Marktheidenfeld

Die Kinder der Villa Emma: Ein einmaliger Akt der Zivilcourage

Das Leben der jüdischen Kinder in der Villa Emma hatte auch seine heiteren Seiten.
Foto: Fondazione Villa Emma | Das Leben der jüdischen Kinder in der Villa Emma hatte auch seine heiteren Seiten.

Wenn man so wolle, dann habe es sich, mit einem modernen Begriff umschrieben, um unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge gehandelt, sagte die frühere Direktorin des Marktheidenfelder Gymnasiums, Anne-Marie Greving, über die jüdischen Kinder und Jugendlichen, die in den Jahren 1942 bis 1943 in der Villa Emma nahe Nonantola auf ihrer abenteuerlichen Flucht vor dem Nazi-Terror strandeten. Dass sie größtenteils mit ihren Betreuern vor der Vernichtung bewahrt wurden und überlebten, verdanken sie auch dem Mut und der Zivilcourage der Einwohner des norditalienischen Städtchens.

Anne-Marie Greving berichtete in der Volkshochschule über die Kinder der Villa Emma.
Foto: Martin Harth | Anne-Marie Greving berichtete in der Volkshochschule über die Kinder der Villa Emma.

Auf die Geschichte rund um die Villa Emma ist Greving bei ihren mehrjährigen beruflichen Auslandsaufenthalten in Rom und Bologna aufmerksam geworden, bevor sie im Jahr 2010 die Leitung des Balthasar-Neumann-Gymnasiums übernahm. Vor vier Jahren trat sie in den Ruhestand und befasste sich seitdem intensiver mit den historischen Vorgängen, die 2016 auch für das österreichische Fernsehen verfilmt wurden. Der Vorsitzende der Volkshochschule Leonhard Scherg hieß Greving zu einem gemeinsam mit dem Förderkreis Synagoge Urspringen veranstalteten Vortrag im Alten Rathaus willkommen.

Ambivalente Einstellung gegenüber Juden

Auf abenteuerlichem Weg kamen 41 jüdische Kinder im Juli 1942 in die verfallende Sommerresidenz einer großbürgerlichen, jüdischen Familie. Sie waren von der zionistisch orientierten Recha Freier aus Berlin für eine Auswanderung nach Palästina aus Deutschland und Österreich nach Zagreb gebracht worden. Die jungen Menschen waren von ihren Eltern und Familien getrennt oder hatten sie inzwischen sogar schon ganz verloren. Josef Indig brachte sie nach der Zerschlagung Jugoslawiens wiederum auf abenteuerlichen Wegen in Italien in Sicherheit.

Dort herrschten zwar die Faschisten, aber die Einstellung der Menschen gegenüber den italienischen Juden und im Land zahlreich lebenden jüdischen Flüchtlingen war ambivalent, stellte Greving fest. Man teilte durchaus in breiten Bevölkerungsschichten eine antisemitische Einstellung, verabschiedete einschränkende Rassegesetze und schuf Internierungslager. Nach dem Leben trachtete man den Juden jedoch nicht unmittelbar.

Im September 1943 änderte sich die Situation grundlegend

So konnten die Kinder die Villa Emma für ihre Bedürfnisse in Anspruch nehmen. Nach und nach wurden sie unterrichtet und auf ein spätere landwirtschaftliche Tätigkeit vorbereitet. Die jüdische, italienische Hilfsorganisation Delasem sorgte für die Kinder, zu denen im April 1943 nochmals 33 Waisenkinder aus dem kroatischen Split stießen. Die Kinder lebten in scheinbarer Sicherheit und pflegten Kontakte zu den Menschen im nahen Städtchen Nonantola.

Mit dem Sturz Mussolinis und der bald folgenden deutschen Besatzung änderte sich die Situation im September 1943 grundlegend. Von einem auf den anderen Tag bedrohte die SS das Leben der Juden. Mit Hilfe des Arztes Guiseppe Moreali und des katholischen Priesters Don Arrigo Beccari gelang es praktisch über Nacht, alle 73 Kinder und ihre 13 Betreuer bei Privatleuten, in einem Nonnenkloster und im Seminar der Abtei in Nonantola verborgen zu halten. Als die SS zur Villa Emma kam, fand sie diese leer vor.

Eine landwirtschaftliche Ausbildung war das Ziel der Jugendlichen in der Villa Emma .
Foto: Fondazione Villa Emma | Eine landwirtschaftliche Ausbildung war das Ziel der Jugendlichen in der Villa Emma .

In mehreren Gruppen brachten Josef Indig und seine Helfer trotz größter Gefahr die Kinder über die Schweizer Grenze in Sicherheit. Lediglich der Junge Salomon Pappo und die Brüder Goffredo und Aldo Pacifici sowie ein nach Italien zurückgekehrter Betreuer sollten dennoch in Auschwitz ermordet werden. Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen konnten nach Palästina gebracht werden und bald in den Kibbuzim des jungen Staates Israel eine neue Heimat finden.

Erinnerungskultur noch weniger ausgeprägt als in Deutschland

Die einmalige Rettung der Kinder blieb lang Zeit in Italien vergessen. Dies war wohl der Fall, weil man sich mit der eigenen, faschistischen Vergangenheit hätte auseinandersetzen müssen, stelle Greving fest. In Italien seien die Erinnerungskultur und die Bewältigung der Geschehnisse in dieser Hinsicht noch weit weniger ausgeprägt als in Deutschland. Erst im Jahr 2004 wurde die Stiftung Fondazione Villa Emma gegründet, die in Rom eine Dauerausstellung zu den Geschehnissen zeigt. 1965 wurden Guiseppe Moreali und Don Arrigo Beccari von der israelischen Holocaust- Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt.

Die eigentliche Besonderheit liegt in Grevings Augen aber im Verhalten der Menschen im damaligen Nonantola. In einer zugespitzten Situation hätten sie aus gelebter Humanität ihre eigene Sicherheit zur Rettung der Kinder außer Acht gelassen. Niemand sei gegenüber der Besatzungsmacht denunziert worden. So gelang es, die Kinder aus der Villa Emma in einem einmaligen Akt der Zivilcourage vor dem Zugriff der nationalsozialistischen Häscher zu bewahren. Dass eine solche humanitäre Gesinnung und Zivilcourage auch in unseren heutigen Tagen beispielhaft und erstrebenswert sei, war Grevings Fazit am Ende ihre Vortrags.

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