Karbach

Warum vor 50 Jahren in Karbach die Glocken lange schwiegen

Breite Risse gefährdeten die Standfestigkeit des Kirchturms und erforderten eine Sanierung. Bei den Arbeiten stieß man am Fundament auch auf Skelette.
Eine der seltenen Luftaufnahmen der Karbacher St.-Vitus-Pfarrkirche aus den 1930er Jahren. Auf der südlichen Kirchenmauer stand damals in großen, weißen Lettern der NS-Appell: 'Wer nicht wählt , ist ein Volksverräter'.
Foto: Josef Laudenbacher | Eine der seltenen Luftaufnahmen der Karbacher St.-Vitus-Pfarrkirche aus den 1930er Jahren. Auf der südlichen Kirchenmauer stand damals in großen, weißen Lettern der NS-Appell: "Wer nicht wählt , ist ein Volksverräter".

Im Kirchenschiff von St. Vitus in Karbach, wo sonst Gläubige beten, singen oder den Worten ihres Seelsorgers lauschen, lag vor 50 Jahren eine dicke Staubschicht. Arbeiter hatten begonnen, dem 1614 errichteten Turm der Pfarrkirche, der in der Baulast der Marktgemeinde steht, neue Standfestigkeit zu verleihen. Die breiten Risse im Mauerwerk hatten den Experten Sorge bereitet. Nun wurden sie in einem ersten Schritt mit einer rasch bindenden Mischung aus Kies und Zement gefüllt. Das gab den nötigen Halt für die nachfolgenden, umfangreichen und schwierigen Arbeiten.

Die im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Risse und Löcher wurden unter drei Atmosphären Druck im Spritzverfahren verschlossen und abgedichtet. Da der gesamte Turm unterfangen werden musste, wurden im Sakristei-Innern die Fundamente freigelegt. Die Fachleute  wunderten sich bei deren Anblick, wie der Turm fünf Jahrhunderte überdauern konnte, denn die Fundamente bestanden nur aus lose übereinander gesetzten Steinen, manchmal mit etwas Mörtel dazwischen.

Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich im Mauerwerk des Kirchturms große Risse gebildet, die von Arbeitern einer Spezialfirma beseitigt wurden.
Foto: Josef Laudenbacher | Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich im Mauerwerk des Kirchturms große Risse gebildet, die von Arbeitern einer Spezialfirma beseitigt wurden.

Mächtige Stahlplatte unterfing den Turm

Mit einer Stahlfundamentplatte von 80 Zentimetern Stärke, die mit dem gesamten Mauerwerk durch Stahlanker verzahnt wurde, wurde der Turm unterfangen. Die Sicherung der aufgehenden Turmwände erfolgte durch den Einbau einer doppelten, armierten Stahlbetoninnenauskleidung, die bis unter den Glockenstuhl geführt wurde. Deshalb musste auch das Wappen des Fürstbischofs Rudolf II. von Scherenberg, in dessen Amtszeit der Turm entstand, weichen.

Das Turmmauerwerk wurde mit Rundstahlankern an die inneren Stahlbetonwände geheftet. Die dazu benötigten 640 Bohrlöcher mussten erschütterungsfrei hergestellt werden. Bei den Ausgrabungen für das Fundament stieß man auf mehrere Skelette. Da diese zum Teil übereinander lagen, lag die Vermutung nahe, dass sich hier einst eine Begräbnisstätte befand. Bei der Freilegung des Mauerwerks kamen Experten zum Schluss, dass der untere Teil des Turmes vorher eine Kapelle gewesen sein muss, da an dieser Stelle ein schon bestehendes Mauerwerk nur verbreitert wurde.

Der Kirchturm, dessen Schäden auch äußerlich erkennbar waren, musste in den Jahren 1970/71 grundlegend und aufwändig saniert werden.
Foto: Josef Laudenbacher | Der Kirchturm, dessen Schäden auch äußerlich erkennbar waren, musste in den Jahren 1970/71 grundlegend und aufwändig saniert werden.

Für diese Annahme spricht auch eine Gottesdienststiftung aus dem Jahre 1164, die es zu diesem Zeitpunkt ohne eine Kapelle oder kleine Kirche nicht gegeben hätte. Der Turm selbst aber wurden erst in der Zeit von Scherenburg bis zum untersten Turmgürtel etwa 1466 bis 1470 gebaut. 1598 wurde der Turm um ein Stockwerk erhöht. Nach einem Blitzschlag am 7. Juli 1778 brannte er ab und wurde von der Gemeinde, nun um ein weiteres Stockwerk erhöht, wieder aufgebaut.

Turm ist weit älter als die 1614 erbaute Kirche

Die jetzige Kirche wurde erst 1614 an den bestehenden Turm angebaut. Dies besagt auch der an der Südseite der Kirche angebrachte Gedenkstein. Der Turm misst vom Boden bis zur Kugel, die 48 Liter fasst, 40 Meter. Das Kreuz auf dem Turm ist weitere drei Meter hoch.

In der mehrere Monate dauernden Bauzeit mussten 400 Quadratmeter alter Putz entfernt werden, waren 150 Meter Risse zu säubern, auszublasen und auszuwaschen, etwa 350 Quadratmeter Schalung unter erschwerten Bedingungen im Turminnern auf- und anzubauen, mussten 80 Kubikmeter Beton und Gewebe verarbeitet werden. Rund 110 Kubikmeter Erdaushub und Bauschutt waren zu beseitigen. Mit zehn Tonnen Spritzbeton und acht Tonnen Zementemulsion wurden Risse und Löcher geschlossen. Mit diesem großen Aufwand wurde der schöne Turm erhalten.

Zu Ende des Jahres 1971, so lange dauerten die Bauarbeiten, konnte die Bevölkerung wieder die Glocken läuten hören, deren Klang sie lange vermisst hatten. Im Jahre 2004 wurde der Turm mit den Uhren nochmals saniert, das schiefe Turmkreuz erneuert und die sogenannte "Laterne" geöffnet.

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