GEMÜNDEN

„Wir geben ihnen ihre Namen zurück und ihre Heimat“

Einen „ganz wichtigen Tag für Gemünden“ nannte Bürgermeister Georg Ondrasch die Verlegung der sechs Stolpersteine zur Erinnerung an in der Nazi-Zeit ermordete jüdische Mitbürger. „Die Stadt Gemünden ist sich ihrer historischen Verantwortung bewusst; sie blendet dieses dunkle Kapitel nicht aus, sondern stellt sich der Geschichte“, sagte Ondrasch zu Beginn der Feierstunde am Marktplatz.
Drei der sechs Gemündener Stolpersteine liegen am Rathaus-Gedenkstein am Marktplatz. Sie erinnern an das Ehepaar Laura und Nathan Sichel, deren Haus am heutigen Fischmarkt stand, und an Erna Blum, deren Wohnung in Gemünden nicht zu ermitteln war. Die anderen Steine befinden sich vor den früheren Häusern von Heinemann Grünbaum vor der Scherenbergstraße 11, Heinrich Grünbaum vor der Obertorstraße 15 und Fanny Weinberg vor der Obertorstraße 26. Nach der Verlegung am Montagvormittag ehrten Schüler der Gemündener Hauptschule die Nazi-Opfer jeweils mit einer Rose und nach jüdischem Brauch einem Kieselstein.
Foto: FOTOs (2) Michael Fillies | Drei der sechs Gemündener Stolpersteine liegen am Rathaus-Gedenkstein am Marktplatz. Sie erinnern an das Ehepaar Laura und Nathan Sichel, deren Haus am heutigen Fischmarkt stand, und an Erna Blum, deren Wohnung in ...

Gemündens Geistlichkeit, Landrat Thomas Schiebel, einige Stadträte, interessierte Bürger und eine starke Abordnung der Hauptschule Gemünden wohnten der Verlegung durch den Kölner Künstler Gunter Demnig bei.



Darunter waren auch der Experte für den Judenfriedhof in Laudenbach, Georg Schnabel, und die Österreicherin Dr. Brigitte Tscholl. Sie gehört dem Museums- und Kulturverein in Kaisersteinbruch im Burgenland und dem Historischen Verein Gemünden an und hatte sich in der Gemündener Diskussion vom Mai dieses Jahres für die Aktion ausgesprochen: „Ein Zuviel kann es für dieses Gedenken der systematischen, zynischen Massenvernichtung unter dem NS-Regime nicht geben.“ Bürgermeister Ondrasch dankte Ulf Fischer, der die Stolperstein-Aktion in Gemünden angeregt und die Vorarbeiten geleistet hatte.

Schwierige Rekonstruktion

Schwierig war und bleibt die Rekonstruktion der Schicksale der jüdischen Gemündener und anderer Verfolgter. 67 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde noch 1933 trotz der aufziehenden Repressionen. Als die Nationalsozialisten endgültig die Oberhand gewonnen hatten, kam es zur Vertreibung und schließlich Deportation und Vernichtung. Viele starben mutmaßlich eines gewaltsamen Todes oder an Entbehrungen auf einem Transport – aber nur sechs dieser Schicksale konnte Ulf Fischer als zweifelsfrei geklärt angeben. Er stützte sich dabei im Wesentlichen auf die 1983 vorgelegte Facharbeit des Gemündener Abiturienten Martin Kaiser.

Je zwei Schüler aller Klassen der Hauptschule wohnten der Gedenkfeier bei, in der Gunter Demnig die Stolpersteine verlegte. Die Hauptschüler übernahmen die Patenschaft für den Stein von Laura Sichel und die Kosten von 95 Euro. Weitere Paten sind Inge Albert (Stolperstein Heinemann Grünbaum), Initiator Ulf Fischer (Erna Blum), Georg Ondrasch Fanny Weinberg), Matthias Risser (Heinrich Grünbaum) und Wolfgang Weinig (Nathan Sichel).
| Je zwei Schüler aller Klassen der Hauptschule wohnten der Gedenkfeier bei, in der Gunter Demnig die Stolpersteine verlegte.
Gunter Demnigs Betonsteine, die individuell beschriftete Messingplatten tragen, werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnstätten der NS-Opfer verlegt. Im Fall des Ehepaars Laura und Nathan Sichel (ehemals Frankfurter Straße 134, heute Fischmarkt) ergab sich das Problem, dass ihr Anwesen im Krieg zerstört wurde und heute zum Teil eine Straße darüber führt. Ihre Stolpersteine in den Gehweg vor dem heutigen Anwesen Fischmarkt 2 zu setzen, stieß wegen einer möglichen missverständlichen Zuordnung auf den Widerstand des Eigentümers. Daher liegen die Steine der Sichels nun im Marktplatz am Rathaus-Gedenkstein neben dem Stolperstein für Erna Blum, deren Gemündener Wohnung nicht lokalisierbar war.

Beiläufig Respekt bezeugen

„Um zu lesen, was auf diesen Steinen steht, müssen wir uns bücken – und ganz beiläufig bezeugen wir mit dieser Verbeugung unseren Respekt vor Menschen, die nicht anders waren als wir es sind – die lediglich eines Wahns wegen zu Nummern gemacht wurden – im wahren Sinn des Wortes mit dem Einstanzen in ihre Haut – und damit aus der Gemeinschaft ausgestoßen und der Maschinell betriebenen Vernichtung zugeführt. Indem wir vor ihnen das Haupt beugen, geben wir ihnen ihre Namen zurück – und ihre Heimat.“ Diese Interpretation gab auf dem Marktplatz der frühere Gemündener Lokalredakteur Stefan Reis als Festredner. Er beschrieb, wie sich Ende der 1980er Jahre er für das „Main-Echo“ und Peter Kallenbach für die Main-Post sowie der Historische Verein verstärkt mit der Aufarbeitung des Nazi-Terrors beschäftigten: „Irgendwann wollte ich wissen, warum es in dieser Stadt Momente gab, in denen Gesprächspartner lieber das Thema wechselten.“

Stefan Reis schilderte stellvertretend das rekonstruierte Schicksal des Schuhmachers und Stadtrats Nathan Sichel und seiner Frau Laura, beginnend mit dem ersten Eintrag in ihre Gestapo-Akte vom 13. Januar 1937 und endend mit der Einweisung ins Vernichtungslager Theresienstadt am 23. September 1942. Dort wurden sie am 22. Februar 1943 ermordet.

Die Lebensdaten zu den sechs Stolpersteinen trugen ihre Paten vor: Ulf Fischer, Wolfgang Weinig, Inge Albert, Georg Ondrasch, Claudia Rothkegel-Risser und Werner Wolf namens der Hauptschule. Weinig sprach jeweils das jüdische Totengebet Kaddisch. Michael Albert sang auf Hebräisch zwei jüdische Lieder, auf der Geige begleitet von seinem Sohn Jakob.

Online-Tipp

Mehr Informationen und Bilder unter: www.mainpost.de/lokales/main-spessart/gemünden

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