BAD KÖNIGSHOFEN/COBURG

Eskorte für Almuth am Ende der Walz

Fünf Jahre Walz gehen zu Ende: Die Tischlerin Almuth (vorne links) wird am Wochenende wieder in ihre Heimatstadt Coburg zurückkehren, wo sie mit ihren sieben Wegbegleitern Annika, Thoko, Viola, Johanna, Aaron, Jakob und Frowin ein großes Fest feiern wird.
Foto: Alfred Kordwig | Fünf Jahre Walz gehen zu Ende: Die Tischlerin Almuth (vorne links) wird am Wochenende wieder in ihre Heimatstadt Coburg zurückkehren, wo sie mit ihren sieben Wegbegleitern Annika, Thoko, Viola, Johanna, Aaron, Jakob ...

Nach fünf Jahren auf der Walz kehrt Almuth aus Coburg an diesem Wochenende wieder nach Hause zurück. Und damit es ihr auf den letzten Kilometern nicht langweilig wird, haben sich ihr am vergangenen Samstag sieben Wandergesellen angeschlossen.

Die Nacht von Montag auf Dienstag verbrachten die acht freien reisenden Handwerker, die keiner Vereinigung angehören, in Aubstadt, wo ihnen Pfarrer Helmut Bär im Gemeindehaus ein Nachtlager herrichtete.

„Wir dürfen für Übernachtungen und Verkehrsmittel kein Geld ausgeben“, erzählt Almuth, die wie ihre Begleiter nur mit dem Vornamen angesprochen werden möchte. „Und bei acht Personen ist es natürlich nicht immer einfach, überhaupt eine Schlafmöglichkeit zu finden.“ Seit einigen Wochen schon befindet sich Almuth auf dem Weg zurück in ihre Heimatstadt Coburg, die sie fünf Jahre lang nicht mehr gesehen hat. Denn Wandergesellen dürfen während der Reise von Arbeitsort zu Arbeitsort ihrem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen. So ist es schon seit Jahrhunderten Tradition.

„Normalerweise dauert so eine Walz drei Jahre und einen Tag“, erzählt die Tischlergesellin. „Aber mir hat das Wandern so viel Freude gemacht, dass ich noch zwei Jahre angehängt habe.“ Doch auch die längste Walz geht einmal zu Ende. Traditionell werden die „Nachhausereisenden“ dann von einer größeren Gruppe von Wandergesellen zurück in ihren Heimatort begleitet. Deshalb kreuzten sich wie zuvor verabredet am vergangenen Samstag nördlich der Rhön die Wege von Almuth und ihren sieben Begleitern: die Zimmerer Aaron aus Saal an der Ostsee und Jakob aus Bielefeld, die Schneiderin Annika aus Tübingen, die Modistin Thoko aus Bonn, die Landwirtin Viokla aus Stuttgart und die Tischlerin Johanna aus Bad Dürkheim. Mit Frowin aus Villach in Österreich gehört sogar ein Artist zum Ehrengeleit von Almuth.

Entlang des „Grünen Bands“ ging es am Mittwoch weiter in Richtung Coburg. Dort geht die fünfjährige Walz der Tischlerin am Samstag oder Sonntag zu Ende. Almuth und ihre Begleiter feiern dann zusammen mit Freunden und Familie noch ein großes Fest, bevor sich ihre Wege wieder verlaufen.

Die Wanderjahre

Als Wanderjahre, auch Walz, Tippelei oder Gesellenwanderung genannt, bezeichnet man die Wanderschaft zünftiger Gesellen. Sie war seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen für den Gesellen, die Prüfung zum Meister zu beginnen. Die Gesellen sollten vor allem neue Arbeitspraktiken, Lebenserfahrung und fremde Orte, Regionen und Länder kennenlernen. Auf die Wanderschaft darf auch heute nur gehen, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, ledig, kinderlos und schuldenfrei ist. Der Wandergeselle darf in seiner Reisezeit einen Bannkreis von 50 Kilometer um seinen Heimatort nicht betreten. Er darf kein eigenes Fahrzeug besitzen und bewegt sich nur zu Fuß oder per Anhalter fort. Öffentliche Verkehrsmittel sind verpönt. Weiterhin muss er in der Öffentlichkeit immer seine Kluft tragen. Auffällig sind sein Stenz und die Bekleidung mit Hut und Kluft mit weiten Schlaghosen, Weste und Jackett, die farblich der Tradition seines Berufsstandes entspricht. Bekannt gewordene Wandergesellen sind Albrecht Dürer der Jüngere (Maler), Adolph Kolping (Schuhmacher), Adam Opel (Mechaniker) und Walter Ulbricht (Tischler).

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