Marktheidenfeld

Wonnemar im Krisenmodus: Bad bleibt bis auf Weiteres geschlossen

In einem Schreiben an alle Zulieferer kündigt die Betreibergesellschaft Wonnemar an, ab sofort weder Leistungen zu benötigen noch zu bezahlen. Wie die Stadt Marktheidenfeld nun reagiert.
Ungewisse Zukunft: Noch kommt ein Teil der Mitarbeiter des Wonnemars Marktheidenfeld täglich ins Bad, um zu arbeiten. Sie wollen endlich Klarheit, was mit ihnen passiert. 
Foto: Lucia Lenzen | Ungewisse Zukunft: Noch kommt ein Teil der Mitarbeiter des Wonnemars Marktheidenfeld täglich ins Bad, um zu arbeiten. Sie wollen endlich Klarheit, was mit ihnen passiert. 

Der Parkplatz ist gähnend leer. Und auch der Eintritt in das Wonnemar durch den Seiteneingang wirkt ungewohnt. Badmanager Wilko van Rijn öffnet persönlich die Tür und geht vor. In der Küche räumen zwei Mitarbeiterinnen Schränke ein. Ein paar Meter weiter in der Schwimmhalle spritzt eine junge Frau in Gummistiefeln den Hallenboden ab.   

"Es sind noch ungefähr 15 Leute, die jeden Tag hier hoch kommen", sagt Wilko van Rijn. Der Rest habe sich krank gemeldet. Acht Mitarbeiter hätten bereits gekündigt. Rund 55 Mitarbeiter hat das Wonnemar Marktheidenfeld nach Angaben der Betriebsgesellschaft. Unter ihnen sind auch zwei Auszubildende. Im Rahmen des Eigeninsolvenzverfahrens, das das Unternehmen im September eingeleitet hat, erhalten diese bis Ende des Monats noch ihren vollen Lohn über die Agentur für Arbeit. 

Die Sorge vor dem 1. Dezember und wie es wohl weitergeht

Wonnemar-Geschäftsführer Wilko van Rijn: 'Wenn sie etwas aufschließen, möchten sie es nicht wieder zuschließen müssen.'
Foto: Lucia Lenzen | Wonnemar-Geschäftsführer Wilko van Rijn: "Wenn sie etwas aufschließen, möchten sie es nicht wieder zuschließen müssen."

Zu tun ist aber im Bad seit dem Teil-Lockdown im November nicht mehr wirklich viel: Fenster putzen, aufräumen, Gartenarbeiten erledigen. Für ein Foto setzen sie sich alle, die da sind, noch einmal zusammen auf die Stufen zwischen die beiden menschenleeren Becken. Was sie bewegt? Die Sorge vor dem 1. Dezember und wie es ab dann mit dem Bad und ihnen weitergeht. Einige haben Angst, unter Coronabedingungen nichts Neues zu finden. Insgesamt aber wünschen sich nur eins: Klarheit.

Die kann ihnen aber auch van Rijn nicht geben. "Ich schwebe auch völlig in der Luft, was das weitere Vorgehen angeht", sagt er. Zum Eigeninsolvenzverfahren erklärt er:  "In der Eigeninsolvenz wird drei Monate geschaut: Wenn die Firma beweisen kann, dass sie mit eigenen Mitteln überleben kann, geht es weiter." Dieses Ziel habe der zweite Lockdown zunichte gemacht. Jetzt liegen seine Hoffnungen bei der Stadt Marktheidenfeld. Denn "wenn sie etwas aufschließen, wollen sie es nicht wieder zuschließen müssen", so van Rijn.

Die Stadt muss auf alles vorbereitet sein – auch auf eine Insolvenz

Wie die Stadt mit dieser Hoffnung umgeht, erläutern Bürgermeister Thomas Stamm und Kämmerin Christina Herrmann rund eine Stunde später bei einem kurzfristig anberaumten Pressegespräch im Rathaus. Was mittlerweile klar ist: Die Stadt muss auf alles vorbereitet sein – auch auf eine Insolvenz der Betreibergesellschaft des Wonnemar oder gar einer Insolvenz der Besitzgesellschaft der Therme, die Vertragspartner der Kommune ist. Dass sich Bürgermeister und Kämmerin zur Situation im Wonnemar öffentlich äußerten, lag nicht zuletzt an dem Schreiben, das unter anderem alle Lieferanten des Erlebnisbades von dem Generalbevollmächtigten der InterSPA Gesellschaft für Betrieb Wonnemar Marktheidenfeld mbH, Dr. Holger Leichtle, bekommen hatten. Das Bad werde bis auf Weiteres geschlossen bleiben, heißt es darin. 

"Ihre Leistungen werden ab sofort nicht mehr von uns benötigt. Ihre Leistungen können ab sofort nicht mehr von uns bezahlt werden", schreibt Leichtle. Zu denken gibt vor allem der Hinweis: "Bitte wenden Sie sich wegen etwaiger Anschlussvereinbarungen ab sofort direkt an die Stadt Marktheidenfeld." Stamm betont, dass der Brief mit der Stadt inhaltlich nicht abgestimmt war. "Die ersten Anfragen waren schon da", bestätigt die Kämmerin. Natürlich wird die Stadt aktiv, aber, so stellt Bürgermeister Stamm klar: "Wir sind im Moment in keinster Weise Herr des Verfahrens."

