BAD NEUSTADT

Fackelumzug und Tanz statt Raketen und Böller

Eher die Roten als die Silberlinge: Die gab's früher beim Neujahrswünschen in der Rhön.
Foto: Müller | Eher die Roten als die Silberlinge: Die gab's früher beim Neujahrswünschen in der Rhön.

Der Jahreswechsel wurde in der Region wohl schon immer gefeiert. Einen Einblick, wie um 1900 das alte Jahr verabschiedet und das neue Jahr begrüßt wurde, gibt im Folgenden Kreisheimatpfleger Reinhold Albert:

Den Neujahrsabend verbrachte der echte Neustädter um 1900 nicht in der Familie, sondern in jener Gastwirtschaft unter den damaligen 35 Wirtshäusern der Stadt, wo er sich am „allwöchentlichen Gesellschaftstag“ als Stammgast einfand. Mancher hatte eine ansehnliche – geschäftlich begründete – Runde zu absolvieren und erhielt als Stammgast überall seinen herkömmlichen Punsch.

Die Mitternacht verbrachte man dann auf den Straßen und Plätzen der Stadt mit dem üblichen Prost-Neujahrs-Lärm, der verebbte, als sich „unter Vorantritt der Stadtkapelle“ der Fackel-Umzug durch die Straßen der Altstadt bewegte und wieder auf dem Marktplatz endete. Der gute Kunde der bürgerlichen Geschäftshäuser erhielt als Treuegeschenk das „Neujährle“, bestehend aus irgendwelchen erwünschten Zugaben, besonders Lebkuchen.

Aus Hendungen ist überliefert, dass es noch bis 1907 Sitte war, dass die Musikanten beim 12-Uhr-Schlagen nachts vor dem Pfarrhaus ein Lied und zwei Tänze spielten. Anschließend zog man vor die Wohnungen der Lehrer oder die Häuser der Verwaltungsmitglieder und der reichen Bauern. Überall spielten die Musikanten drei Tänze. In der Nähe hielten sich die Burschen auf und machten die Straße zum Tanzplatz. Das dauerte bis 6 oder 7 Uhr.

An Neujahr gingen die Kinder zu Paten, Verwandten und Bekannten, wünschten ein glückliches Jahr und kamen mit ihrem Bündelein (Apfel, Nüsse und Ähnlichem, das sie bekamen) wieder heim. Neujahr ist in Hendungen heute noch ein sogenannter Dödlestag (Patentag), ebenso wie an Ostern, Pfingsten und der Kirchweih. Da gehen die „Dödli“ bis zu sechs oder sieben Jahren zu ihren Paten und werden dort bewirtet. Es werden Kuchen, Konfekt und Plätzchen („Pfüpferli“) gebacken. Mittags gibt es wie jeden Sonntag Suppe, Fleisch und Gemüse. Nachmittags führt der Dod sein Dödlä spazieren. Abends gibt es dann Bratwürste, Braten, Salat, Eingemachtes und Pfüpferli. Nach dem Essen bringt der Dod sein Dödlä heim, und dann wird er dort auch so bewirtet.

Am Neujahrstag stand man in Langenleiten in aller Frühe auf, um möglichst frühzeitig mit der Stallarbeit fertig zu sein. Bereits im Morgengrauen erschienen Leute aus dem Nachbarort Sandberg, um den Langenleitenern das Neue Jahr anzuwünschen. Bereits eine Stunde zuvor hatten sie sich daheim mit Laternen auf den Weg gemacht.

In Langenleiten klopften sie an die Haustüren und sagten ihr Sprüchlein auf: „Wir wünschen Euch ein glückseliges Neues Jahr“, worauf man ihnen antwortete: „Danke, wir wünschen Euch auch eins!“ Bevor die Gäste zum nächsten Haus weiterzogen, bot man ihnen einen hellen Kornschnaps oder einen selbst gemachten Wacholder- oder Holunderlikör an. Zum Abschied bekam jeder Besucher ein „Wölfle“ oder „Neujöhrle“ überreicht. Die Kinder erhielten für ihren Glückwunsch kleine Geldgeschenke (fünf, zehn, gelegentlich auch einmal 20 Pfennige).

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