Kleineibstadt

Von der Synagoge zum Friedhof

Einstige Synagoge: Eine Exkursion des Kooperationsprojekts Landjudentum in Unterfranken zu jüdischen Orten im Landkreis führte die Besucher nach Kleineibstadt, wo die 1827 errichtete ehemalige Synagoge besichtigt wurde, die sich derzeit im Besitz der Familie Joachim befindet.
Foto: Albert | Einstige Synagoge: Eine Exkursion des Kooperationsprojekts Landjudentum in Unterfranken zu jüdischen Orten im Landkreis führte die Besucher nach Kleineibstadt, wo die 1827 errichtete ehemalige Synagoge besichtigt ...

Teilnehmer aus ganz Unterfranken nahmen am Sonntag an einer Exkursion zu jüdischen Orten in den Landkreisen Rhön-Grabfeld und Bad Kissingen teil. Organisiert wurde die Fahrt mit Teilnehmern aus der ganzen Region vom Kooperationsprojekt Landjudentum in Unterfranken unter Leitung von Tabea Bauer. So wurden unter anderem die ehemalige Synagoge in Kleineibstadt sowie der jüdische Friedhof in Neustädtles besucht.

Das im November 2011 gestartete Kooperationsprojekt Landjudentum in Unterfranken hat sich die Erhaltung und Präsentation des jüdischen Erbes im Regierungsbezirk Unterfranken zur Aufgabe gemacht.

In Kleineibstadt öffnete die Familie Joachim, welcher die ehemalige Synagoge gehört, die Türen des historischen Gebäudes für die Gäste. Kreisheimatpfleger Reinhold Albert und Elisabeth Böhrer aus Sondheim/Rhön gaben Einblick in die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde Kleineibstadt und deren Synagoge.

Schutzjuden in der Gemeinde

Die Freiherren von Münster, die in Kleineibstadt ein Schloss besaßen (es wurde im Jahr 1900 durch einen Blitzschlag zerstört), holten sich in ihre Gemeinde sogenannte Schutzjuden. 1753 besaßen die Juden in Kleineibstadt 13 Wohnhäuser. Die jüdische Gemeinde zählte damals rund 50 Mitglieder. 1832 wurden 98, 1925 nur noch 24 jüdische Einwohner in Kleineibstadt gezählt. Hauptbeschäftigung der Juden in der Gemeinde war der Handel. Sie arbeiteten aber auch als Strumpfweber, Lichterzieher, Seifensieder, Papierhändler oder Schuhmacher. Ihr Begräbnisort lag auf dem Judenhügel im benachbarten Kleinbardorf.

Die Kleineibstädter Juden besuchten zunächst die Synagoge in Kleinbardorf. 1827 errichteten sie dann eine eigene Synagoge, in deren Nachbarschaft eine jüdische Schule sowie eine Mikwe (ein rituelles Tauchbad) lagen. 1933 lebten nur noch sieben jüdische Personen in Kleineibstadt. Die jüdische Gemeinde wurde 1937 vom Verband der Bayerischen Israelitischen Gemeinden aufgelöst.

Im August 1941 wurden die letzten sechs Juden aus Königshofen nach Kleineibstadt eingewiesen. Damit lebten wieder elf jüdische Personen am Ort. Sie wurden 1942 deportiert und von den Nazis ermordet. Lediglich eine in sogenannter Mischehe lebende Frau, Jenny Stumpf, geborene Reinhold, überlebte in Kleineibstadt die NS-Zeit.

Im Mai 1937 wurde die Synagoge geräumt und für 715 Reichsmark verkauft. In dem Gebäude sollte ein Bullenstall eingerichtet werden. Auf Einspruch des Ortspfarrers kam es nicht dazu. Acht Thorarollen und die übrigen Ritualien waren dem Verband der Bayerischen Israelitischen Gemeinden nach München übergeben worden. Sie wurden beim Novemberpogrom 1938 von den Nationalsozialisten zerstört.

Das Synagogengebäude in Kleineibstadt wurde nach 1945 als Lagerhaus der Raiffeisenkasse für Kohle und chemische Dünger zweckentfremdet und 1966 an die Familie Joachim verkauft, die es nunmehr dem Fränkischen Freilandmuseum Fladungen für Museumszwecke anbot. Die ehemalige Synagoge dient gegenwärtig als Reifenlager und zeigt inzwischen erhebliche Bauschäden. Viele Bestandteile des Gebäudes sind aber noch im Originalzustand erhalten, darunter der Fußboden, die Frauenempore und die Eingangstüre. Auch sind an der Decke noch Teile des Sternenhimmels erkennbar.

Elisabeth Böhrer führte anschließend über den jüdischen Friedhof von Neustädtles. Es war der Bezirksfriedhof für die Gemeinden Oberelsbach mit Weisbach, Nordheim und Willmars. Äußerlich ist der jüdische Friedhof, der 1736 angelegt worden sein dürfte, als Waldparzelle zu erkennen. Der jüngste lesbare Grabstein ist aus dem Jahre 1938. Die älteren Grabsteine stehen im südlichen, die neueren (1885-1938) im nördlichen Teil, der angesetzt wurde.

Die älteren Grabstätten – die älteste soll von 1749 sein – sind in noch erkennbaren Reihen angeordnet, die jedoch größere Lücken aufweisen. Hier sind bereits etliche Grabsteine umgestürzt oder versunken. Im neueren Teil des Friedhofs stehen die Grabsteine in regelmäßigen Reihen. Der sehr große alte Teil beherbergt heute rund 390, der neuere Teil 113 Gräber.

Mit Ornamenten verziert

Im älteren Teil weisen die Grabsteine eine ungewöhnliche Formenvielfalt auf. Einige stehen auf Sockeln und sind reich mit Ornamenten verziert. Die neueren Steine sind im Vergleich dazu relativ schlicht gehalten und meist mit Schrifttafeln versehen. Die Inschriften sind im älteren Teil fast nur hebräisch. Manchmal sind Name und Daten in Deutsch auf der Rückseite. Auf den jüngeren Steinen ist oft auch nur deutsche Schrift zu erkennen oder hebräische auf der Vorder- und deutsche auf der Rückseite.

Schändungen des Friedhofs sind aus den Jahren 1926, 1948 und 1978 bekannt. Grabsteine sind abgebrochen, Schrifttafeln herausgebrochen oder fehlen ganz. Zur Sprache kam bei dem Rundgang auch die vor einigen Jahren geplante Anlage eines Schweinemastbetriebs in der Nähe des Neustädtleser Friedhofs, der dann doch nicht dort gebaut wurde.

Nach einer Mittagspause in Ostheim und der Besichtigung der historischen Kirchenburganlage war das nächste Ziel der Gruppe das jüdische Gemeindehaus mit Betsaal und Mikwe in Bad Kissingen. Dort wurde auch die Dauerausstellung „Jüdisches Leben in Bad Kissingen“ besucht.

Steinerne Zeugen: Elisabeth Böhrer führte die Besuchergruppe des Kooperationsprojekts Landjudentum in Unterfranken über den jüdischen Friedhof in Neustädtles. Es war einstmals der Bezirksfriedhof für die Gemeinden Oberelsbach mit Weisbach, Nordheim und Willmars.
Foto: Reinhold Albert | Steinerne Zeugen: Elisabeth Böhrer führte die Besuchergruppe des Kooperationsprojekts Landjudentum in Unterfranken über den jüdischen Friedhof in Neustädtles.
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