Hohenroth

Wie Intschu-tschuna Roland Wilms bester Freund wurde

Unser Autor Siggi Seuß sammelt gute Geschichten in Schubladen. Jetzt tauchte eine auf, wie er vor 36 Jahren die Karriere eines jungen Abenteuerschriftstellers zerstörte.
Alles selbstgemacht: Roland Wilm, mittlerweile 46-jähriger Steuerberater, hatte als Neunjähriger eine Karriere als Abenteuer-Schriftsteller geplant. Zu seinen gesammelten Werken zählt auch der dritte und letzte Band zu seinem Lieblingsindianer Intschu-tschuna.
Foto: Siggi Seuss | Alles selbstgemacht: Roland Wilm, mittlerweile 46-jähriger Steuerberater, hatte als Neunjähriger eine Karriere als Abenteuer-Schriftsteller geplant.

Oktober 1984. Ein ganz normaler Arbeitstag in der Redaktion der Rhön- und Saalepost: Zehn Neustädter Schäferhunde genügen den Anforderungen der Xaver-Gruber-Gedächtnisprüfung. Das IHK-Gremium veröffentlicht einen Appell zur Zonenrandförderung. In der Schönauer Bergstraße wächst eine Sonnenblume aus dem Schornstein. Eine Würgeschlange ist die Attraktion bei der Reptilienschau in der Neustädter Stadthalle. Das Trinkwasser in Oberelsbach – eine Katastrophe!

Gewitzt und voller Zuversicht: Roland Wilm als neunjähriger Jung-Autor.
Foto: Siggi Seuss | Gewitzt und voller Zuversicht: Roland Wilm als neunjähriger Jung-Autor.

Da betritt eine junge Frau die Redaktion mit einem Karton unter dem Arm. Sie stellt sich vor. Sie lebe in Hohenroth, sei Mutter eines neunjährigen Knaben und müsse uns unbedingt etwas zeigen. Na dann, bitte. Ich bin froh über jede Ablenkung, die mich vom Schreiben des Berichts über die jüngste Oberelsbacher Wasserverunreinigung („Nur die Bakterien haben Freude am Trinkwasser“) abhält. Die junge Mutter, Frau Wilm, öffnet die Schachtel. Ein seltsamer Schatz kommt zum Vorschein: Ein Stapel, mittels Büroklammern und Klebeband gebundener karierter Heftchen – die meisten im Format DIN A 5.

Schöpferisch: Roland Wilm schrieb und illustrierte seine Werke - jedes Heft ein Unikat.
Foto: Siggi Seuss | Schöpferisch: Roland Wilm schrieb und illustrierte seine Werke - jedes Heft ein Unikat.

„Die hat mein Sohn Roland geschrieben und gezeichnet, Abenteuergeschichten, die ihm so einfallen, wenn er wieder mal einen Karl-May-Band verschlungen oder Pumuckl im Fernsehen gesehen hat. Dann setzt er sich in sein Zimmer, stundenlang, und schreibt und schreibt und malt und zeichnet. Und am Ende heftet er die Geschichten zu kleinen Broschüren zusammen, die ein bisschen aussehen wie Micky-Maus-Comics.“

Professionell: Schon mit neun Jahren hat Roland Wilm von Werk zu Werk einen Cliffhänger eingebaut.
Foto: Siggi Seuss | Professionell: Schon mit neun Jahren hat Roland Wilm von Werk zu Werk einen Cliffhänger eingebaut.

Vor mir lagen die künstlerischen Werke eines gerade mal Neunjährigen. Damals war ich sprachlos angesichts der überbordenden Fantasie dieses jungen Schriftstellers. Egal, ob ihn Karl May oder Pumuckl inspirierte, egal, wie viele Stereotype die Geschichten bedienten: ein Drittklässler, der sich freiwillig in sein Kämmerchen zurückzog und seiner Fantasie auf dem Papier freien Lauf ließ, so einer war mir noch nicht über den Weg gelaufen. Mehr als drei oder vier Seiten freier Aufsatz  bei Lehrer Kopp in der 4. gemischten Klasse kamen bei mir nicht zustande. Und die technischen Zeichnungen von Ozeanriesen, Eisenbahnbrücken und Lawinenauffangstationen schafften es nie auf den Schreibtisch eines internationalen Stararchitekten.

