Bad Neustadt

Rhön-Grabfeld: Wie Corona die Erziehungsberatungsstelle kalt erwischt hat

Eltern sind durch die Corona-Pandemie und vor allem durch den Distanz-Unterricht zu Hause seit gut einem Jahr stark gefordert. Laut Markus Till leisten Eltern derzeit vieles und meistern diese Situation auf eine bewundernswerte Art und Weise.
Foto: Hanns Friedrich | Eltern sind durch die Corona-Pandemie und vor allem durch den Distanz-Unterricht zu Hause seit gut einem Jahr stark gefordert.

"Die Schilderung ist bedrückend und so manches Einzelschicksal macht betroffen." Das sagte Landrat Thomas Habermann im Ausschuss für Jugendhilfe und soziale Angelegenheiten in Bad Neustadt. Dort gab Markus Till, Leiter der Erziehungsberatungsstelle der Caritas, Einblicke in den Jahresbericht. Sein Fazit: "Die Corona-Pandemie und der Lockdown haben uns kalt erwischt."

Technische Ausstattung, aber auch das digitale Knowhow der Beratungsstelle beschränkten sich im ersten Lockdown auf Mails und telefonische Beratung, damals noch in der Hoffnung , dass dieser eine einmalige Einschränkung bleibt. Schnell wurde deutlich, wie schwierig Beratungen sind, wenn der persönliche Kontakt und der Eindruck vom Gegenüber fehlen. Die Beratungen mit Masken schafften oft eine größere Distanz. Die fehlende Mimik machte ein in Kontakt kommen oft schwer.

Videokontakte und Spaziergänge waren nur zum Teil ein Ersatz

So stellte man neben Telefon- und Mailberatungen auf Videokontakte um und bot Spaziergänge an. Markus Till: "Wir ringen derzeit immer wieder zwischen den zwei Polen 'Soviel Gesundheitsschutz wie notwendig, so viel Beratung wie möglich'." Im zweiten Lockdown wurden seit Weihnachten persönliche Beratungen möglich. Allerdings machte sich dabei bemerkbar, dass manche Eltern lieber Telefonate oder Videoberatung nutzen, andere gar keinen Kontakt aufnehmen.

Der Leiter der Erziehungsberatungsstelle berichtete, dass im ersten Lockdown Eltern und Betroffene oft erstaunlich kreativ und gelassen waren. Sie stellten sich auf die neue Situation ein und mancher berichtete von Erleichterung, da sich der Alltag entschleunigte. Ganz anders bei Familien, die schon vorher unter Druck gestanden hätten. Da eskalierten die Probleme und die Krisen spitzten sich zu. "Wir haben das zum Glück nur im Einzelfall erlebt." Allerdings befürchtet Markus Till, dass es auch in Rhön-Grabfeld einige höchstbelastende Situationen in Familien und damit meist auch Gefährdungen von Kindern oder Jugendlichen gab, von denen niemandem etwas mitbekommen hatte.

Der normale Alltag fehlt den Kindern

Durch die Schließung von Kindergärten, Schulen und anderen Betreuungseinrichtungen fehlten der Erziehungsberatungsstelle diejenigen, die die Kinder im Blick behalten konnten. Es gab damit auch keine Möglichkeit, durch die jeweiligen Einrichtungen auf die Hilfsangebote zu verweisen. "Familien, die auf Grund eines Hinweises von Kindergarten, Schule oder sonstiger sozialer Institution zu uns kommen, machen normalerweise einen Anteil von rund 40 Prozent aus." Sorgen hat Markus Till, dass immer mehr Kinder im Kindergartenalter mit verschiedensten Auffälligkeiten wie Ängste, Rückzug oder Aggressionen angemeldet werden.

Kindern fehlen die bekannten Alltagsstrukturen und sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen. Zugenommen hat die Nutzung digitaler Medien, unter anderem durch den Distanzunterricht. Oftmals komme es zu massiven Auseinandersetzungen, wenn Eltern versuchen, diesen Konsum am Nachmittag oder Abend einzuschränken. Ein Problem, das auch nach der Pandemie aktuell bleiben werde. Wichtig sei dann vor allem wieder ein geregelter Umgang mit Sport- und Musikangeboten, aber auch Freunden und gemeinsamen Freiräumen.

Die Sorgen der Familien als Gesellschaft ernst nehmen

Schon jetzt sei festzustellen, dass einige Kinder und Jugendliche deutliche Schwierigkeiten haben, sich den Tagesablauf sowie ihre schulischen Aufgaben selbst zu strukturieren und Eltern bisweilen auch auf Grund einer Mehrfachbelastung durch Homeoffice überfordert sind. Bei der Rückkehr in den Schulalltag sprach Markus Till von Schulangst und Schulverweigerern. Befürchtet wird ein Anstieg des Cannabiskonsums und der Essstörungen. Eltern würden in Überlastungsprozesse geraten, gerade wenn es wenig Ressourcen zur Entspannung und Entlastung gibt.

Der Wunsch des Leiters der Erziehungsberatungsstelle: "Als Gesellschaft müssen wir diese Belastungen für Familien, Jugendliche und Kinder ernst nehmen und da wo nötig entsprechende Unterstützung bereit halten. Vermutlich werden für diese Aufgabe mehr Ressourcen und neue Angebote notwendig werden. Das wiederum gelingt nur in einem Netzwerk."

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