Lohr

Lohr: Die nächste Kostenexplosion im Fischerviertel

Die Stadt Lohr erlebt bei der Sanierung der Fischergasse die nächste böse Überraschung: Die archäologische Begleitung der Arbeiten kostet statt der veranschlagten knapp 10.000 Euro nun rund 230 000 Euro.
Foto: Johannes Ungemach | Die Stadt Lohr erlebt bei der Sanierung der Fischergasse die nächste böse Überraschung: Die archäologische Begleitung der Arbeiten kostet statt der veranschlagten knapp 10.000 Euro nun rund 230 000 Euro.

Einmal mehr beschert die Generalsanierung von Fischer- und Muschelgasse der Stadt Lohr eine böse Überraschung. Nachdem schon in der Vergangenheit verschiedene Kosten in der Realität deutlich über den veranschlagten Beträgen lagen, wurde jetzt der nächste Ausreißer publik. Es ist ein besonders üppiger.

Die tatsächlichen Kosten für die archäologische Begleitung der Baustelle in einem der ältesten Lohrer Siedlungsbereiche liegen um mehr als das Zwanzigfache über dem Wert, mit dem die Stadtwerke und das Würzburger Planungsbüro Balling kalkuliert hatten. Knapp 10 000 Euro hatte man dafür veranschlagt, dass Fachleute während der Baggerarbeiten im historischen Fischerviertel Ausschau nach zutage tretenden Relikten aus grauer Vorzeit halten. Tatsächlich kosten die Dienste des Schwarzacher Fachbüros nun jedoch rund 230 000 Euro.

Stadtrat verweigert Zustimmung

Allerdings weigerten sich die Mitglieder des Werkausschusses des Lohrer Stadtrates in ihrer Sitzung am Montagabend, diese enorme Kostensteigerung einfach abzunicken. Stattdessen verlangte das Gremium eine Erklärung zu den Hintergründen. Zu dem Thema war es hinter verschlossenen Türen auch lauter geworden. Das konnten diejenigen hören, die vor den Türen auf den Beginn der öffentlichen Sitzung warteten. Sie begann wegen der Debatte im nichtöffentlichen Teil mit deutlicher Verspätung.

Gleich zu Beginn der öffentlichen Sitzung erklärte Bürgermeister Mario Paul die Hintergründe. Es habe wegen der "erheblichen Mehrbeauftragung" eine längere Diskussion gegeben, nichtöffentlich deshalb, weil dies für Vertragsangelegenheiten so vorgeschrieben sei.

Paul: Fehler passiert

Paul sprach angesichts der neuerlichen Kostenexplosion davon, dass zweifellos "im Vorfeld Fehler passiert" seien. Die Verwaltung werde dem Wunsch der Stadträte folgend den "Vorgang intensiv aufarbeiten" und die Räte danach informieren – allerdings wieder hinter verschlossenen Türen, so Paul. Danach werde man öffentlich über die Bewilligung der Mehrkosten entscheiden.

Umfang erst später erkannt

Doch wie kann es überhaupt passieren, dass die tatsächlichen Kosten um mehr als das Zwanzigfache über den geschätzten liegen? Dazu erklärte Stadtwerke-Mitarbeiter Matthias Sattler in der Sitzung, dass die Kosten für die archäologische Begleitung vor Beginn der Arbeiten in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege bestimmt worden seien. Erst nach Beginn der Baumaßnahme sei dann anhand der Beurteilung vor Ort der erforderliche Umfang der archäologischen Begleitung festgelegt worden.

Es habe sich herausgestellt, dass der tatsächliche Aufwand deutlich größer als zunächst angenommen ist, so Sattler. Demnach fielen statt der insgesamt erwarteten knapp 10 000 Euro bislang allein für die bereits fertig sanierte Muschelgasse gut 73 000 Euro und für die Fischergassen weitere gut 118 000 Euro an. Bis zum für Ende November vorgesehenen Abschluss der Baustelle sei mit weiteren rund 35 000 Euro zu rechnen.

Stadtwerkechef Otto Mergler erklärte am Tag nach der Sitzung auf Nachfrage der Redaktion, dass man zusammen mit dem Planungsbüro im Vorfeld versucht habe, die Kosten "so gering wie möglich zu halten". Anhand alter Unterlagen habe man dem Denkmalamt deshalb verdeutlichen wollen, dass in dem betreffenden Bereich schon bei früheren Arbeiten aufgegraben worden sei. Doch die Denkmalschützer hätten sich nicht von ihren Forderungen abbringen lassen.

Steinbeil gefunden

Ihn habe das Ausmaß der Forderungen der Behörde verwundert, so Mergler. Dass eine archäologische Begleitung einer solchen Baustelle in einem alten Stadtviertel nötig ist, sei freilich unstrittig. Das habe sich ja auch dadurch gezeigt, dass während der Arbeiten im Bereich des Fischerbrunnens tatsächlich ein Steinbeil aus der Steinzeit gefunden worden sei.

Wer nun dafür verantwortlich ist, dass die Schätzung derart weit von den tatsächlichen Kosten entfernt ist, das war am Dienstag nicht eindeutig zu klären. Mergler sagte, dass man sich bei einer solchen Schätzung natürlich auf das Planungsbüro verlasse.

Planungsbüro droht Presse

Das Planungsbüro Balling indes beantwortete eine Anfrage der Redaktion mit der Aussage, sich nicht zu dem Vorgang äußern zu dürfen. Dies sei allein Sache des Auftraggebers, also der Stadtwerke. Für den Fall, dass über den Vorgang »Mist in der Zeitung« stehe, drohte eine Mitarbeiterin des Würzburger Büros der Redaktion gar eine Unterlassungsklage an.

Die Genauigkeit von Kostenschätzungen liegt nicht nur im Interesse jedes Bauherrn, der dementsprechende Mittel einplanen muss. Sie hat unter Umständen auch eine rechtliche Relevanz, zumindest dann, wenn es um das zu wählende Vergabeverfahren geht. Denn ob ein Auftrag für Bauarbeiten oder auch Planungsleistungen unter Umständen gar europaweit auszuschreiben ist, hängt vom geschätzten Auftragsvolumen ab, weswegen dabei besondere Sorgfalt gefordert ist.

Grenzwerte überschritten?

Auf die Frage, ob nach den verschiedenen Kostensteigerungen mittlerweile die Grenzwerte überschritten sind, die beispielsweise eine europaweite Ausschreibung der Planerleistung erforderlich gemacht hätten, war am Dienstag von den Stadtwerken bis Redaktionsschluss keine Antwort mehr zu erhalten.

Nicht die erste Steigerung

Kostensteigerungen hatte es zuletzt beispielsweise bei der Kampfmittelerkundung gegeben. Für sie waren statt der veranschlagten 77 000 Euro am Ende rund 140 000 Euro fällig. Auch das Unterfangen der alten Häuser in der Muschelgasse war deutlich teurer als die veranschlagten rund 500000 Euro.

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