Schweinfurt

1972: Warum Schweinfurt bei der Gebietsreform fast leer ausging

Schweinfurt bekam als einzige kreisfreie Stadt bei der bayerischen Gebietsreform keinen Quadratmeter besiedeltes Gebiet. Das wirkt sich auch heute noch stark aus.
Ausverkauft sind die Industrieflächen im Schweinfurter Industrie- und Gewerbepark Maintal. Aufgefüllt wird dort nur noch für das Gewerbe, das (wegen Lärmschutz) noch an der Verbindungsstraße Grafenrheinfeld-Gochsheim bauen darf.
Foto: Gerd Landgraf | Ausverkauft sind die Industrieflächen im Schweinfurter Industrie- und Gewerbepark Maintal. Aufgefüllt wird dort nur noch für das Gewerbe, das (wegen Lärmschutz) noch an der Verbindungsstraße Grafenrheinfeld-Gochsheim ...

Schweinfurt bekam als einzige kreisfreie Stadt bei der bayerischen Gebietsreform in den Jahren 1971 bis 1980 keinen Quadratmeter besiedeltes Gebiet. Lediglich das Areal des heutigen Industrie- und Gewerbeparks "Maintal" erweiterte das Stadtgebiet auf Kosten der Gemeinde Grafenrheinfeld, welche schon den Wegfall von ehemals ebenfalls landwirtschaftlich genutzten Flächen für das Kernkraftwerk (Baubeginn 1974) zu verkraften hatte. 

Oberbürgermeister Sebastian Remelé stuft den "außerordentlich sparsamen" Zuwachs vor 50 Jahren aktuell als "großen Hemmschuh" für den Bestand und die Fortentwicklung von Schweinfurt als regionales Zentrum ein. Wie sehr man Fläche brauche, um agieren zu können, habe gerade das Maintal nach der Krise in der Großindustrie in der ersten Hälfte der 1990er Jahre gezeigt, so Remelé. Stattgefunden habe der damals nötige Sturkturwandel in und durch das Entwicklungsgebiet Maintal.

Entwicklungsflächen fehlen

Nach dem Umbau der einst von der US-Armee genutzten Flächen stoße die Stadt nun endgültig an ihre Grenzen. Nur noch an der Mönchskutte (zwischen Eselshöhe und Hainig) und bei Oberndorf sei an eine Umwandlung der letzten Äcker und Wiesen auf Stadtgebiet möglich. Um die Situation zu veranschaulichen nennt der OB Zahlen. Die kreisfreie Stadt Ansbach hat 41 850 Einwohner auf 99,92 Quadratkilometern, Schweinfurt 54 030 Bürger auf 35,71 Quadratkilometer – und ist damit ähnlich groß wie Grettstadt (4238 Einwohner auf 34,9 Quadratkilometer). Anzeichen für ein Nachbessern durch die Landespolitik sieht Remelé nicht. Die Stadtrandgemeinden seien selbstständig und wollten dies auch bleiben.

2010 hatte die Lokalredaktion des Schweinfurter Tagblatts recherchiert und mit Zeitzeugen aus Politik und Stadtverwaltung über die Gebietsreform gesprochen. Während es für die meisten Sozialdemokraten eine klare Sache ist, dass das schwarze München dem von einem SPD-Oberbürgermeister Georg Wichtermann regierten Schweinfurt nichts hatte gönnen und den CSU-Bürgermeistern der Stadtrandgemeinden nicht vor den Kopf habe stoßen wollen, bevorzugen die Christlich-Sozialen die Version, wonach die SPD ein Wachsen der Stadt durch die Vororte hatte verhindern wollen, weil sich ansonsten die Mehrheitsverhältnisse geändert hätten und aus dem roten ein schwarzes Rathaus geworden wäre.

Zeitzeugen haben unterschiedliche Begründungen

Die Recherchen der Redaktion führten immer wieder zu dem damaligen Staatssekretär Erwin Lauerbach, der nicht nur in der CSU als Macher und Machtmensch galt und der davon überzeugt war, dass er das Schweinfurter Rathaus auch ohne Schützenhilfe aus den Stadtrandgemeinden gewinnen werde. Der starke Auftritt von Lauerbach verdeckte damals und noch Jahre danach ganz andere Zwänge, die der Lage am Zonenrandgebiet geschuldet waren.

