Nordheim

Thomas Fischer: Bankschließung trifft Nordheim hart

Ende November gehen in der VR-Bank in Nordheim die Lichter aus. Für Bürgermeister Thomas Fischer eine Katastrophe. Er geht scharf mit der Genossenschaftsbank ins Gericht.
Die Filiale der VR-Bank in Nordheim schließt am 30. November. Bürgermeister Thomas Fischer (links) und sein Stellvertreter Roberto Breunig wollen das nicht widerspruchslos hinnehmen.
Foto: Simone Stock | Die Filiale der VR-Bank in Nordheim schließt am 30. November. Bürgermeister Thomas Fischer (links) und sein Stellvertreter Roberto Breunig wollen das nicht widerspruchslos hinnehmen.

Thomas Fischer ist sauer. Seit die Volksbank Raiffeisenbank Rhön-Grabfeld angekündigt hat, die Nordheimer Bankfiliale zu schließen, hat der Bürgermeister in Gesprächen mit dem Geldinstitut nach Lösungen gesucht, den Verlust "der für die Daseinsfürsorge wichtigen Infrastruktur" zu verhindern. Ohne Erfolg. "Das ist eine Schwächung der Gemeinde und kontraproduktiv zu den Bemühungen, die Innenentwicklung in den Dörfern zu stärken", zeigt sich der Nordheimer Bürgermeister enttäuscht. Doch es bleibt dabei: Am 30. November gehen in der Filiale in der Raiffeisengasse 3 die Lichter aus.

Zum 1. Dezember dieses Jahres schließt die Volksbank Raiffeisenbank Rhön-Grabfeld fünf ihrer derzeit noch 20 Standorte im Landkreis Rhön-Grabfeld und im benachbarten Thüringen (wir berichteten). Betroffen sind in Rhön und Grabfeld die Filialen in Nordheim, Bastheim, Wollbach, Heustreu und Sulzfeld. Als Gründe führt die Genossenschaftsbank die fortschreitende Digitalisierung des Bankgeschäfts an. Wenn Bankgeschäfte zunehmend online erledigt und immer mehr Waren mit Bankkarte bezahlt werden, hat das Folgen, hatte der Vorstandsvorsitzende der Bank, Markus Merz, auf Anfrage dieser Redaktion die Ausdünnung des Filialnetzes begründet. Bürgermeister Thomas Fischer dreht die Argumentation um: "Wenn immer mehr Standorte geschlossen werden, bleibt den Kunden ja gar nichts anderes übrig als Online-Banking." 

Mit der Entscheidung der Bank nicht einverstanden

Im Gespräch mit dieser Redaktion macht er seinem Ärger Luft. "Als gewählter Vertreter für die obere Rhön bin ich mit der Entscheidung der Bank nicht einverstanden, und als Bürgermeister schon gar nicht." Eine Woche vor der Vertreterversammlung der Volksbank Raiffeisenbank Rhön-Grabfeld waren Fischer und sein Stellvertreter Roberto Breunig vom Vorstandsvorsitzenden Markus Merz und Mathias Gerstner, Bereichsleiter Privatkundenberatung, im persönlichen Gespräch über die geplante Schließung der Filiale in Nordheim informiert worden. "Da waren die Würfel aber schon gefallen", sagt Fischer. Für ihn unverständlich: "Es wurde gar nicht erst nach Wegen gesucht, wie der Standort erhalten werden kann."

Entsprechend hart sei er bei der Vertreterversammlung am 14. Oktober mit der Genossenschaftsbank ins Gericht gegangen, sagt Thomas Fischer. Und nimmt auch im Gespräch mit dieser Redaktion kein Blatt vor den Mund. Seiner Meinung nach arbeite der Vorstand der VR-Bank darauf hin, dass alle Bankstandorte außerhalb der Kreisstädte – hier bezieht er die ehemaligen mit ein – geschlossen werden. "Wo bleiben denn da der genossenschaftliche Gedanke und der Versorgungsauftrag für das flache Land?", stellt er als Frage in den Raum.

Über 25 000 Geldabhebungen im Jahr in Nordheim

Laut Markus Merz sind rund 100 Abhebungen pro Tag an einem Geldautomat nötig, um diesen unter wirtschaftlichen Aspekten zu erhalten. "Bei bis zu 80 Abhebungen pro Tag tragen wir einen Standort als Genossenschaft noch mit", so Merz im Gespräch mit dieser Redaktion. In Nordheim haben sich in den vergangenen Monaten im Durchschnitt 69 Kunden am Tag am Automaten Geld auszahlen lassen. Nicht weit entfernt vom Mindestanspruch, wie Thomas Fischer findet. Er rechnet vor: 69 Abhebungen pro Tag sind im Jahr über 25 000 Auszahlungen. Nicht wenig, wie auch sein Stellvertreter Roberto Breunig findet.