Und jetzt lagen auf dem Schreibtisch eines nicht ganz so internationalen Lokaljournalisten hunderte, in feinen Druckbuchstaben mit Bleistift geschriebene Seiten Abenteuer, Intschu-tschuna I, Intschu-tschuna II, Intschu-tschuna III, Der edelste Apache, Old Death I, Old Death II, Der Knabe der Creek, Die Banditen, Der elende Mörder, Tommi Huck, Meister Eder und sein Pumuckl, Super-Micky Maus, Robin Hood. Und ich hatte es in der Hand, die Karriere des jungen Talents nachhaltig zu befördern. Eine Sonderseite in der Wochenendbeilage des Heimatblattes - wer weiß, vielleicht würde irgendein wichtiger Literaturagent davon Wind kriegen. Rolands Künstlerkarriere stünde nichts mehr im Wege. Hochschule für Bildende Künste. Germanistikstudium. Oder Seiteneinsteiger als Autor und Illustrator mit Festvertrag bei Carlsen Comics. Internationale Karriere. Ruhm und Ehre. Geld.

„Kommen Sie dann nochmal vorbei?“ -„Hab keine Ahnung. Bin völlig offen.“
Roland Wilms Reaktion auf die Frage seiner Assistentin nach seiner künftigen Karriere-Planung.

Aber nein. Die Hefte landeten in einer  Schreibtischschublade. Wurden vergessen. Ich beendete kurze Zeit später die Arbeit in der Redaktion, packte die Sachen aus dem Schreibtisch hurtig zusammen und lagerte Kartons und Akten zuhause auf dem Dachboden ein. Roland Wilms Geschichten wurden nie veröffentlicht, weil ein Lokaljournalist mit tausend anderen Themen des Alltags zu tun hatte, mit Ehescheidung, Umzug und anderem Krimskrams, und darüber die wahren Dinge des Lebens vergaß.

Bis – ja, bis nach langen, langen Jahren im Rahmen einer jener periodisch wiederkehrenden Aufräumaktionen im Hause des Journalisten ein Karton zu Tage befördert wurde: Roland Wilms Schätze, 36 Jahre im Dunkeln gereift. Großes Erstaunen. Noch größerer Schreck. Und allergrößtes schlechtes Gewissen. Habe ich durch Nachlässigkeit und Ignoranz eine große Karriere verhindert? Wurde eine aufblühende Künstlerseele ein für allemal verletzt? Irrt der nun 46-jährige Roland hilflos durch die Welt, auf der Suche nach sich selbst? Lebt er, vom Gram über die einst zerstörte Hoffnung gebeugt – oh Schreck! - in tiefer Depression? Oder schreibt er gar aus Verzweiflung unter Pseudonym Lore-Groschenromane?

Im Internet finde ich keinen Schriftsteller oder Illustrator seines Namens. Dafür Eintragungen unter „Steuerkanzlei Wilm Roland, Dipl.-Kfm., 97616 Hohenroth“. Hohenroth! Erstes großes Aufatmen: „Das muss er sein!“ Er hat die Schmach von damals überlebt. Aber – Steuerberater??? (Sämtliche Klischeeschubladen öffnen sich, von Geisterhand betätigt, gleichzeitig.) Vorvorgestern ritt er noch verwegen durch die Prärie, heute sitzt er am Schreibtisch und beschäftigt sich von früh bis spät mit dem Unternehmens-Steuerreform-Fortführungsgesetz, mit Einnahmen-Überschussrechnungen, mit Anlagenverzeichnissen und Bemessungsgrundlagen unter Berücksichtigung der Freigrenze.

Geprägt: Seit jüngsten Jahren war Roland Wilm im Wilden Westen unterwegs, wie beispielsweise hier am Silbersee.
Foto: Siggi Seuss | Geprägt: Seit jüngsten Jahren war Roland Wilm im Wilden Westen unterwegs, wie beispielsweise hier am Silbersee.

