Höllrich

Wasserschloss Höllrich: Noch gibt es Zeugnisse der alten Pracht

Aus der Geschichte Main-Spessarts (39):  Das Schloss stand mehrmals vor dem Abriss, konnte aber vor dem Verfall gerettet werden. Die "Höllricher Stube" ist sogar in Berlin ausgestellt.
Das Schloss Höllrich prägt die Ansicht des Dorfes.
Foto: Ferdinand Heilgenthal | Das Schloss Höllrich prägt die Ansicht des Dorfes.

Das 450 Jahre alte ehemalige Wasserschloss der Freiherren von Thüngen ist ein imposanter Bau und prägt seit jeher die Ansicht von Höllrich. Der heute 430 Einwohner zählende Ortsteil von Karsbach wurde 1189 erstmals urkundlich erwähnt, aber sicher viel älter. Seine Geschichte ist eng mit dem fränkischen Adelsgeschlecht derer von Thüngen verbunden, die ihren Stammsitz in der gleichnamigen Marktgemeinde an der Wern haben.  

In einer zum 825. Dorfjubiläum im Jahr 2014 erschienenen umfangreichen Chronik wird der Einfluss der Herrschaft auf die Bevölkerung in allen Rechts- und Lebenslagen sehr anschaulich beschrieben. Das im Jahr 1100 erstmals erwähnte Adelsgeschlecht gehörte später zur Reichsritterschaft im Fränkischen Ritterkreis, Kanton Rhön-Werra, und stellte wichtige Persönlichkeiten in Kirche, Politik, Militär, Verwaltung und Wirtschaft.

Bauherr von Schloss Höllrich ist Otto Wilhelm Freiherr von Thüngen.
Foto: Björn Kohlhepp | Bauherr von Schloss Höllrich ist Otto Wilhelm Freiherr von Thüngen.

Das Herrschaftsgebiet umfasste etwa 80 Ortschaften, Burgen, Schlösser und Höfe, vornehmlich in der südlichen Rhön. Fürstbischof Konrad II von Thüngen ließ in Würzburg nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes im Jahr 1525 Hunderte der Aufrührer foltern und mit dem Schwert richten. Bei der Bestrafung schonte er auch diejenigen Verwandte der verschiedenen Linien des eigenen Geschlechts nicht, die mit den Bauern paktierten.

Als Bauherr des Schlosses im Nordosten von Höllrich gilt Otto Wilhelm Freiherr von Thüngen (1528 bis 1568), der das Bauwerk im Stil der Renaissance auf den Fundamenten einer älteren Anlage errichten ließ. Zweihundert Jahre später wurde der auf 1600 Quadratmetern Grundfläche angelegte hufeisenförmige Bau teilweise barockisiert. Das Schloss selbst besteht aus drei Flügeln: Süd- und Ostflügel sind noch weitgehend ursprünglich erhalten, der Westflügel wurde 1720 umgeformt.

Einziger Zugang über eine zweibogige Brücke

Von den einstmals vier Ecktürmen mit welscher Haube sind nur noch zwei erhalten. Gut erkennbar ist noch der Schlossgraben, der nur auf der Ostseite zugeschüttet ist. Er wurde einst vom Tränkbach gespeist und noch heute erfolgt der einzige Zugang auf der Südseite durch das Torhaus über die gemauerte zweibogige Brücke.

Dank der Wappensteine mit den Jahreszahlen 1561 und 1570 lässt sich das Wasserschloss Höllrich als eine der frühesten Schlossanlagen der Deutschen Renaissance in Franken und Bayern einordnen, die noch wesentlich original erhalten sind. Die sonst in dieser Zeit wenig verbreitete Form einer dreiflügeligen Anlage ist laut Dr. Ulrich Kahle, Hauptkonservator beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, im kunsthistorischen Rang als Sonderfall des ausgehenden 16. Jahrhunderts im süddeutschen Raum zu bezeichnen.  

Im 17. Jahrhundert wechselten die Eigentumsverhältnisse durch Heirat und Vererbung häufig, bis Höllrich im Jahr 1745 wieder in den Besitz derer von Thüngen gelangte. Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde das Schloss nur noch von einem Verwalter und teilweise von Landarbeitern bewohnt.