Weiterbetrieb des Bades gewährleisten – aber keine falschen Hoffnungen wecken

"Wir wollen den Weiterbetrieb des Bades in irgendeiner Form gewährleisten", versichert Stamm. Natürlich wäre es auch im Sinne der Kommune, dass die Beschäftigten weiter im Wonnemar bleiben können. "Aber wir wollen hier keine falschen Hoffnungen wecken." Primäre Aufgabe der Stadt sei es, das Schul- und Vereinsschwimmen weiter zu gewährleisten und nicht eine Therme zu betreiben.

Gegenwärtig am Wichtigsten ist es laut Kämmerin Herrmann, "den völligen Stillstand des Bades zu vermeiden". Es muss weiter geheizt, mit Strom versorgt und gepflegt werden, um ins Geld gehende Folgeschäden zu vermeiden. Deshalb hatte die Stadt mit der Betreibergesellschaft die Übernahme der Kosten für die wichtigsten Funktionen des Betriebs für November vereinbart. Dafür und für die weiteren Verhandlungen hat sich die Stadt einen Rechtsbeistand genommen. Wie es im Dezember weitergehen wird, ist auch davon abhängig, ob es dann zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens kommt.

Vorsorgliche Gründung einer Marktheidenfelder Bädergesellschaft

Die beste Lösung für die Stadt wäre natürlich, die interSPA-Gruppe würde sich wirtschaftlich erholen und das Wonnemar weiter betreiben. Allerdings muss die Stadt auch auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein und der hieße: Heimfall des Wonnemar, also die Rückübernahme der im Vertrag vom 23. August 2010 in Erbbaurecht an die Besitzgesellschaft abgetretenen Immobilie. Um für solche Fälle gewappnet zu sein, hat der Stadtrat in nichtöffentlicher Sitzung in der vergangenen Woche die Gründung einer Marktheidenfelder Bädergesellschaft beschlossen. Sie könnte im Notfall, wie eine Auffanggesellschaft, einspringen.

Gegenwärtig zahlt die Stadt 840 000 Euro im Jahr, um den für Bau und Betrieb des Wonnemar aufgenommenen Kredit zu tilgen. Hier sind noch rund zwölf Millionen Euro in den kommenden 22 Jahren aufzubringen. Wie hoch die Kosten für den Betrieb des Bades wären, lässt sich heute aber nicht sagen. Zur Erinnerung: Für das Maradies, das keine Therme betrieb, fielen im städtischen Haushalt früher zwischen 1,2 und 1,4 Millionen Euro an jährlichem Defizit an. Noch aber ist das kein Thema. "Wir versuchen alles, damit es weitergeht", so Thomas Stamm.

Vom Maradies zum Wonnemar

Bei seiner Eröffnung im Jahre 1976 war das „Maradies“ ein Hallenbad mit Sauna. 1983 kam das Freibad hinzu und 1998 die neue Saunalandschaft. Nach einigen Jahren stellten Experten fest, dass das Bad einer Sanierung bedarf. Zwei Vorschläge zur Neugestaltung fanden bei den Marktheidenfeldern zu wenig Anklang und wurden in Bürgerentscheiden abgelehnt (das Konzept der Kristallbäder-Gruppe der Familie Steinhart 2004 und das erste Interspa-Modell 2008).
2010 stimmte der Stadtrat in seiner Sitzung dann doch dem veränderten Gestaltungskonzept der Stuttgarter Interspa-Gruppe zu. Neu war, dass mit der Firmengruppe Pellikaan ein Generalunternehmer mit ins Boot geholt wurde.
Bei der Gestaltung des Bades hat Interspa nach dem Scheitern seiner ursprünglichen Planungen noch einmal „nachgebessert“ – und sich gegen ein zweites Mitbewerber-Konsortium durchgesetzt. Eine wesentliche Veränderung gegenüber dem alten Entwurf war, dass es nach dem Umbau zusätzliche Attraktionen geben sollte, wie eine etwa 90 Meter lange, ganzjährig nutzbare Röhrenrutsche in der Schwimmhalle. Das neue Wonnemar eröffnete schließlich nach zwei jähriger Bauzeit am 16. Dezember 2012. 
Die Investitionssumme, die in dem Public-Private-Partnership-Vertrag (PPP) festgeschrieben wurde, belief sich auf rund 16 Millionen Euro. Bei der Finanzierung handelte es sich nicht mehr um ein Investorenmodell, sondern sie wurde durch Kommunal- und Bankdarlehen gesichert. Die erforderliche Zuzahlung der Stadt liegt bei rund 840 000 Euro. Die Höhe der Zuzahlungen wurde auf 30 Jahre festgeschrieben.
Quelle: luc
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