Bad Neustadt

Rhön-Klinikum steigt massiv in Telemedizin ein

Wenige Wochen nach Eröffnung des Campus macht das Rhön-Klinikum einen weiteren großen Schritt in Richtung Krankenhaus der Zukunft. Patienten sollen große Vorteile haben.
Damit der Arzt eine Diagnose stellen kann, ist nicht mehr überall ein Besuch der Praxis notwendig. Manches lässt sich auch per Telemedizin erledigen (Symbolbild). Das Rhön-Klinikum in Bad Neustadt steigt nun massiv in diesen Bereich ein.
Foto: Christin Klose, dpa | Damit der Arzt eine Diagnose stellen kann, ist nicht mehr überall ein Besuch der Praxis notwendig. Manches lässt sich auch per Telemedizin erledigen (Symbolbild).

Die Rhön-Klinikum AG in Bad Neustadt will intensiv in die Telemedizin einsteigen und damit einen weiteren großen Schritt in Richtung Krankenhaus der Zukunft machen. Der Konzern will sich nach Angaben vom Donnerstag mit dem Schweizer Telemedizinanbieter Medgate zusammentun, um noch in diesem Jahr Arzt-Patienten-Kontakte via Video oder Smartphone anbieten zu können.

Zwar sind nach den Worten von Konzernsprecherin Elke Pfeifer eine Reihe technischer Details noch unklar, doch wolle das Rhön-Klinikum mit dem neuen Angebot die "wachsenden ärztlichen Versorgungslücken insbesondere im ländlichen Raum" schließen. Das passt ins Konzept des millionenschweren Klinik-Umbaus in Bad Neustadt, der unter dem Namen Campus bekannt geworden ist. Seit Dezember werden dort Patienten insbesondere in einem Zentrum für ambulante Medizin mit 30 Facharztpraxen sowie unter Einsatz neuer digitaler Hilfsmittel versorgt.

Der Campus des Rhön-Klinikums in Bad Neustadt gilt als Krankenhaus der Zukunft. Er wurde im Dezember eröffnet. Beim Tag der offenen Tür herrschte großer Andrang.
Foto: Sonja Demmler | Der Campus des Rhön-Klinikums in Bad Neustadt gilt als Krankenhaus der Zukunft. Er wurde im Dezember eröffnet. Beim Tag der offenen Tür herrschte großer Andrang.

Die geplante Zusammenarbeit mit Medgate sieht Konzernchef Stephan Holzinger als Fortsetzung des "von mir eingeleiteten digitalen Wandels der Rhön-Klinikum AG". Der Vorstandsvorsitzende will die mit Medgate beabsichtigte Telemedizin als zusätzliches Geschäftsfeld des Unternehmens etablieren.

Wie es in der Mitteilung weiter heißt, hat der Konzern am Donnerstag mit den Schweizern eine Absichtserklärung unterzeichnet, wonach ein gemeinsames Unternehmen in Deutschland gegründet werden soll. Daran werde das Rhön-Klinikum 51, Medgate 49 Prozent der Anteile halten.

Wer Medgate ist

Das vor 20 Jahren gegründete Unternehmen in Basel sieht sich als führender Telemedizin-Anbieter in Europa und will mit seinen 300 Mitarbeitern bis 2020 auch weltweit an der Spitze stehen. Medgate bietet unter anderem eine App an, mit der Patienten via Smartphone beim Arzt Termine buchen, für die Behandlung relevante Dokumente hochladen und schließlich mit dem Mediziner Video-Gespräche führen können. Der Arzt wiederum kann dann den Patienten auf die App individuelle Behandlungspläne schicken.

Wie im Detail die Medgate-Möglichkeiten am Rhön-Klinikum angeboten werden, sei noch Teil der Verhandlungen, sagte Konzernsprecherin Pfeifer auf Anfrage. "Wir werden loslegen, wenn der Vertrag unterzeichnet ist." Sie gehe davon aus, dass das "noch in diesem Jahr" geschehe.

Das gemeinsame Unternehmen mit Medgate werde dann für den gesamten Konzern mit seinen Kliniken in Bad Neustadt, Bad Berka, Frankfurt/Oder, Gießen und Marburg aktiv werden. Das Rhön-Klinikum strebt damit die Marktführerschaft in Deutschland an, wenn es um tele- und digital-medizinische Dienstleistungen geht. Der börsennotierte Konzern hat 16 700 Mitarbeiter, jährlich gut 800 000 Patienten und zählt damit zu den größten Krankenhaus-Unternehmen im Land.

Dass das Rhön-Klinikum so massiv in die Telemedizin einsteigen kann, hat auch einen rechtlichen Hintergrund. Denn im vergangenen Jahr lockerten die Ärztekammern des Bundes und Bayerns das Fernbehandlungsverbot. Damit ist für Ärzte der Weg frei geworden, auch ihnen unbekannte Patienten zum Beispiel per Video oder Telefon zu behandeln.

Der Bayerische Ärztetag änderte dazu im Oktober die Berufsordnung für die Mediziner im Freistaat. Dort ist seither geregelt, dass Ärzte bei der Behandlung von Patienten "Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen" dürfen. Eine Behandlung allein per Video und Co. sei im Einzelfall unter anderem dann erlaubt, "wenn dies ärztlich vertretbar ist".

Der Mitteilung vom Donnerstag zufolge will das Rhön-Klinikum nicht nur in Form des Gemeinschaftsunternehmens mit Medgate bei der Telemedizin Gas geben, sondern auch direkt bei den Schweizern einsteigen. Es werde derzeit eine Beteiligung an der Medgate Holding AG geprüft.

Der von der Digitalisierung getriebene Wandel des Bad Neustädter Konzern samt seiner großen Bündelung von Fachärzten an einer Adresse trägt die Handschrift von Vorstandschef Holzinger. Doch sein Vorgehen hat in Fachkreisen auch Unbehagen ausgelöst. So kritisierte der Vorsitzende des Ärztlichen Bezirksverbandes Unterfranken, Christian Potrawa, im Dezember, dass der Campus "die falschen Signale" aussende. "Eigentlich sollen die jungen Kollegen doch aufs Land."

Telemedizin ist in Unterfranken indes schon in einer Handvoll Kliniken verankert, darunter an der Uni-Klinik in Würzburg. In Bad Kissingen gibt es ein Zentrum für Telemedizin, das unter anderem in diesem Bereich forscht.

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