RODEN

Die Ein-Mann-Flugzeugwerft

Blick in das Innenleben des Messerschmitt-Rumpfes: Hilmar Lang beim Schrauben und Montieren.
Foto: Günter Reinwarth | Blick in das Innenleben des Messerschmitt-Rumpfes: Hilmar Lang beim Schrauben und Montieren.

Vom Flugbazillus war er bereits infiziert, als er sich noch auf der Schulbank mit dem kleinen Einmaleins herumschlagen musste und sich mit dem Falten von Papierfliegern ablenkte. Und während seine Altersgenossen im Geviert der Bauernhöfe dem Fußball nachrannten, radelte der junge Hilmar Lang immer wieder zu einem nahen Wiesengelände. Zwischen Roden-Ansbach und dem Nachbardorf Waldzell im Landkreis Main-Spessart übte er auf einem kleine Modellflugplatz sein „himmlisches“ Hobby aus.

Mit seiner bodenständigen Lehre im Metallhandwerk wuchs Langs Interesse an der Welt der Flugzeugtechnik. Pilot wollte er nicht werden. Und der Wunsch, seine Heimat auf der Fränkischen Platte mal unter den Flächen eines Segelflugzeuges vorbeiziehen zu sehen, war auch nicht sonderlich groß. Pilot an der Fernsteuerung, damit konnte sich der junge Ansbacher schon eher anfreunden – und mehr und mehr widmete er sich den Geheimnissen der Flugzeugmechanik und Aerodynamik.

Ein-Mann-Flugzeugwerft

Langs Bezug zu Blech und Metall mag wohl auch mit seinen Vorfahren zusammenhängen „Die waren allesamt Schmiede gewesen!“, erinnert sich der Ansbacher Flugzeugbastler. Er selbst, 51 Jahre alt inzwischen, betreibt in seiner Freizeit eine „Ein-Mann-Flugzeugwerft“ und versetzt den legendären Messerschmitt-Jäger „Me Bf 109“ aus dem Zweiten Weltkrieg in einen flugfähigen Zustand. Eine „Me 109“ nachzubauen? Ein Blick in Konstruktionspläne oder technische Zeichnungen genügt da nicht.

Es braucht geballtes Wissen, handwerkliches Können und technisches Verständnis, bis aus Tausenden von Einzelteilen ein Flugzeug entsteht, das der Nachprüfung standhält. Hilmar Lang selbst lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass sein Nachbau einmal das Tauglichkeitssiegel der kritischen Prüfer des Luftfahrtbundesamtes erhalten wird und er sein Flugzeug einem Piloten anvertrauen kann. Das jedenfalls ist das Ziel des Ansbacher Flugzeugbastlers: seine Messerschmitt himmelwärts steigen zu sehen.

Ein Messerschmitt-Jäger im Flug: Luftfahrt-Enthusiasten wie Hilmar Lang sind bei diesem Anblick begeistert. Foto: David Weiss
Foto: David Weiss | Ein Messerschmitt-Jäger im Flug: Luftfahrt-Enthusiasten wie Hilmar Lang sind bei diesem Anblick begeistert. Foto: David Weiss

Originalteile von abgestürzten Flugzeugen

Wie er denn an Ersatz- und Bauteile kommt? Hilmar Lang hat Fahrwerksteile und kleinere Beschläge an Absturzstellen alter Maschinen ausgegraben, aufbereitet und wiederverwendet. Der Mechaniker ist weltweit gut vernetzt, hat etliche Ersatzteile auf Internetplattformen oder Tauschbörsen aufgetrieben. Und er hat Originalteile an der eigenen Werkbank nachgebaut: Wälzlager, Zylinder-Laufboxen, Kolbenringe und Dichtungen sind in Eigenproduktion entstanden. Hilfreich sei gewesen, dass er im Daimler-Benz-Archiv Konstruktionszeichnungen einsehen konnte, erzählt Lang. Das Stuttgarter Unternehmen war einmal der Hauptproduzent des DB 605-Triebwerks.

Von seiner Messerschmitt der Baureihe „Emil“ gebe es weltweit nur drei originale flugfähige Maschinen, sagt Lang. Alle drei Maschinen seien in den vergangenen 25 Jahren als Wrack entdeckt und wieder neu aufgebaut worden. Ein Flugzeug stehe in England, ein weiteres bei Microsoft-Mitbegründer Paul Allen im kanadischen Seattle. Und eine weitere Maschine, die noch auf den Erstflug wartet, befinde sich im oberbayrischen Manching. Weitere flugfähige Messerschmitts sind spanische Lizenzfertigungen, sagt Lang. Die Original-Messerschmitts in verschiedenen Museen der Welt dagegen werden wohl nie mehr Fahrtwind unter die Flügel bekommen.

7000 Einzelteile für die Flugzeugzelle

Das Flugzeug des Meisters der Konstruktionsmechanik hat noch eine Besonderheit: Es ist mit dem „speziellen Höhenmotor DB 605AS“ ausgerüstet, von dem laut Fachleuten weltweit nur zwei von einst mehreren Tausend Exemplaren existieren. Über das Messerschmitt-Innenleben und seine vielen technischen Feinheiten kann der Ansbacher Konstrukteur lange erzählen: Was Lang bei dem Jagdflugzeug der zweiten Generation besonders fasziniert, ist das starke Triebwerk mit 36 Liter Hubraum – im Volumen vergleichbar mit einem Schiffsmotor.