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege beschrieb nach einer ersten Ortseinsicht im Juni 1943 das Schloss als "stark vernachlässigt". Weil die Einkünfte aus dem landwirtschaftlichen Betrieb den sachgerechten Unterhalt des seit 1961 endgültig leerstehenden, dringend sanierungsbedürftigen Bauwerks nicht erlaubte, beantragte der Eigentümer 1962 den Abbruch, was vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege umgehend abgelehnt wurde. Alle Versuche des Landesamtes zusammen mit dem Besitzer einen "gangbaren Weg" zur Wiederherstellung unter Einsatz von Bundes-, Landes- und Landkreismitteln zu finden, scheiterten.

1977 "teilweise akute Einsturzgefahr" attestiert

Ende der 1960er Jahre stand das Schloss zum Verkauf, welcher trotz ernsthafter Kaufinteressen dann doch nicht erfolgte. Im September 1977 attestierte das Landratsamt Main-Spessart "teilweise akute Einsturzgefahr". Als Anfang der 1980er Jahre das Dach des Ostflügels einstürzte und nach einem Sturm Teile der Dacheindeckung des Westflügels abgegangen waren, ergriff das Landesamt erneut die Initiative und empfahl eine zeichnerische Bestandsaufnahme, um auf dieser Grundlage eine Sanierung zu planen und die Kosten schätzen zu können. Die Kosten für diese Vorplanung würden zu 99 Prozent vom Staatsministerium für Unterricht und Kultus übernommen, teilte man mit.

Idealisierte Flusslandschaft aus der Romantik, um 1850, im barockisierten Westflügel.
Foto: Ferdinand Heilgenthal | Idealisierte Flusslandschaft aus der Romantik, um 1850, im barockisierten Westflügel.

Der Eigentümer zeigte sich überrascht und betonte, dass er diesen Zuschuss nicht annehmen und keinerlei Verpflichtungen übernehmen würde. Aufgrund der sehr hohen Schäden willigte er letztendlich doch ein und 1985 begann man mit ersten Arbeiten zur Sicherung, wofür ein Großteil der ursprünglich für die Vorplanungen vorgesehenen Fördermittel Verwendung finden durften.

So wurden ein gefahrloser Zugang ermöglicht und Notsicherungen durchgeführt, der Renaissancegiebel des Ostflügels geklammert und der Westflügel notdürftig mit Planen abgedeckt. Weil der Eigentümer nach wie vor nicht bereit war, sich finanziell an den Kosten zur Vorplanung zu beteiligen, stellte das Staatsministerium seine Förderung ein. Lediglich eine professionelle Foto-Dokumentation wurde angefertigt, die bis heute als wichtige Informationsquelle dient.

Weitere Schäden durch Frühjahrsstürme 1990 konnten durch unbürokratische Hilfe des Landratsamtes Main-Spessart behoben werden. Ein in diesem Zusammenhang vorgesehener neuer Mehrjahresplan zur Rohbauinstandsetzung mit erheblichen staatlichen Zuschüssen scheiterte dagegen wieder am Besitzer, ebenso der Erwerb durch die öffentliche Hand, um ein Verwaltungsgebäude zu schaffen.

Käufer richtete im Schloss eine Ferienwohnung ein

1995 kaufte Hans Herr, im Nachbardorf Heßdorf geboren, das Schloss und richtete sich eine Wohnung ein. Mit viel persönlichem Einsatz und finanziellem Aufwand stemmte er sich gegen den fortschreitenden Verfall. Er sicherte wertvolle Bausubstanz und setzte den Westflügel mit einer Biberschwanz-Ziegeldeckung instand. Aber um alles zu retten, war es leider zu spät und es sei für ihn auch finanziell nicht durchführbar, sagte er im Gespräch. Wer wissen möchte, wie es sich anfühlt, in einem Schloss zu wohnen, für den bietet die Familie Herr seit drei Jahren den Aufenthalt in einer Ferienwohnung an. 

