BAD KÖNIGSHOFEN

Der Mann, der den Code der RAF knackte

Gemütliche Runde: In der Buchhandlung Schiller, hier mit Buchhändlerin Ela Schiller Eggerath, las der Sprachprofiler, Sicherheitsberater und Buchautor Raimund Drommel aus seinem Buch.
Foto: Vossenkaul | Gemütliche Runde: In der Buchhandlung Schiller, hier mit Buchhändlerin Ela Schiller Eggerath, las der Sprachprofiler, Sicherheitsberater und Buchautor Raimund Drommel aus seinem Buch.

Die Nachrichten in den Medien glaubt Raimund H. Drommel grundsätzlich nicht, denn er weiß, dass nur die Spitze des Eisbergs an die Öffentlichkeit kommt und die Wahrheit oft nicht gewollt ist. Der in Sulzdorf ansässige Sprachprofiler und Sicherheitsberater, dessen kürzlich erschienenes Buch „Der Code des Bösen“ Schlagzeilen macht (wir berichteten), hielt eine Lesung in der Buchhandlung Schiller in Bad Königshofen, diskutierte mit den interessierten Zuhörern in gemütlicher Runde und signierte sein Buch.

Sprachwissenschaft, Psychologie und Kriminologie hat der Professor für Linguistik studiert, der seit Anfang des Jahres in allen Medien präsent ist. Er begründete die sprachwissenschaftliche Kriminalistik und entwickelte ein Computerprogramm (Konkordanzprogramm), das eine systematische Analyse von Texten und Vergleichstexten ermöglicht, so dass die Ergebnisse auch vor Gericht als Beweis bestehen können.

Nichts Neues ist der Medienrummel für Drommel, er war schon in den 80er Jahren Terrorismusexperte für einen Fernsehsender, wie er berichtete. Wie die an der Lesung teilnehmenden Gäste in kurzen Filmeinspielungen miterleben konnten, hat Drommel unter anderem kürzlich in einem TV-Auftritt als einziger Experte anhand gemeinsamer Sprachmerkmale herausgefunden, welche Paare zusammengehören, wobei je drei Männer und Frauen zur Auswahl standen.

Die spektakulärsten Fälle aus der 25-jährigen Tätigkeit des Sprachprofilers werden in seinem Buch aufgegriffen, dazu gehört die Entschlüsselung des Codes der RAF, deren Mitglieder in harmlos aussehenden Backrezepten und Schnittmusterbögen Informationen austauschten. Bücherregale, die in jeder Zelle der weit voneinander getrennt inhaftierten RAF-Mitglieder die gleichen Titel in der gleichen Reihenfolge aufwiesen, spielten dabei eine Rolle. Unter anderem konnte ein Veranstaltungshinweis als Mordanschlagsplan auf den damaligen FDP-Minister Klaus Kinkel enttarnt werden - das Attentat wurde verhindert. Weil er den Code entschlüsselte, stand er auf der Todesliste der „Rote Armee Fraktion“. „Das ging nicht gegen mich persönlich“, versuchte der Buchautor die Zuhörer zu beruhigen. Es handelte sich nur um die „Beseitigung eines Problems“. Die Beschäftigung mit der RAF habe eigentlich Spaß gemacht, so Drommel, weil die Mitglieder sehr intelligent waren.

Letzteres könne man nicht von vielen Straftätern behaupten. Wer glaubt, diktierte Abschiedsbriefe würden keinen „persönlichen Fingerabdruck“ hinterlassen, täuscht sich. Die ungewöhnlich kurzen Mitteilungen eines Bonner Anwalts an seine Familie und Arbeitskollegen kurz vor seinem angeblichen Suizid in Südfrankreich 1987 erwiesen sich nach der Analyse als echt, allerdings in großem Zeitdruck entstanden. Ungereimtheiten führten jedoch auf die Spur von 22 ungeklärten „Selbstmorden“ britischer Topwissenschaftler und anderer Männer, die mit der Waffenindustrie in Verbindung standen. „Die starben wie die Fliegen“, berichtete Drommel. Überall ein ähnliches Muster: Die Betroffenen wurden ins Ausland gelockt, hinterließen Abschiedsbriefe, die Polizei war schnell bereit, den Selbstmord zu akzeptieren, ermittelte teilweise schlampig und legte den Fall zu den Akten.

In diesen Kontext passt auch der Fall Uwe Barschel, zu dessen Aufklärung Drommel wichtige Beiträge geliefert hat. Aber auch dieser Tod des Politikers gilt offiziell immer noch als Selbstmord. Für Drommel steht jedoch fest, dass es sich hier um einen Auftragsmord handelt. Wie bei den anderen Fällen wurde der Mann ins Ausland gelockt - hier unter dem Vorwand entlastendes Material anbieten zu können - , Beweisstücke verschwanden oder fanden keine Beachtung. Es soll jetzt neue Untersuchungen geben, aber da komme sicher nichts heraus, vermutet Drommel.

Weniger spektakulär aber überaus interessant ist die „Alltagsarbeit“ des Profilers, da geht es um Drohbriefe, Erpresser- und Bekennerschreiben, Mobbing und ähnliches. Vergleiche der Schreibmaschinentypen und der Handschriften entfallen im Computerzeitalter überwiegend, aber Stil, Wortwahl und Grammatik in den „sprachlichen Tatorten“ lassen sich ermitteln. Auch Bewerbungsschreiben lassen Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zu. Individuelle Fehler, nicht durch Flüchtigkeit entstanden, sondern durch grundsätzliche Unwissenheit über Schreibweise und Interpunktion seien besonders verräterisch.

Ob der Urheber eines Briefes ein Mann oder eine Frau ist, kann Drommel relativ schnell feststellen. Frauen schreiben längere Briefe und zeigen mehr verbale Härte. „Männer drohen und erpressen - Frauen schmähen.“ Wenn jemand beispielsweise „schwanzgesteuertes Verhalten“ anprangert, handelt es sich mit Sicherheit um eine Frau, versicherte Drommel, Männer vermeiden diese Redewendung. Auch zum Fall Doktortitel von Guttenberg hat er seine eigene Meinung. Der Politiker habe einfach am falschen Ende gespart und einen zu billigen „Ghostwriter“ beauftragt.

Fast täglich erhält Drommel neue Aufträge. Sein Beruf ist natürlich nicht ungefährlich, wie er bei der Lesung berichtete. Seine Mitarbeit im Fall Barschel hat ihm Morddrohungen, anonyme Anrufe und gelockerte Schrauben an seinem Auto eingebracht. Mit etwas Glück ist er jedes Mal davon gekommen. Sein Beruf macht ihm trotz allem Spaß, er hat seinen Humor nicht verloren, wovon sich die Zuhörer in der Schiller-Buchhandlung überzeugen konnten.

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