermeisters Selinger, dem die Aussöhnung und Freundschaft mit unseren Nachbarn stets ein Herzensanliegen gewesen sei.

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