Schweinfurt

Tierasyl auf dem Balkon: Besuch bei Susanne Zirkel

Kürzlich fand Oskar Rotenbucher aus Schwebheim in seinem Garten einen kleinen Specht. Das Vögelchen war am Auge verletzt und völlig erschöpft. Alleine hätte er die Nacht wohl nicht überlebt. Was tun?

Rotenbucher telefonierte herum, bis die Polizei ihm schließlich die Telefonnummer von Susanne Zirkel gab, einer staatlich geprüften Tierpflegerin im Wildpark An den Eichen, die seit 25 Jahren privat eine Krankenstation für kleine Tiere betreibt – auf dem Balkon ihrer Wohnung im blauen Hochhaus in der Harald-Hamberg-Straße.

Beim Besuch wenige Tage später ist der kleine Specht schon wieder entlassen. Er war so frech, hat den ganzen Tag gegen die Käfigstäbe geklopft, bis Susanne Zirkel die Tür öffnete und ihn fliegen ließ. Im Augenblick hat sie nur zwei Patienten. Die junge Singdrossel hat ein Badegast am Baggersee gefunden. Ein Fuß ist verkrüppelt. „Macht nichts“, sagt Zirkel, „fliegen kann sie“ und reicht ein Stückchen Hundefutter. Die Drossel sperrt den Schnabel weit auf und schon ist das Fleisch im orangenen Schlund verschwunden. Der Rest Futter kommt ins Schälchen, noch ein paar Beo-Perlen dazu (Spezialfutter für Beos), ein Mehlwürmchen zum Nachtisch und fertig ist die perfekte Mischung für Vögel, die Fleisch und Früchte verspeisen. Die Drossel lernt gerade, alleine zu fressen. Wenn sie stark genug ist, darf auch sie fliegen.

Mehlwurm-Zucht auf dem Balkon

Das kleine Grasmückchen, das durch den Vogelkäfig im Wohnzimmer hüpft, bekommt nur Mehlwürmer. Lebendige natürlich, ganz frisch vom Zoohandel oder von Susanne Zirkels eigener kleiner Zucht auf dem Balkon, die aber nicht ausreicht, wenn alle Käfige besetzt sind.

Als sie neulich zwölf Blaumeisenbabys füttern musste, die samt Nest aus dem Baum gefallen waren, musste sie ordentlich zukaufen. Glücklicherweise bekommt Susanne Zirkel seit etwa neun oder zehn Jahren einen Futterzuschuss vom Vogelschutzverein Schweinfurt. Im Gegenzug erhält der Verein eine Dokumentation über jeden Patienten.

Susanne Zirkels Wohnung ist eine von drei offiziellen Anlaufstellen in Stadt und Landkreis, die verletzte Tiere aufnehmen und versorgen. Sie selbst übernimmt kleine Vögel und andere kleine Wildtiere wie Eichhörnchen, Fledermäuse, auch mal ein Feldhasenbaby, das eine Katze angeschleppt hat oder eine Ringelnatter, die von einem Vogel angepickt wurde. Oskar Metzner versorgt in seiner Station in Schwebheim Greifvögel und Rabenkrähen. Der Tierarzt Dr. Volker Döring aus Gerolzhofen nimmt alle verletzten Tiere auf, operiert, wenn nötig und kann auch Fuchs und Reh versorgen.

Zurück zu Susanne Zirkel, die vor 30 Jahren der Liebe wegen nach Schweinfurt kam und seit etwa 25 Jahren im Wildpark arbeitet. Tiere sind ihre Freunde. Wer Hilfe braucht, bekommt sie.

Als in den ersten Jahren immer wieder Leute in den Wildpark kamen, die eine verletzte Kreatur gefunden hatten, gründete sie eine Auffangstation in ihrer Privatwohnung, die praktischerweise gleich gegenüber ihrer Arbeitsstelle liegt. Im Wildpark selbst gibt es keine Krankenstation für Findlinge. Oft packt sie morgens die Schützlinge, die alle zwei Stunden Futter brauchen, in Transportkäfige und nimmt sie mit zur Arbeit.

Manchmal erscheint es ihr selbst wie ein Wunder, wenn sie wieder einmal Winzlinge durchgebracht hat. Die drei Zwergfledermäuschen waren gerade mal so groß wie ihr Daumen, als man sie ihr brachte. Mit einer Spritze fütterte sie einen Tropfen Katzenaufzuchtmilch pro Mahlzeit. Das Männchen gab dabei immer seltsame Laute von sich, sie nannte ihn den Grantler.

Eines Tages ließ sie die drei fliegen, aber der Grantler kam noch eine Woche lang jeden Abend ins Wohnzimmer geflogen, setzte sich auf den Tisch und grantelte ein bisschen. Am letzten Abend zog er eine kurze Runde durch den Raum, flog zur Türe hinaus und ward nicht mehr zu sehen. Das hat sie sehr gerührt.

Als Laie schafft man es kaum, so winzige Babys aufzuziehen. Man muss sehr viel wissen, vor allem über Ernährung. Susanne Zirkel hat viel in der Ausbildung gelernt, anderes probiert sie einfach aus. Körnerfresser wie Tauben bekommen Siebenkorn-Babybrei. Spatzen brauchen Körner und Eiweiß.

Ihnen mischt sie ein gekochtes Eigelb unter den Körnerbrei. Fleischfressern füttert sie Mehlwürmer, größeren auch hochwertiges Hundefutter. Manchmal muss sie improvisieren. Als ihr ein Besucher aus dem Schlosspark in Werneck eines Abends einen Eisvogel brachte, der gegen ein Fenster gestoßen war, taute sie Fischstäbchen auf und kratzte die Panade ab. Eisvögel fressen halt nur Fisch. Das schöne Tier überlebte, Susanne Zirkel setzte ihn am See im Wildpark aus.

Ein großes Glücksgefühl

Die Tierpflegerin richtet ihr Leben nach den Tieren aus. Urlaub macht sie nie zwischen März und August, in der Zeit, in der Vögel brüten. Auf dem Balkon stehen so viele Käfige und Terrarien, dass nur noch Platz für einen Stuhl und ein paar Pflanzen ist.

Die Nachbarn haben nichts gegen die Station, Susanne Zirkels Mann auch nicht, schließlich bleiben die Patienten immer nur kurze Zeit. Zum Abschied sagt sie einen Satz, der erklärt, warum sie das alles auf sich nimmt: „Wenn ich sie frei lasse, habe ich immer ein großes Glücksgefühl.“

Hilfe für verletzte Tiere

Susanne Zirkel beantwortet Fragen unter suzirkelgmx.de oder Tel. (0 97 21) 32673.

Hier noch ein Tipp: nur „Nestlinge“, also Vögelchen, die halbnackt aus dem Nest gefallen sind, brauchen Hilfe. Sie sperren automatisch ihre Schnäbel auf und sie überleben bei der Tierpflegerin fast immer. Die etwas größeren „Astlinge“ sollte man nicht mitnehmen.

Eine Auffangstation für Greifvögel hat Oskar Metzner in Schwebheim, Tel. (0 97 23) 13 64. Dr. Volker Döring aus Gerolzhofen, Tierarzt und Fachtierarzt für Wildtiere, operiert verletzte Tiere, kann auch Rehe und Füchse aufnehmen. Mehr Informationen unter www.vogelschutzverein-schweinfurt.de

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