"Automat und Schalter werden in Nordheim rege genutzt", so Bürgermeister Fischer. Obgleich die Schalteröffnungszeiten in der Vergangenheit bereits auf zehn Stunden in der Woche reduziert wurden, werde das Angebot im Verhältnis zu den Möglichkeiten seiner Meinung nach sehr gut angenommen. Fischer führt dazu an, dass die Filiale in Nordheim schwarze Zahlen geschrieben habe. Markus Merz widerspricht dem vehement. "Der Standort Nordheim war in den letzten Jahren defizitär", so der Bankchef. "Von Mellrichstadt bis Fladungen unterhält die VR-Bank auf weniger als 20 Kilometern bislang vier Standorte. Der am wenigsten rentable wird nun geschlossen", macht er deutlich.

Bankgebäude steht ab Dezember leer

Für Fischer ein weiterer Punkt: Das Gebäude in der Raiffeisengasse in Nordheim gehört der VR-Bank und wird ab Dezember leer stehen, ebenso wie andere Standorte, die geschlossen werden. In Bad Neustadt hingegen soll der Standort für viel Geld ausgebaut werden. Warum könne die Bank nicht auch dezentral arbeiten und Büros nach Nordheim und in andere Dörfer verlegen? Von den Kunden werde schließlich auch verlangt, dass sie weitere Wege in Kauf nehmen. "Und wenn ich das Geschäft digitalisiere, ist es doch auch für die Angestellten egal, wo sie arbeiten", argumentiert der Bürgermeister. 

Die rund 4100 Bürger aus dem Bereich der VG Fladungen müssen künftig, wenn sie zum nächsten Bankschalter möchten, nach Ostheim fahren. Und auch die Kunden, die bislang in Nordheim Geld abgehoben haben, müssen nun nach Fladungen oder Ostheim als nächste Anlaufstationen ausweichen. Laut Thomas Fischer wurde der Automat in Nordheim auch rege von Kunden aus Sondheim, Stetten, Urspringen und Willmars genutzt. Hier ist jetzt Umdenken angesagt.

Geld beim Einkauf auszahlen lassen

Und wie sollen die Leute, die nicht mobil sind, nun an Bargeld kommen? Wie Thomas Fischer weiß, sind beim Einkauf im Rewe-Markt Auszahlungen möglich. Laut Bankvorstand Markus Merz können weitere Auszahlungsmöglichkeiten bei örtlichen Geschäften geschaffen werden. Hier wolle man auf Einzelhändler zugehen. Für den Gemeindechef ist das nicht die Lösung des Problems. Immerhin dürfe man laut Grundgesetz auf das Recht auf gleichwertige Lebensverhältnisse pochen. "In puncto Bankstandort wird aber immer mehr zentralisiert, der Rest bleibt auf der Strecke", macht Fischer seinen Standpunkt deutlich.

Aus kommunaler Sicht sei das eine Katastrophe. "In Nordheim gibt es kurze Wege zum Bäcker, zum Metzger und eben auch zur Bank. Wir investieren in eine Kita und in ein neues Baugebiet, da sind die Pläne der VR-Bank zur Schließung der Filiale kontraproduktiv", klagt der Bürgermeister. Er hatte daher gemeinsam mit seinem Amtskollegen Josef Demar aus Großbardorf ein zweites Gespräch mit den Bankvorständen gesucht, um doch noch eine Lösung für die von Schließung und Umstrukturierung betroffenen Bankstandorte zu finden. Die Verantwortlichen halten jedoch an ihrer Entscheidung fest. "Ich würde mir wünschen, dass hier auch einmal gegen den Trend gehandelt würde", sagt Thomas Fischer. Und fügt an: "Wenn ich einen Weg finden will, dann finde ich ihn."

VR-Bank hält an Entscheidung fest

Markus Merz macht dem Bürgermeister da keine Hoffnung. "Wir müssen im Sinne unserer 25 000 Mitglieder entscheiden", begründet er die Standortschließungen. Statt in ein großflächiges Filialnetz werde vonseiten der Bank in zukunftsfähige Techniken investiert, die von der großen Mehrheit der Kunden genutzt werden. "Die Entwicklung einer App ist teuer, und auch wir können einen Euro nur einmal ausgeben", so Merz. Vorstand und Aufsichtsrat haben über die Schließung der fünf Standorte entschieden, und dabei bleibe es auch. "Die Würfel sind definitiv gefallen."

Filialen der Volksbank Raiffeisenbank Rhön-Grabfeld

Filialen mit Schalter, Geldautomat und Kontoauszugsdrucker stehen den Kunden im Landkreis Rhön-Grabfeld in Bad Neustadt in der Spörleinstraße und im Stadtteil Brendlorenzen sowie in Bad Königshofen, Mellrichstadt, Ostheim und Bischofsheim zur Verfügung. Im benachbarten Thüringen sind diese Filialen auch in Meiningen und in Wasungen eingerichtet.
Beratungsbüros mit Geldautomat sind bereits in Fladungen und Oberelsbach installiert, weitere Beratungsbüros werden in Salz, Saal und Großbardorf eingerichtet. In Großbardorf gibt es aber die Ausnahme, dass hier künftig kein Geldautomat mehr steht.
Selbstbedienungsfilialen, in denen den Kunden ausschließlich ein Geldautomat zur Verfügung steht, sind künftig in Herschfeld (Rhön-Grabfeld) und in Jüchsen in Thüringen.
Die Standorte in Nordheim, Bastheim, Wollbach, Heustreu und Sulzfeld werden zum 1. Dezember 2020 geschlossen.
ski
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