MARKTHEIDENFELD

Gonser, Steeäisel und jede Menge Sandhasen

Aus Spott wurde Spaß: Vielerorts haben sich Narren bei den Ortsnecknamen bedient und diesen damit ins Positive umgewertet. So nennen sich die Mitglieder des Homburger Carnevalsvereins Steeäisel.
Foto: Günter Reinwarth | Aus Spott wurde Spaß: Vielerorts haben sich Narren bei den Ortsnecknamen bedient und diesen damit ins Positive umgewertet. So nennen sich die Mitglieder des Homburger Carnevalsvereins Steeäisel.

Nach drei Jahren gab es am Dienstagabend bei der Marktheidenfelder Volkshochschule ein Wiedersehen mit den beiden Würzburger Sprachwissenschaftlern Professor Norbert Richard Wolf und Monika Fritz-Scheuplein vom Unterfränkischen Dialektinstitut.

In der Vortagsreihe des Universitätsbundes Würzburg hatten sie sich die Themen des Weins in der Sprache und der unterfränkischen Ortsnecknamen vorgenommen. Wolf machte den Auftakt und bemühte zunächst den biblischen Schöpfungsbericht vor 20 Zuhörern als Beleg für die Sprache als Charakteristikum des Menschen. Schließlich werde im neutestamentarischen Pfingstwunder die babylonische Sprachenverwirrung des Alten Testaments überwunden. Die Apostel, die in fremder Zunge zu sprechen begannen, lösten bei den Zuhörern Verwunderung aus, die sie entweder für verrückt oder – voll des süßen Weins – für betrunken hielten.

Zu viel Federweißen getrunken?

Luthers sprachgewaltige Bibelübersetzung wurde in jüngerer Zeit feministisch hinterfragt und die moderne Übersetzerin kam geschlechtsneutral zur Formulierung, dass die Apostellinnen und Apostel zu viel des Federweißen getrunken hätten. Für den Sprachwissenschaftler stellte sich die Frage der korrekten Übersetzung der altgriechischen, beziehungsweise lateinischen Vorlage. Da der Weinbau von den Römern kultiviert worden sei, existierten dort viele Begriffe lateinischen Ursprungs.

So auch das Wort Most, das nach dem lateinischen Adjektiv mustus für jung, neu oder frisch stehe. Most habe in Unterfranken durchaus unterschiedliche Bedeutungen. Ziehe man nach dem unterfränkischen Sprachatlas die Grenze der Mundarträume zwischen oberdeutsch (ostfränkisch) und mitteldeutsch (rheinfränkisch) heran, so bedeute im östlichen Unterfranken Most den vergorenen Wein der neuen Ernte. Im westlichen Teil finde man Most eher für unvergorenen Saft und Apfelwein. Rheinfränkisch spreche man vom Federweißen, wo ostfränkisch eher der Begriff Bremser üblich sei.

Im östlichen Unterfranken habe der Weinbau um Würzburg große wirtschaftliche Bedeutung erlangt. Die Rebfläche im 16. Jahrhundert war zehnmal größer als die nach 1945. Wolf gab aus seiner Sicht dem Bibelübersetzer Luther recht, der vom süßen Wein spreche. Der Begriff Federweißer sei irrtümlich in die feministische Übertragung geraten, der an anderer Stelle auch nicht mehr verwendet werde.

Überhaupt weise die Bibel viele Bezugsstellen zum Wein auf. So sei im Markus-Evangelium vom Wein die Rede, der in Schläuche gefüllt werde. Das könne auch als Hinweis auf den Bocksbeutel gedeutet werden, der nicht anderes sei als ein Verweis auf in die Form eines Weinschlauchs oder einer Flasche aus Tierhaut.

Auch Sprichwörter befassten sich in übertragener Bedeutung mit dem Wein. So gehe es um Wahrheit, wenn jemandem reiner Wein eingeschenkt werde oder Wein die Zunge löse. Man sage etwas aus einer Weinlaune heraus und meine die Botschaft aber dabei nicht so ganz ernst.

Ironischer Stabreim

Das stabreimende „Wein, Weib und Gesang“ stehe ironisch für einen nicht wirklich soliden Lebenswandel. Wer dies aber nicht liebe, bleibe gegensprichwörtlich jedoch „ein Narr sein Leben lang“.

Fritz-Scheuplein wandte sich im zweiten Vortrag des Abends den in Unterfranken weit verbreiteten Ortsnecknamen zu. Diese hatte sie im Rahmen der Arbeiten am „Sprachatlas von Unterfranken“ untersucht.