Anruf bei dem vermutlich von Sachzwängen umzingelten Mann. „Raten Sie mal, was ich Ihnen gleich erzählen werde.“ - „Dreht es sich um eine Frage zur Förderung von Fotovoltaikanlagen?“ - „Nein, weit gefehlt. Es geht um Intschu-tschuna.“ Ich lese ihm die dem „Ölprinz“ entnommenen ersten Worte aus „Intschu-tschuna III“ vor: „Wer auf dem gewöhnlichen Weg von Paso del Norte über den Colorado-River nach Kalifornien hinüber wollte ...“ - Aufschrei am anderen Ende der Leitung. Dann Gelächter. Der Mann fällt hörbar aus allen Wolken und lacht und lacht und kriegt sich nicht mehr ein. Das klingt nicht nach falscher biografischer Weichenstellung von Jahrzehnten, geschweige denn nach Depression.

Überrascht: Was hab' ich damals angestellt - Roland Wilms Reaktion auf seine gesammelten Werke, die ihm nach 36 Jahren plötzlich wieder auf den Schreibtisch flatterten. 
Foto: Siggi Seuss | Überrascht: Was hab' ich damals angestellt - Roland Wilms Reaktion auf seine gesammelten Werke, die ihm nach 36 Jahren plötzlich wieder auf den Schreibtisch flatterten. 

Wir treffen uns zu einem klärenden Gespräch. Roland Wilm sieht nicht aus wie Lex Barker, auch nicht wie Pierre Brice. Dunkler Anzug. Reinweißes, akkurat gebügeltes Hemd. Sehr gepflegte Erscheinung. Sagen wir mal: schütteres Haar. Die für dieses Alter übliche Ausformung einer gewissen Genussregion. Er ist ausgesprochen freundlich, aufmerksam und vor allem: vergnügt.  Kurzfassung seines Werdegangs nach den Ereignissen vom Oktober 1984 (das wäre eine andere Geschichte wert): Abenteuererzählungen hat Roland damals noch ein, zwei Jahre geschrieben. Dann ändern sich Interessen und Erwartungen („Lern was G'scheits!“). Realschule. Technisches Zeichnen-Lehre bei Siemens. Unglücklich im Beruf. Vater bestärkt ihn, Steuerberater zu werden. Roland holt das Abitur nach. Studiert BWL in Nürnberg. Publiziert während des Studiums gewinnbringend Sachtexte aus selbst geschriebenen Vorlesungsprotokollen. Wird Steuerberater. Gründet eine eigene Kanzlei. Dann eine Familie. Engagiert sich seit Jahren leidenschaftlich in Sachen Umweltschutz und erneuerbare Energien. Verfasst gerne mal nebenbei satirische Glossen. Reitet aber schon seit Mitte der 1980er Jahre nicht mehr neben Intschu-tschuna Richtung Sonnenuntergang. Das heißt: Eigentlich ritt er nie mit Herzblut und Leidenschaft auf dem gewöhnlichen Weg von Paso del Norte über den Solzbach zum Veitsberg, durch die doch etwas karge Hohenrother Prärie. Er schlurfte eher zwei Meter vom Leselager im Kinderbett zum Schreibtisch, um seine Fantasie mühelos und ohne Umwege zu Papier zu bringen.

Trotzdem runzelte vergangene Woche Wilms Assistentin die Stirn, als er ihr mitteilte, er treffe sich mit einem Journalisten, wegen seiner ruhmreichen Vergangenheit als Abenteuerschriftsteller. Sie: „Kommen Sie dann nochmal vorbei?“ - Er: „Hab keine Ahnung. Bin völlig offen.“ - Sie: „Ich meine: Kommen Sie dann noch mal als Steuerberater hier vorbei?“ - Er: „Um Gottes willen! Selbstverständlich ja. Ich hab nicht vor, mein Leben umzukrempeln!"

Unerschöpflich: Wenn Intschu-tschuna mal keine Zeit hatte, zog Roland Wilm mit Old Death durch die Prärie.
Foto: Siggi Seuss | Unerschöpflich: Wenn Intschu-tschuna mal keine Zeit hatte, zog Roland Wilm mit Old Death durch die Prärie.
Wieder ans Licht gebracht: Roland Wilm nimmt seine gesammelten Werke freudig überrascht in Empfang.
Foto: Siggi Seuss | Wieder ans Licht gebracht: Roland Wilm nimmt seine gesammelten Werke freudig überrascht in Empfang.
Kreativ: Auch als Zeichner und 'Buchmacher' war Roland Wilm versiert.
Foto: Siggi Seuss | Kreativ: Auch als Zeichner und "Buchmacher" war Roland Wilm versiert.
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