Schollbrunn

Pflanzaktion im Spessart für die Eichenwälder der Zukunft

Hohe Auszeichnung für eine über 200 Jahre alte Tradition: Das Sammeln und Säen von Eicheln, die dann zu mächtigen Eichen heranwachsen, ist auf dem Weg zum Unesco-Weltkulturerbe.
Spessart-Förster Gert Günzelmann katalogisiert für die Wertholz-Versteigerung im Bischbrunner Forst Furnier-Eichen, die einmal gutes Geld bringen sollen.
Foto: Günter Reinwarth | Spessart-Förster Gert Günzelmann katalogisiert für die Wertholz-Versteigerung im Bischbrunner Forst Furnier-Eichen, die einmal gutes Geld bringen sollen.

Bei der Fahrt ins Haslochtal zur Waldabteilung "Grenzrain" mit Förster Andreas Holzheimer ist, wie immer, wenn Holzheimer im Forst unterwegs ist, Catahoula-Hündin "Abita" dabei.  "Abita" gibt Laut und will mit, als Förster und Reporter in einem Kahlhieb hangaufwärts gehen. Auf dem leicht ansteigenden Waldstück hat sich vor nicht allzu langer Zeit noch ein Fichtenwald befunden. Hier sollen dereinst mal Eichen empor ragen.

Etliche Stümpfe liegen als stumme Erinnerungen an die Fichten auf dem feuchten Waldboden.  Fünf Männer in orange-farbener Schutzkleidung sind in diesem Waldstück im Einsatz. Sie arbeiten im Auftrag des Forstbetriebs Rothenbuch, zu dem Holzheimers 1800-Hektar-Revier gehört. Die Arbeiter sprechen kaum ein Wort, während sie mit dem Hohlspaten ein Pflanzloch ausheben und fast schon im Akkord junge Pflanzen in die Erde setzen.

Diese Eichen-Setzlinge waren ein Jahr lang in einem Pflanzgarten der Staatlichen Forstverwaltung in Bindlach bei Bayreuth bis auf eine 30 Zentimeter lange "Pflanzreife" angewachsen.  Das "Saatgut" war zuvor von kleinen "Trauben-Eicheln" in Holzheimers Revier im Forstbetrieb Rothenbuch gesammelt worden. Aus ihnen sollen einmal stattliche Spessart-Eichen werden und  eine neue Waldgeneration begründen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die jungen Setzlinge mit einem zwei Meter hohen  Maschendraht-Zaun vor Reh- und Rotwild geschützt werden.

Mit dem Hohlspaten heben die Arbeiter Pflanzlöcher für die kleinen Eichen-Setzlinge aus.
Foto: Günter Reinwarth | Mit dem Hohlspaten heben die Arbeiter Pflanzlöcher für die kleinen Eichen-Setzlinge aus.

Wenn auch das "Handwerk" der Forstarbeiter im ersten Moment etwas stupide aussieht – seine  forstwirtschaftliche Bedeutung schmälert das nicht. Hier vollzieht sich der erste Akt des Naturschauspiels "vom Werden und Vergehen". Es findet seinen Abschluss an dieser Stelle vermutlich erst nach einigen hundert Jahren, wenn  die hoffentlich kerzengerade und möglichst astfrei gewachsenen Traubeneichen gefällt und als "Gold des Spessarts" ihrem Verwendungszweck zugeführt werden – und in Sägewerken zum Beispiel als hochwertige Furnierhölzer in den Handel kommen.

Ganz aktuell wurden Eichensaat und Eichenwirtschaft im Spessart nach Angaben der Bayerischen Staatsforsten mit Sitz in Regensburg in das Landesverzeichnis für das Immaterielle Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Nun wird die Eintragung in die Bundesliste und die weltweite Liste angestrebt. Schon vor der Aufnahme in das Verzeichnis hatte auch schon die Bundesrepublik Deutschland die Kulturarbeit der Eichenwirtschaft gewürdigt: Die Rückseite der früheren silbernen 50-Pfennig-Münze zeigt eine Kulturfrau beim Pflanzen einer kleinen Eiche. 

Bestens an den Standort angepasst

Die Besonderheit der Pflanzaktion im "Grenzrain", so erklärt es Andreas Holzheimer, liegt in der Nachzucht aus dem eigenen qualitativ hochwertigen Baumbestand – einem Baumbestand, der nach seinen Worten "bestens auf das Klima und den Standort im Spessart angepasst ist". Die Forstleute wissen, dass Eichen in einen "trocken-warmen Weinbauklima mit nährstoffarmen Böden gut zurecht kommen und deshalb im Spessart ideale Wachstumsvoraussetzungen vorfinden".  Alle sechs bis acht Jahre kehrt eine Vollmast wieder, die reichen Segen für die "waldpflegliche Eichennachzucht" bringt.

Revierförster Andreas Holzheimer hält zwei Setzlinge in der Hand, die später mal stattliche Trauben-Eichen werden sollen.
Foto: Günter Reinwarth | Revierförster Andreas Holzheimer hält zwei Setzlinge in der Hand, die später mal stattliche Trauben-Eichen werden sollen.