Das Triebwerk habe eine Steigleistung von 24.5 Sekundenmetern, was bei einem Steigwinkel von 60 Grad einen fast senkrechten Flug möglich mache. „Der Flieger besteht aus mehreren Zehntausend Einzelteilen“, sagt Lang. Der Motor werde über 84 Schläuche versorgt, allein für den Bau der Flugzeugzelle seien rund 7000 Einzelteile erforderlich gewesen.

In jeder freien Minute bastelt Hilmar Lang an seinem Flieger.
Foto: Günter Reinwarth | In jeder freien Minute bastelt Hilmar Lang an seinem Flieger.

Fasziniert vom Klang der Messerschmitt-Motoren

Wieso aber verguckt man sich ausgerechnet in ein Jagdflugzeug, in die „Me Bf 109“ (das Bf steht übrigens für bayerische Flugzeugwerke in Regensburg)? Langs Interesse hatte nie den großen Flugzeugen der Marken Boeing, Airbus oder Tupolew gegolten – sondern immer schon der Flugzeugtechnik bis zum Jahr 1945. Hilmar Lang erzählt, wie er 1994 die bekannte Flugschau im nordfranzösischen La Ferté Alais besuchte und dort den englischen Kunstflugpiloten Mark Hanna mit einer Messerschmitt Figuren in den Himmel zeichnen sah. Aerodynamik als Kunstform.

Der damals 30-Jährige war begeistert und konnte sich am Klang des Messerschmitt-Motors kaum satthören. Der Flugzeug-Enthusiast fuhr aus Frankreich zurück ins Fränkische – mit dem festen Plan, eine „Me Bf 109“ zu bauen.

23 Jahre später ist Hilmar Lang nach Abertausenden Arbeitsstunden seinem Ziel ein großes Stück näher gekommen. Der Motor würde sofort auf einem Prüfstand laufen, ist sich der Hobby-Konstrukteur sicher. Dem Stück unter dem Ansbacher Hallendach fehlen nur noch Tragflächen, Fahrwerk und Cockpit-Technik. „Mein Weg ist das Ziel“, sagt Lang zum ehrgeizigen Projekt. Seine Messerschmitt soll mal von einem langen Grasplatz aus in die Luft steigen – so wie früher.

Der Vergleich mit Flugzeugbauern, die sich für 20 000 bis 40 000 Euro einen Bausatz für kleinere Sport- oder Ultraleicht-Flugzeuge zulegen, ergibt wenig Sinn. Mit 51 Prozent Eigenleistung gilt ein Flieger in der Bastlerszene schon als „Selbstbau“. Hilmar Lang bastelt in jeder freien Minute selbst an seinem Flieger. Es ist übrigens noch nicht lange her, da sahen Autofahrer, die von Roden aus Richtung Waldzell fuhren, auf einem Wiesengrundstück am Dorfausgang plötzlich einen Düsenjäger. Das „Vorgarten-Exponat“ war ein sowjetisches Jagdflugzeug vom Typ MIG 21.

Eine MIG 21 im Garten

Wie aber kam der russische Düsenjäger nach Ansbach? Die MIG 21 stammte aus Beständen der ehemaligen Nationalen Volksarmee und gehörte zur „Sammlung“ von Hilmar Lang. Der Meister der Konstruktionstechnik hatte sich das „Schnäppchen“ beim Ausverkauf der früheren DDR-Luftwaffe geleistet. 21 000 Exemplare wurden weltweit gebaut, Höchstgeschwindigkeit 2200 Stundenkilometer in 17 000 Metern Höhe und in den früheren Luftwaffen des Warschauer Pakts und in Ländern der Dritten Welt im Einsatz. Heute ist das östliche Gegenstück des Starfighters noch vereinzelt am Himmel unterwegs, mit einem Tumansky-Triebwerk unter der Haube.

Langs MIG steht heute zwar nicht mehr auf der Wiese neben seinem Elternhaus. Aber sie gehört ihm nach wie vor – und ist Leihgabe beim Traditionsgeschwader der „Starfighter-Staffel“ in Memmingen.

Messerschmitt Me 109

Das Jagdflugzeug gehört mit etwa 35 000 Exemplaren zum meistgebauten Flugzeug der Luftfahrtgeschichte. Die Fertigung erfolgte nicht nur bei Messerschmitt, sondern in mehreren deutschen Werken und an einigen ausländischen Produktionsstandorten. In der Original-version gibt es laut Hilmar Lang derzeit weltweit nur drei flugfähige Exemplare. Weitere Maschinen aus spanischer Produktion sind derzeit in der Wartung, sie waren 1968 in dem Film „Luftschlacht um England“ oder im „Stern von Afrika“ zu sehen. Die Firma Hispano Suiza baute 200 Messerschmitt-Düsenjäger in Lizenz, davon flogen 172 Exemplare bis in die 1960er Jahre bei der spanischen Luftwaffe.

Der legendärste Flugzeugführer im Zweiten Weltkrieg am Steuerknüppel einer Me 109 hieß Erich „Bubi“ Hartmann. Nach zehn Jahren in russischer Gefangenschaft trat er in die Bundesluftwaffe ein und kommandierte als Oberst im friesischen Wittmund das Jagdgeschwader 72. Hilmar Lang besitzt eine Kopie des Soldbuches von Erich Hartmann.

 
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