Gemünden

So war die „Kristallnacht“ in Gemünden

44 Jahre nach der „Nacht des zersplitterten Glases“ sind die Augenzeugen selten geworden. Nur wenige Zeitgenossen können sich noch an die damaligen Vorgänge genau erinnern und in die Verhältnisse zur Zeit der Nazi-Herrschaft einfühlen. Franz Holzemer gehört zu den Wenigen. Er schildert seine Erlebnisse in der „Kristallnacht“ und die Folgen für ihn.

„In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 befand ich mich zu Hause in meiner Wohnung (Fischmarkt 95). Als ich die ,Bescherung‘ sah, die die SA bei meinem Nachbarn, dem Schuhhändler Nathan Sichel, angerichtet hatte, ging ich hinüber zur Familie Sichel und tröstete die beiden. Ich sagte zu Nathan und Laura, daß wir wieder Krieg bekommen werden, und da gebe es tausendmal mehr Scherben, als ich heute bei euch hier sehe.

Weiter sagte ich ihnen, sei sollten fortgehen, sonst würden sie totgeschlagen. So weit sei bereits gekommen. Darauf antworteten sie mir: ,Wir können nicht fort, wir haben kein Geld mehr, nachdem wir unsere beiden Töchter nach Amerika geschickt haben. Es mag kommen, wie es wolle – wir müssen alles ertragen.‘

Zwei Tage später nach dieser Aussprache kamen ein Gendarm, ein städtischer Angestellter und der NSDAP-Vorsitzende von Gemünden zu mir. Als meine Frau sie sah, sagte sie zu mir: , Da kommen die Gendarmen – die gefürchtetsten von Gemünden.‘ Daraufhin stieg ich hoch aufs Dach und versteckte mich hinter dem Schlot. Die Drei durchsuchten die Wohnung, fanden mich jedoch nicht. Doch sie ließen das Haus von SA umstellen, so daß ich gegenüber meiner Frau äußerte: ,Ich muß jetzt hinunter und mich melden.‘

Am nächsten Morgen ging ich hinunter zu den Gemündener SA-Leuten, die mich im ehemaligen Rathaus einsperrten. Um 10 Uhr kamen der Ortsgruppenleiter, der Gendarm und der städtische Angestellte. Als mich der Genadarm und der städtische Angestellte schlagen wollten, hielt sie der NSDAP–Ortsgruppenleiter zurück: ,Das gibt es nicht‘, meinte er. Dann saß ich nach dem Verhör eine Woche lang im Rathaus ein, wobei mir meine Frau immer das Essen brachte.

Am Montag holte mich der Gendarm aus der Zelle ab und brachte mich zum Bahnhof. Von da fuhren wir mit dem Zug nach Würzburg, wo er mich bei der Gestapo ablieferte. Dort wurde ich heftig beschimpft und verhört. Anschließend lieferte man mich ins Würzburger Gefängnis ein.

Im Gefängnis wurde ich nicht geschlagen. Insgesamt war ich mehr als drei Monate dort. Ende Februar wurde ich wieder entlassen. Bei meiner Entlassung sagte mir der Wärter, den ich bereits kannte, ich solle nichts erzählen von dem, was ich gesehen habe. Sonst käme ich gleich wieder ins Gefängnis. Im Gefängnis sah ich zahlreiche Juden, die in der Reichskristallnacht verhaftet worden waren. Ich hatte jedoch keinen Kontakt zu ihnen.“

In der Meldung vom 12. November 1938 der Gendarmerie-Station Gemünden an die Gestapo Würzburg hieß es: „Der Verkehr des Holzemer mit den Juden löst allgemeine Empörung aus, und es ist unbedingt nötig, daß Holzemer in Polizeihaft genommen wird.“

Eine Rente oder sonstige Unterstützung für das erlittene Unrecht hat der Gemündener bis zu seinem Tod 1989 nie erhalten.

An Laura und Nathan Sichel, die noch 1938 nach Würzburg gezogen waren und 1942 von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurden und dort umkamen, erinnern heute zwei Stolpersteine, die 2009 nicht am Fischmarkt, sondern am Marktplatz verlegt wurden.

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