Vor zwei Jahren durften sich die Förster also über eine Vollmast freuen, als der Waldboden mit kleinen Trauben-Eicheln übersät war. Für die Spessart-Bevölkerung war das Sammeln eine willkommene Nebeneinnahme. Für den Zentner Eicheln bezahlte ihnen der Staatsforst immerhin 100 Euro – was mehr als ein willkommenes Taschengeld war.

Im Revier Zwieselmühle 2,5 Hektar aufgeforstet

Im Revier Zwieselmühle wurden in diesem Jahr zwei Flächen mit insgesamt 2,5 Hektar aufgeforstet. Diese Neuanlagen mit rund 20 000 Pflanzen entstanden auf einem ehemaligen Fichten-Altbestand. Eine Eichelsaat, so Andreas Holzheimer, wäre auf diesen steinigen und felsigen Flächen ebenso wie eine Bodenbearbeitung so gut wie nicht möglich gewesen. Stattdessen haben seine Arbeiter stündlich 80 Setzlinge in die Erde gesteckt.

Auch die forstwirtschaftliche Zukunft im Wald ist mit einer möglichst genauen und zuverlässigen Planung verbunden. So zeichnen sich für das nächste Jahr bereits neue Pflanzflächen ab, da der Sturm Sabine und der Käferbefall ihre Spuren und Flächen für die Begründung neuer "Eichenfelder" hinterlassen haben. Dafür werden in Bindlach bereits Pflanzen aus der Eichelmast im Jahr 2018 bestellt, sagt der Forstmann aus dem Revier Zwieselmühle, der seit 1992 in dem Weiler zu Hause ist und aus einer Förster-Familie aus Schmalwasser in der Rhön stammt.

Vom Wert und der Verwendung der Spessarteichen
Winzer, Küfer und Weinfreunde schätzen einen guten Tropfen  aus dem Eichenholzfass. Manch edler Rotwein hat im 225-Liter-Barriquefass aus der Spessart-Eiche seine Vollendung gefunden. Auch die Naturmedizin schätzt die "Königin der Bäume". Der hohe Gerbstoffgehalt in der Rinde soll in einem "Eichen-Tee" Bakterien und Viren vertreiben, bei Durchfall sowie Haut- und Magenkrankheiten helfen.
Mit Eichen bester Qualität lässt sich gut Geld verdienen. Eine so genannte "Braut",  wie der beste Stamm in der Fachsprache bei der Wertholz-Versteigerung genannt wird, erzielt Festmeterpreise von mehr als 1200 Euro.
Auch der Lengfurter Küfer Frank stellte Weinfässer aus der Spessart-Eiche her.
Foto: Günter Reinwarth | Auch der Lengfurter Küfer Frank stellte Weinfässer aus der Spessart-Eiche her.
Historisch belegt ist der Transport von Spessart-Eichen bis nach Holland. Als der Haselbach noch weit mehr Wasser als heute führte, wurden Eichen zunächst in den Main und weiter bis in die Niederlande für eine Verwendung im Schiffsbau geflößt. Die "Holländer-Brücke" in der Nähe der Nickelsmühle erinnert noch heute an diesen Transportweg.
Die Eiche wird auch als "Baum der Deutschen" bezeichnet. Glücklich der Mann, der sich "stark wie eine Eiche" fühlt. Und bei den Kelten spielte die Eiche ebenfalls eine wichtige Rolle. Viele Kulthandlungen wurden in Eichenhainen vollzogen.
Viele Schulkinder – auch einst der Autor in seiner Altfelder Zeit mit Lehrer Karl Hofmann  – wanderten zur Rohrbrunner Waldabteilung "Dreibuch", wo ganz in der Nähe des ehemaligen "Wirtshauses im Spessart" die 1000-jährige Eiche stand. Ob der Baumriese tatsächlich so alt war, wurde von Forstleuten später bezweifelt. Das Alter des Baumes wurde auf "achthundert Jahre"  geschätzt. Wir Kinder hatten damals viel Spass, als wir uns "zu fünft" die Hände reichten, um den Baumriesen zu umfangen. Eine Försterfamilie bewirtete uns mit Kaffee und Kuchen.
Die Spessart-Eiche wird auch Spessart-Gold genannt. Weltweit finden sich Produkte daraus wie Möbel, Furniere und Parkett-Böden. Die Eiche ist immer noch gefragt. Selbst der Apple-Konzern soll Mobiliar aus dem Holz der Spessart-Eiche besitzen.
Der Spessart-Kenner Norbert Köhler aus Bischbrunn erinnert sich noch gut an die Zeit, als Schweine in den "Hütwald" auf die Weide getrieben wurden. Bucheckern und Eicheln waren bei den Tieren begehrt. Als der Schweinehirte mit seiner Herde gegen Abend wieder ins Dorf zog, so weiß Köhler, sollen die grunzenden Tiere "von alleine" ihren Stall gefunden haben.
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