Zu Zweifeln unter den Zuhörern führte allerdings schon ein Fragebogen eines Marktheidenfelder Gewährsmanns aus der zugrunde liegende Umfrage der 90er Jahre. Unbestritten waren die Hädefelder Lorbser und die Hafenlohrer Spitzärsch. Die Linsenspitzer waren freilich Lengfurt und die Kröpf Erlenbach zugeordnet worden – was Widerspruch von den Zuhörern erntete.

Fritz-Scheuplein stellte fest, dass die Umfrage aus 165 Orten etwa 450 Ortsnecknamen in Unterfranken ergab. Etwa die Hälfte hatte keinen eigenen Necknamen angegeben, kannte aber offenbar die oft spöttischen Betitelungen der Nachbarorte nur zu gut. Weitere Namen kamen aus Veröffentlichungen und Meldungen dazu.

Anstößiges

Das daraus entstandene Buch wird durch drei Register erschlossen und zwar alphabetisch, nach Orten und nach Bildbereichen. Oft spielten wirkliche oder erfundene Begebenheiten, geografische Verhältnisse oder Eigentümlichkeiten eine Rolle. Die Sprachwissenschaftlerin stellte viele Beispiele aus fünf von elf untersuchten Bildbereichen vor, die bisweilen auch Nachfragen und Diskussionen verursachten.

Etwa 25 Prozent der Ortsbenennungen gehen auf Handlungen zurück. Nicht wenige sind dabei durchaus anstößig auf die Verrichtung der Notdurft gerichtet wie die Thüngersheimer Hochseicher. Es gibt die Billingshäuser Brockenfresser, die Faulbacher Geishöckler oder die Holzkirchhausener Glotzer.

Tiere sind in 17 Prozent der Namen der Ausgangspunkt wie bei den Ansbacher Gonsern oder dem Homburger Steeäiseln.

Produkte bilden bei dreizehn Prozent die Grundlage. Möglicherweise war es das Rad, das als Spitzname für die Ratteln in Bischbrunn/Oberndorf herhalten musste. In Rettersheim waren es die Teigschüsseln. Blieben noch die Körperteile (sieben Prozent) wie Rodener Dick- oder Mostköpfe oder die Pflanzen (fünf Prozent) wie die Zwetschgen oder Quätschich aus Kreuzwertheim.

Die unterfränkische Ortsnecknamen-Hitparade führen die Sandhasen mit 20 unterschiedlichen Orten an, gefolgt von den Kracken/Krähen (14), den Kröpf (12), den Linsenspitzern (9) und den Gökern (7).

Am Ende hatten einige Zuhörer weitere Ortsnecknamen parat und genügend Gesprächsstoff für eine Unterhaltung mit den beiden Forschern bei einem Glas Wein. Die Veranstaltung war auch Bestandteil des Marktheidenfelder Beitrags zum bayerweiten Festival „Lokalklang“.

Unterfränkisches Dialektinstitut

Norbert Richard Wolf, emeritierter Professor für Sprachwissenschaft, und Monika Fritz-Scheuplein sind wissenschaftliche Mitarbeiter des Unterfränkischen Dialektinstituts (UDI). Dieses steht unter Leitung von Professor Wolf Peter Klein am Institut für Deutsche Philologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Das Institut führt den sechsbändigen Sprachatlas von Unterfranken (SUF) fort, der im Jahr 2009 publiziert wurde. Dazu waren von 1991 bis 1996 umfangreiche Befragungen in 182 unterfränkischen Orten durchgeführt worden.

Das linguistisch-dialektologische Projekt wendet sich an ein breit gefächertes Publikum und hat neben der sprachwissenschaftlichen Forschung einen bewahrenden Charakter für das kulturelle Erbe Unterfrankens (Info unter www.udi.germanistik.uni-wuerzburg.de)

Buchtipp: „Dreidörfer Narrn stehn auf drei Sparrn: Ortsnecknamen in Unterfranken“; gemeinsame Herausgeber: Monika Fritz-Scheuplein, Almut König, Sabine Krämer-Neubert und Norbert Richard Wolf, 80 Seiten, Verlag Könighaus & Neumann in Würzburg, ISBN: 978-3826050480

Unterhaltsame Erzähler: Die Sprachwissenschaftler Professor Norbert Richard Wolf und Monika Fritz-Scheuplein.
Foto: Martin Harth | Unterhaltsame Erzähler: Die Sprachwissenschaftler Professor Norbert Richard Wolf und Monika Fritz-Scheuplein.
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