Neustädtles

Letzte Spuren jüdischen Lebens

Auf dem jüdischen Friedhof Neustädtles: Forscherin Elisabeth Böhrer aus Sondheim/Rhön zeigt David Kurz vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern den Erhaltungszustand eines Grabsteins.
Foto: Steffen Standke | Auf dem jüdischen Friedhof Neustädtles: Forscherin Elisabeth Böhrer aus Sondheim/Rhön zeigt David Kurz vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern den Erhaltungszustand eines Grabsteins.

Die Nazis haben die jüdischen Gemeinden in Rhön-Grabfeld ausgelöscht, ihre Mitglieder ermordet oder vertrieben. Doch alle Spuren verwischen konnten sie nicht. Die Friedhöfe existieren noch. Ruhestätten der Toten als letzte Zeichen jüdischen Lebens. Jetzt, sieben Jahrzehnte nach dem Dritten Reich, drängt sich immer stärker die Frage auf, wie sie erhalten werden können.

Der jüdische Friedhof von Neustädtles gleicht vielen in der Region. Er liegt abseits der Straße nach Willmars, hinter einem Maisfeld. Imposant die Reihen eng gesetzter, hoher Grabsteine. Hohe, schlanke Bäume sind über Jahrzehnte zwischen den Grabstellen herangewachsen. Ihre Wurzeln drückten manchen Grabstein aus seiner ursprünglichen Position, so dass er droht, umzufallen.

Etliche Steine sind so verwittert, dass die hebräischen Buchstaben darauf selbst für Kenner nicht mehr lesbar sind. Die Zeit nagt am jüdischen Erbe, lässt die Natur es überwuchern. Es droht, vergessen zu werden.

Das ist, was Elisabeth Böhrer Sorgen bereitet. Die Sondheimerin kümmert sich, neben anderen, um die jüdischen Friedhöfe in der Region. Und sie forscht seit Jahren nach den Menschen, die dort begraben liegen. „Weil ich es so furchtbar finde, was mit der jüdischen Bevölkerung gemacht wurde.“

Vom Friedhof in Neustädtles ist bekannt, dass er im 18. Jahrhundert errichtet wurde, das Flurstück wird „Judenkopf“ genannt. Dort liegen Juden aus Willmars, Nordheim und Oberelsbach (mit Weisbach) begraben. Denn laut Böhrer wurden viele israelitische Grabstätten als Verbandsfriedhöfe angelegt. Meist konnten sie, wenn überhaupt, nur abgelegen von Siedlungen errichtet werden.

In Neustädtles selbst wohnten zumindest im 19. und 20. Jahrhundert nur einzelne Juden; es gab keine eigene jüdische Gemeinde. Aber dort wurde die Errichtung eines Friedhofes am „Judenkopf“ zugelassen.

Auch in Oberwaldbehrungen gelang der Kraftakt. 1842 kaufte die jüdische Gemeinde das jetzige Friedhofsgrundstück. „Vorher wurden die Toten in Kleinbardorf bestattet, teilweise auch in Neustädtles“, weiß Böhrer. Für sie besonders erschütternd ist, dass sie die inzwischen zu stark verwitterte Inschrift auf dem Grab des Levi Neumaier nicht mehr entziffern kann. Vor vier Jahren sei das noch möglich gewesen.

Neumaier stammte aus Oberwaldbehrungen, zog später nach Ostheim. Für seinen im Holocaust umgekommenen Sohn und die Schwiegertochter wurden die ersten Stolpersteine in Unterfranken gesetzt. Auf dem Oberwaldbehrunger Friedhof wurden auch Juden aus Bastheim, Ostheim, vereinzelt auch Bischofsheim, Oberelsbach und Gersfeld beerdigt.

Am Donnerstag teilte Elisabeth Böhrer ihr Wissen (und ihre Besorgnis) mit einer besonderen Besuchergruppe. Mit dabei Vertreter des Bayerischen Innenministeriums, David Kurz vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinde sowie Georg Hansul vom Landratsamt Rhön-Grabfeld. Besichtigt wurden neben den jüdischen Friedhöfen in Neustädtles und Oberwaldbehrungen die in Weimarschmieden, Unsleben und Ipthausen bei Bad Königshofen. Der Landesverband verwaltet die verwaisten jüdischen Friedhöfe.

Für deren Pflege zahlt der Freistaat, basierend auf einem Staatsvertrag mit dem Bund von 1957, Geld – quasi als Ausgleich für die Leiden des jüdischen Volkes in der Nazizeit. 670 000 Euro sind das laut Karl Hofmann vom Bayrischen Innenministerium im Jahr, etwa ein Euro pro Quadratmeter.

Die bei der Besichtigungstour angefahrenen Friedhöfe weisen eine Größe von 950 (Weimarschmieden) bis 5489 Quadratmeter (Neustädtles) auf. Es bleibt also nicht viel Geld für den Erhalt. Geschweige denn für eine umfassende Dokumentation der Schicksale der dort Begrabenen. Oder die Erneuerung der Inschriften. Meist wird nur Gras gemäht, Wildwuchs entfernt und Efeu, der die Grabsteine schädigt, beseitigt. Auf dem Friedhof bei Neustädtles sollen bald einige Bäume fallen.

Auch für David Kurz und den Landesverband ist der Umgang mit den zerfallenden Grabstätten schwierig: „Sie gehörten zur jüdischen Gemeinde, waren Teil jüdischen Lebens. Doch das gibt es nicht mehr.“

Neben den genannten Friedhöfen gibt es im Landkreis Rhön-Grabfeld noch die jüdischen Friedhöfe in Mellrichstadt, Bad Neustadt, Kleinbardorf und Sulzdorf an der Lederhecke.

Abgeschiedener Ort: Der jüdische Friedhof Oberwaldbehrungen liegt mitten im Wald.
Foto: Standke | Abgeschiedener Ort: Der jüdische Friedhof Oberwaldbehrungen liegt mitten im Wald.
Ruhestätte: Imposante Grabsteine stehen auf dem jüdischen Friedhof bei Neustädtles.
Foto: Standke | Ruhestätte: Imposante Grabsteine stehen auf dem jüdischen Friedhof bei Neustädtles.
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