Bad Königshofen

Spiele ohne Fans: Der Kampf der Tischtennisprofis mit der Gefühlslage

Tischtennis ist ein Sport, der bewegt: Spieler wie Zuschauer. Nach dem erfolgreichen Wochenende mit zwei Siegen warfen wir einen Blick in die leere Shakehands Arena.
Ist nicht nur fokussiert auf den Ball, auch auf das Fortkommen seines Sports: Kilian Ort, Eigengewächs des TSV Bad Königshofen beim jüngsten Spiel gegen Grenzau.
Foto: Rudi Dümpert | Ist nicht nur fokussiert auf den Ball, auch auf das Fortkommen seines Sports: Kilian Ort, Eigengewächs des TSV Bad Königshofen beim jüngsten Spiel gegen Grenzau.

Bad Königshofens Tischtennis-Manager Andy Albert ist ein Mann mit Weitblick. Am Sonntag allerdings musste er seinen Blick nach innen richten. Und zwar bevor er in die wieder einmal zuschauerleere Shakehands-Arena fuhr. Was zieht man an, wenn ein kalter Wintertag bevorsteht und es mutmaßlich erneut weniger hitzig wird in der sonst so stimmungsgeladenen Arena? "Ich hatte lange Unterhosen, eine Skithermoweste und einen Pullover unter meinen Sonntags-Klamotten an. Die hab' ich aber auch gebraucht", befand Albert - ohne zu wissen, dass Bad Königshofen zum kältesten Ort Deutschlands in dieser Vollmondnacht avancieren würde.

Steger: Komisch, wenn man den Sieg nicht mit Fans feiern kann

Gegen den Tabellenletzten TTC Grenzau spielten die Königshöfer dann auch so, als ob sie sich schnellstmöglich wieder an den wärmenden Kachelofen zurückziehen wollten. Nach 86 Minuten stand der 3:0-Sieg fest und Kilian Ort konnte seine Betriebstemperatur mit dem Handtuch-Box-Triumph-Lauf einigermaßen konstant halten. "Wir müssen uns an diese Rahmenbedingungen gewöhnen. Das ist schon sehr komisch, wenn du einen Sieg nicht mit den Fans feiern kannst. Das hat dann den Charakter eines Trainingspiels. Sehr schade", urteilt Bastian Steger am Tag nach dem erfolgreichen Vier-Punkte-Wochenende am Frühstückstisch bei Christian Fischer.

Auch Andy Albert trauert der verpassten Atmosphäre in der Halle etwas nach: "Wenn du beim Top-Team Ochsenhausen am Freitag gewinnst, hast du am Sonntag volles Haus. Da fragst du dich schon bei dem ein oder anderen Ballwechsel 'Welcher Orkan würde jetzt wieder durch die Halle fegen'!" Aber Albert will nach vorne blicken in dieser Corona-Saison: "Wir müssen vernünftig durchspielen, für unsere Sponsoren und zahlreichen Fans am Live-Stream kämpfen. Dass dabei gerade unsere beiden Jungen, Kilian Ort und Filip Zeljko, so fokussiert sind, passt ins Bild. Und bringt Planungssicherheit." Die große Resonanz nach den beiden siegreichen Spielen auf allen Kanälen zeige ihm, dass die besondere Königshöfer Atmosphäre zwar allen fehlt, Zuschauer, Spieler und Verantwortliche allerdings aus der Corona-Situation das Beste machen. 

Glückwünsche per Whatsapp und E-Mails

"Wir können froh sein, dass wir überhaupt spielen können unter diesen Voraussetzungen", weiß auch Bastian Steger. Aus seiner Sicht greife das Hygienekonzept sehr gut. Ihm geht allerdings der direkte Kontakt zum Publikum schon etwas ab: "Das Diskutieren nach dem Spiel hat so einen Tag früher noch aufgewertet. Jetzt bekommst du eben Nachrichten oder E-Mails von Sponsoren und Fans; da weißt du, dass sie mitfiebern und bei uns dabei sind. Ich versuche auch, jede Whatsapp zu beantworten."

Das gelingt Kilian Ort nicht immer, gibt er unumwunden zu. "Speziell am Freitagabend habe ich nicht mehr geschafft, auf alles zu antworten." Das Spiel in Ochsenhausen war erst um 22 Uhr zu Ende. Zudem ist er noch mit Filip Zeljko über die A 7 heimgefahren, "wenn ich am Steuer sitz', bleibt das Handy aus!" Auch dem Bad Königshöfer fehlt das lockere Gequatsche untereinander nach dem Spiel und der Austausch mit den Fans: "Deswegen darf es nicht dazukommen, dass wir uns an die derzeitige Situation gewöhnen." Alleine die etwa 100 Fans, als die noch bei den beiden ersten Heimspielen zugelassen waren, hatten schon eine grandiose Stimmungs-Qualität hereingebracht. "Und unsere Helfer feuern uns deutlich besser an, als es in anderen Hallen der TTBL momentan Stand der Dinge ist!", sagt Ort.     

Blogger Ort kritisiert Weltranglisten-System

Den Bad Königshöfer Tischtennis-Profi bewegt derzeit aber auch ein anderer Punkt in der Tischtenniswelt. Er kann sich mit dem System der Weltrangliste überhaupt  nicht anfreunden. In seinem aktuellen Blog auf Mytischtennis kritisiert er die Pläne des Weltverbandes. "Eigentlich hätte ich nur eine Din A4-Seite schreiben dürfen, es sind aber 2,5 geworden", sagt der Sportsoldat, der derzeit in der Bundeswehr-Sportschule Warendorf seinen vierten von fünf Übungsleiter-Lehrgängen absolviert. Seiner Meinung nach haben nicht alle Spieler die gleichen Chancen in der Weltrangliste. Für Ort steht momentan Platz 198 zu Buche. In Ochsenhausen hat er den Amerikaner Kanak Jha, die Nummer 27 der Welt, geschlagen. "Das hatte aber nichts mit einer Weltklasse-Leistung zu tun, sondern eher mit den unterschiedlichen Chancen, auf Landesebene Ranglistenpunkte zu holen", erklärt er. 

"Es ist sicherlich einfacher, sich in Ozeanien Punkte über Turniere zu erarbeiten als in Asien oder Europa", sagt der 24-Jährige. "Wenn man beispielsweise 1800 Punkte holen möchte, muss man Vierter bei Olympia werden!" Ort, der durchaus zu den Top-Spielern in Deutschland zählt, hatte im vergangenen Jahr an den Nigeria Open in Lagos teilgenommen und 400 Punkte gesammelt - ein großer Aufwand für einen kleinen Schritt in der Weltrangliste nach oben. Er will nach seinem Bundeswehr-Lehrgang weiter an dem Thema dranbleiben, um an oberster Stelle auf die Ungleichbehandlung hinzuweisen.

Für sich und seinen TSV Bad Königshofen wünscht er sich zum Jahresabschluss jetzt noch viele Punkte und Gesundheit. Obwohl das mit dem vorgeschriebenen Lüften der Halle in Deutschlands kältestem Ort nicht immer einfach sein dürfte. Welche Kleidung da die beste ist,  fragt man bei Skilangläufer Andy Albert nach.

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