Karlstadt

Schwanger in Corona-Zeiten: eine besondere Herausforderung

Online-Betreuung: Der Bedarf sei gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, da. "Für Schwangere ist die aktuelle Situation emotional extrem belastend", sagt Annina Ritter.
Annina Ritter ist seit Oktober 2020 FlowBirthing Coach und betreut Schwangere unter anderem online. 
Foto: Jennifer Weidle | Annina Ritter ist seit Oktober 2020 FlowBirthing Coach und betreut Schwangere unter anderem online. 

Annina Ritter ist seit einem Vierteljahr Flow-Birthing-Coach. Sie setzt sich für eine natürlichere Geburtsvorbereitung und selbstbestimmte Geburt ein. Ihre Kurse gibt und begleitet die Obersfelderin derzeit online, wie auch ihren im November gegründeten kostenlosen und regionalen Schwangerenkreis für Main-Spessart und Würzburg. Wie zeitgemäß ist die Schwangerenvorsorge heute? Auch Hebamme Heike Kralik aus Karlstadt wünscht sich ein grundsätzliches Überdenken der Angebote.

Für die in Fürth geborene und als Pfarrerstochter im Allgäu aufgewachsene Annina Ritter wurde eine Indienreise im Jahr 2012 zum Schlüsselerlebnis. Es weckte ihr Interesse für Yoga, Meditation und eine bewusste Lebensweise. 2015 schloss Ritter ihr Studium in Würzburg ab: Spanisch, Politik, Soziologie. „Mich hat schon immer interessiert, warum der Mensch ist, wie er ist.“

Die 32-Jährige beschäftigt sich mit ganzheitlichen Heiltechniken, macht mehrere Ausbildungen wie den zur Kinesiologin, einem alternativmedizinischen Behandlungskonzept aus dem Bereich der Körpertherapie. „Ich verstand nach und nach, dass alles – Ernährung, Körper und Geist – miteinander in einer Einheit verbunden sind.“

Die eigene Schwangerschaft: geprägt von Stress

Im Jahr 2018 wurde sie schwanger, zog aufs Dorf in der Nähe von Arnstein. Ihre Schwangerschaft empfand sie als sehr anstrengend, fühlte sich alleingelassen, stand unter Stress. Ritter: „Ich habe mir überhaupt keine Zeit für mich und mein ungeborenes Kind genommen. Und ich hatte niemanden, der mir gesagt hat, dass ich das tun soll und wie wichtig das ist.“

„Die klassischen Geburtsvorbereitungskurse gingen mir nicht tief genug“, so Annina Ritter. Sie bereitete sich daher alleine auf die Schwangerschaft vor, las viel über natürliche Geburten, wurde aber von Medizinerinnen und Medizinern immer wieder mit Kontrolle und Angst konfrontiert. „Meine Gynäkologin hat mich behandelt, als sei ich krank und nicht schwanger.“ Die ärztlichen Geburtsvorbereitungen erlebte sie als durch und durch technisiert und fernab von dem, was sie sich unter einer natürlichen Geburt vorstellt.

Annina Ritter bei einem Coaching-Gespräch.
Foto: Jennifer Weidle | Annina Ritter bei einem Coaching-Gespräch.

Sie ging ihren eigenen Weg, brachte ihren Sohn im „mainGeburtshaus“ Würzburg, begleitet von Hebammen, zur Welt. Ihre Geburt beschreibt sie als kraftvoll und schmerzarm. „In mir regte sich da schon der Wunsch, andere Schwangere zu begleiten und ihnen Mut zur natürlichen Geburt zu machen.“ Sie stieß auf das Konzept von Flow-Birthing der Würzburgerin Kristina Marita Rumpel. Eine Methode, die Schwangere auf eine natürliche und kraftvolle Geburt vorbereitet und wieder Vertrauen in die eigene Gebärfähigkeit aufbaut.

„Die Frau wird ermutigt, die weibliche Kraft unter der Geburt für sich zu nutzen.“ Intuition statt Technik. „Wir Frauen tragen das alles in uns,“ erläutert Ritter. Doch nur noch acht Prozent der Klinikgeburten seien interventionsfrei, die Kaiserschnittrate weiterhin steigend.

Ausbildung als Flow-Birthing-Mentorin

2020 begann die 32-Jährige ihre Ausbildung als Flow-Birthing-Mentorin – „das ging nur mit Unterstützung von meinem Partner und den Großeltern“ – schloss diese Oktober 2020 ab und machte sich selbstständig – kurz vor dem zweiten Lockdown. Ihre Kurse will sie „irgendwann nach Corona“ in der Hebammenpraxis am Steinlein in Karlstadt und in Würzburg anbieten.