Kassettendecke  mit Stuckverzierungen.
Foto: Ferdinand Heilgenthal | Kassettendecke mit Stuckverzierungen.

Mehrere Kunsthistoriker und Restauratoren begutachteten zwischenzeitlich das kunsthistorisch wertvolle Schloss mit seiner besonderen Bauweise und den in den Innenräumen oft nur noch in Fragmenten zu erkennenden Malereien und einzigartigen Stuckverzierungen. Der Restaurator Quentin Saltzmann untersuchte vor fünf Jahren, unterstützt durch die Gemeinde Karsbach, vor allem die unter mehreren Lagen Putz und Farbe liegenden Malereien, die nicht auf den feuchten Putz, sondern in der Secco-Technik auf die getrocknete Unterlage aufgebracht worden waren.

Frei gelegte Secco-Malereien im Schloss Höllrich.
Foto: Ferdinand Heilgenthal | Frei gelegte Secco-Malereien im Schloss Höllrich.

Eines von mehreren biblischen Motiven ist eine Kreuzigungsgruppe, die dokumentiert und chemisch präpariert wurde, um dann wieder unter einer ein Zentimeter starken Schutzschicht versiegelt zu werden. Im Obergeschoss des Südflügels ist eine weitere Besonderheit zu finden. Es sind Stuckaturen, die mit rechteckigen Modeln (Formen) und runden Stempeln aus Holz in den feuchten Kalkputz an den Wänden und Decken gedrückt wurden. Aneinandergereiht entstanden so Bänder mit Abbildungen von Pferden, Löwen, Rosen und fantasievollen Blattmasken. In dieser Form, die auf thüringischen Einfluss schließen lässt, sind sie in der deutschen Renaissance einzigartig.

Die 'Höllricher Stube': Getäfel aus dem Schloss Höllrich ist im Kunstgewerbemuseum Berlin ausgestellt. 
Foto: Kunstgewerbemuseum Berlin | Die "Höllricher Stube": Getäfel aus dem Schloss Höllrich ist im Kunstgewerbemuseum Berlin ausgestellt. 

"Höllricher Stube" überlebte im Museum in Berlin

Ein ebenfalls kunsthistorisch sehr wertvolles Zeugnis aus der Erbauungszeit des 16. Jahrhunderts findet sich im Kunstgewerbemuseum in Berlin. Es ist die vollständig erhaltene, 44 Quadratmeter umfassende Holzvertäfelung eines Zimmers. Es verdankt seine Erhaltung dem 1890 erfolgten Verkauf an das einige Jahre zuvor gegründete Kunstgewerbemuseum in Berlin. Die sehr repräsentative "Höllricher Stube" überstand alle Kriegswirren, wurde 2002 bis 2005 aufwändig restauriert und ist jetzt im Museum in Köpenik ausgestellt. Als Konstruktionshölzer dienten Kiefer, Tanne und Eiche, die Schnitz- und Drechselarbeit ist in Eiche und Linde ausgeführt, die Furniere bestehen aus Ringelahorn, Eiche, Esche und verschiedenen Obsthölzern.

Aus heutiger Sicht betrachtet, war der Verkauf dieser wertvollen Inneneinrichtung ein Segen. Wahrscheinlich wäre es ihr ähnlich ergangen, wie den vielen anderen Kunstwerken dieses stolzen Gebäudes, die nicht mehr oder nur noch in Teilen erhalten sind. Wie es weitergehen soll mit dem Schloss, steht in den Sternen. Immerhin konnte es bis jetzt vor dem totalen Verfall gerettet werden und es kann als steinernes Gesamtkunstwerk immer noch Zeugnis ablegen über die kulturhistorischen Leistungen unserer Vorfahren in Franken.    

Quellen/Literatur: Gemeinde Karsbach, Chronik von Höllrich 2014;  Dr. Ulrich Kahle, Bay. Landesamt für Denkmalpflege, Kunsthistorische Würdigung 1985; Quentin Saltzmann, TU München, Bachelor-Thesis, Raumbuch 2016.

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