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Okalux-Gründer Sebastian Otto: ein Unternehmer mit Mut und Weitblick

In Blau und in Zwirn: Die Okaluxer in blauen T-Shirts und Gäste.
Foto: Roland Pleier | In Blau und in Zwirn: Die Okaluxer in blauen T-Shirts und Gäste.

Sebastian Otto war 31 Jahre alt, als sein Vater von einer fünftägigen Geschäftsreise zurückkam. Damals arbeiteten in den zwei Spinnereien und der Weberei von Heinrich Otto im schwäbischen Filstal, 35 Kilometer von Stuttgart entfernt, noch 712 Menschen. Heinrich Otto bat seinen Sohn zum Gespräch. Nach seiner Auslandsreise sah er keine Zukunft mehr für das Familienunternehmen. „Du hast sechs Monate Zeit“, eröffnete er seinem Sohn, „Wir brauchen ein zweites Standbein.“ In 30 Jahren werde es keine Textilindustrie mehr in Deutschland geben, prophezeite er.

Sebastian Otto machte sich auf den Weg, besuchte Forschungsmessen und traf 74 Erfinder. Einer von ihnen war Hans-Joachim Dietzsch, der in einer Garage in Kreuzwertheim Hohlfasern aus Polyestergranulat herstellte.

„Die Kapillare kamen aus einem Spinnkopf heraus, das hat mich fasziniert. Das hat auch einen ganz kleinen textilen Touch“, erzählte er am Freitag vor rund 100 Okaluxern in blauen T-Shirts und ebensovielen Gästen in zum Teil feinen Zwirn. Die Ottos kauften die Patente. Das war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, an die der rüstige Senior bei der 50-Jahr-Feier der Firma erinnerte.

In der 31 Meter langen und 17 Meter breiten Garage wurde erst experimentiert – „aber wir hatten nichts zu verkaufen“, plauderte der 85-Jährige aus dem Nähkästchen. Der Durchbruch kam 1965 bei einer kleinen Messe zur „Reinhaltung der Luft“ in Düsseldorf. An einem kleinen Stand demonstrierten die Erfinder, wie man mit Kapillaren, die mit Wasser benetzt sind, Luft reinigen kann. „Wir wurden überfallen von Zementherstellern“, schilderte Otto. Flughäfen kamen hinzu, Architekten wurden aufmerksam. 1983, zwölf Jahre nach dem Umzug ins Bauerndorf Altfeld, gelang der internationale Durchbruch.

Heute, da die Firma auf 120 Mitarbeiter angewachsen ist, heißt es „aus Marktheidenfeld in die ganze Welt“ – was Helga Schmidt-Neder ausgesprochen gut gefiel, wie die Marktheidenfelder Bürgermeisterin in ihrem Grußwort betonte.

Sebastian Otto, dessen Familie nach wie vor alleiniger Gesellschafter der Firma ist, habe sein Unternehmen mit „viel Mut, Leidenschaft und Beharrlichkeit begleitet“, würdigte Geschäftsführer Oliver Hübler den Firmengründer.

Inzwischen haben die Okaluxer eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten entwickelt, sind sie einer der „weltweit bekanntesten Isolierglashersteller“, so Hübler. Die Kapillarplatten von damals aber machen immer noch rund 30 Prozent des Umsatzes aus, betonte Otto. „Das erinnert an Nivea und Persil.“

Experimentierfreudigkeit und Weitblick kennzeichnen die Unternehmerfamilie. Mit dem Weben und Spinnen im Schwäbischen war in der Tat Schluss in den 1990ern. Wie es Heinrich Otto vorhergesehen hatte. Doch lässt sich auch gut von Produkten leben, die Tageslicht nutzen, energieeffizient und für den Nutzer komfortabel sind.

50 Jahre Okalux GmbH

Der Isolierglashersteller aus Altfeld gehört zu den international führenden Unternehmen auf dem Gebiet der Tageslichtnutzung.

Den Impuls für die Geschäftsidee erhält Firmengründer Sebastian Otto Anfang der 1960er Jahre von dem Erfinder Hans-Joachim Dietzsch, der in einer Garage in Kreuzwertheim Hohlfasern aus Polyestergranulat herstellt.

1965 gründet Otto die Firma als Abteilung des väterlichen Unternehmens Heinrich Otto KG im schwäbischen Esslingen. Ruppert Kümpers, bis 2000 Geschäftsführer, beginnt mit vier Mitarbeitern, die Platten in den Scheibenzwischenraum der gerade aufkommenden Zweifach-Isolierverglasungen einzulegen.

1971 siedelt die Firma mit 30 Mitarbeitern aus der Kreuzwertheimer Garage nach Altfeld um – als erster Betrieb im neuen Gewerbegebiet der noch eigenständigen Gemeinde. Jetzt wird unter dem Namen Okalux produziert. O steht für Otto, K für Kapilar und Lux, lateinisch das Licht. Die Entwickler legen immer neue Materialien in den Scheibenzwischenraum ein, etwa Kieselsteine, Kaffeebohnen oder Holzraster und Streckmetalle.

1983 kommen die ersten internationalen Aufträge. 1994 wird ein neues Bürogebäudes in Altfeld gebaut.

Oliver M. Hübler, der 2005 die Geschäftsführung von Ruppert Kümpers Sohn Carl-Robert Kümpers übernahm, baut heute auf ein Netzwerk von 16 Auslandsvertretungen und eine Tochtergesellschaft im Bundesstaat New York/USA mit insgesamt 120 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 15 bis 20 Millionen Euro. rp

Wagte den Schritt vom Garn zum Glas: Firmengründer Sebastian Otto.
Foto: Andy Ryan (1), Roland Pleier | Wagte den Schritt vom Garn zum Glas: Firmengründer Sebastian Otto.
Okalux-Projekt in den USA: das Nelson Atkins Museum in Kansas.
| Okalux-Projekt in den USA: das Nelson Atkins Museum in Kansas.
Geschäftsführer seit 2005: Oliver Hübler.
Foto: Roland Pleier | Geschäftsführer seit 2005: Oliver Hübler.
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