Für Heike Kralik, seit fast 30 Jahren selbstständige Hebamme in Karlstadt und im „mainGeburtshaus“ in Würzburg stellt Flow-Birthing eine gute Selbstzahler-Ergänzung zu Geburtsvorbereitungskursen und Schwangeren-Yoga dar. „In der Schwangerenvorsorge in Deutschland hat man einen total technisch-medizinischen Blick auf die Schwangerschaft“, sagt sie. In Schweden zum Beispiel sei das anders. Da laufe die Vorsorge über die Hebammen, mit nur zwei einfachen Ultraschall-Untersuchungen.

„Ich würde mir wünschen, dass die Schwangerenvorsorge komplett überdacht wird.“ Sie beobachte, dass Frauen durch die vielen Arzttermine und Untersuchungsmöglichkeiten immer mehr verunsichert würden. Grundsätzlich findet sie Mentoring-Programme wie Flow-Birthing unterstützenswert, sieht aber eine kleine Falle in dem System: „Den Frauen wird vermittelt, dass die Geburt nicht wehtut. Der Begriff Schmerz wird ausgeklammert.“

Den Frauen Wege zeigen, mit Schmerz umzugehen

Sie habe die Situation im Geburtshaus schon erlebt. „Wir hatten schon Frauen, die sich mit Hypnobirthing, einem ähnlichem Konzept, vorbereitet hatten. Die Frauen waren dann plötzlich überfordert, als es doch wehtat.“ Laut Kralik sei es wichtig zu vermitteln, dass Schmerz nicht negativ besetzt sein muss. Man könne auch ein positives Bild von Schmerz aufbauen und den Frauen Wege zeigen damit umzugehen.

„Im Flow-Birthing sprechen wir daher nicht von Wehe, sondern von Welle“, so Annina Ritter. „Eine Welle trägt dich weiter, wenn du gelernt hast sie zu surfen.“

Wie ist das für sie jetzt, mitten im Lock-Down ein Business zu starten? „Es läuft super“, sagt Ritter. Der Bedarf sei gerade jetzt in Zeiten der Unsicherheit da. „Für Schwangere ist die aktuelle Situation emotional extrem belastend.“ Bei vielen sei die größte Angst alleine gebären zu müssen – ohne Unterstützung von Partnerin oder Partner.

Diese ist in den Würzburger Kliniken und dem Schweinfurter Leopoldina Krankenhaus derzeit unbegründet. Alle Kliniken erlauben einer festen Person ohne Krankheitssymptome die Begleitung. Und wie ist das mit der Maskenpflicht für Gebärende? Die besteht in allen Räumlichkeiten der Kliniken. Im Kreißsaal selbst muss die werdende Mutter keine Maske tragen. Lediglich die Uniklinik in Würzburg behält sich vor: „Für die Zeit während der Geburt werden wir mögliche Ausnahmen von der Maskenpflicht mit Ihnen besprechen.“

Größere Reichweite durch Online-Kursangebot

Bei Annina Ritter findet derzeit, bedingt durch Corona, alles online statt. „Vor einem halben Jahr noch wollte ich auf keinen Fall Online-Kurse anbieten“, sagt Ritter, doch dies habe auch Vorteile: „Ich habe eine größere Reichweite.“ Ihren kostenlosen und regionalen Schwangerenkreis bietet sie als Facebookgruppe „Schwangerenkreis Würzburg/Main-Spessart“ an. Alle zwei Wochen sonntags um 18 Uhr treffen sich die Frauen via Zoom-Konferenz, um sich auszutauschen und gegenseitig zu bestärken.

„Ich möchte Schwangeren eine Plattform bieten sich zu vernetzen, trotz Lockdown“, sagt die Flow-Birthing-Mentorin, die den Kreis mit Atemübungen und geführten Meditationen begleitet. Derzeit coacht Annina Ritter fünf Schwangere, die eine selbstbestimmte und positive Geburt erleben möchten. „Ich überprüfe mit den Frauen zum Beispiel: Was glaubt der Kopf über Geburt zu wissen? Dient mir das?“ Mehr Körperwahrnehmung und Intuition statt Technik und Medikamente. „Ich glaube daran, dass leichte, schmerzarme und sanfte Geburten möglich sind.“

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