Der Landkreis Schweinfurt war und ist ein "Kragenlandkreis", also das Umland einer kreisfreien Stadt. Über die Zukunft der Kragenlandkreise wurde damals heftig diskutiert. Diesen fehlten viele Einrichtungen, darunter die weiterführenden Schulen, die es auch im Fall Schweinfurt nur in der Stadt gab. Eine Lösung wäre das Zerschlagen des Landkreises gewesen, wovon die Stadt und die benachbarten Landkreise profitiert hätten. Ein solches Vorgehen war bei all dem sich abzeichnenden Ärger bei der Gemeindegebietsreform jedoch allseits unerwünscht.

Keine Eingriffe am Zonenrand

Doch ohne die großen Stadtrandgemeinden Dittelbrunn, Niederwerrn, Bergrheinfeld oder etwa Sennfeld wäre der Landkreis Schweinfurt in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht, weswegen eine Entschädigung mit Maßbach, Rannungen und Poppenlauer erörtert wurde. Dem damit geschwächten Kreis Bad Kissingen wollte die Politik allerdings keine Gebiete aus Rhön-Grabfeld geben, denn Eingriffe in das Zonenrandgebiet (und in die Zonenrandförderung) galten als tabu. So blieb alles wie es war und die Stadt Schweinfurt bekam keinen einzigen Quadratmeter besiedeltes Gebiet. 

Der ehemalige Oberbürgermeister Kurt Petzold (rechts) mit dem aktuellen Amtsinhaber Sebastian Remelé beim Neujahrsempfang der Stadt Schweinfurt 2020.
Foto: Anand Anders | Der ehemalige Oberbürgermeister Kurt Petzold (rechts) mit dem aktuellen Amtsinhaber Sebastian Remelé beim Neujahrsempfang der Stadt Schweinfurt 2020.

Kurt Petzold (1972 Stadtkämmerer und von 1974 bis 1992 Oberbürgermeister) hatte für ein größeres Schweinfurt (80 000 Einwohner) gekämpft und schon 1970 im Auftrag von OB Georg Wichtermann die Eingliederung von Dittelbrunn, Niederwerrn und Sennfeld vorbereitet. In München und Würzburg sei dieser Gedanke lange auf offene Ohren gestoßen, so Petzold im Jahr 2010. Für den Rückzieher in letzter Minute sei möglicherweise Lauerbach verantwortlich, so der ehemalige Oberbürgermeister.  

Überraschende Wende

Im Jahre 2010 war in der Erinnerung von Hans Gerhard Stockinger (langjähriger CSU-Vorsitzender in Schweinfurt, Landtagsabgeordneter von 1990 bis 2008) ebenfalls Erwin Lauerbach der Spielmacher. Dieser habe abgeblockt. Über eine Reduzierung der Anzahl der Landkreise am Main und in der Rhön sei alsbald nicht mehr gesprochen worden, auch nicht darüber, dass man Schweinfurt-Land als Ausgleich für Abtretungen an die Stadt mit Arnstein, Volkach und/oder Thundorf hätte entschädigen können.  

Weder die Ortschaften, noch die Stadt und schon gar nicht der Landkreis hätten damals eine Änderung "so richtig gewollt", meinte vor zehn Jahren Edgar Lösch, der 1972 das städtische Bauverwaltungsamt leitete. Werner Hollwich, Landtagsabgeordneter für die SPD von 1978 bis 1994, stufte die CSU als Verhinderer ein, da ein um Sennfeld, Niederwerrn und Dittelbrunn gewachsenes Schweinfurt neu hätte wählen müssen und die CSU gegen den damals 63-jährigen Georg Wichtermann chancenlos gewesen wäre. 

Selbstständig am Stadtrand

Karl-Heinz Nätscher (CSU-Landtagsabgeordneter von 1978 bis 1998) verwies (wie auch Stadtkämmerer Paul Eichhorn) auf die soliden Finanzen der Stadtrandgemeinden, die sich selbstständig hätten behaupten können und darauf, dass ohne Dittelbrunn die Großgemeinde Dittelbrunn mit Hambach, Pfändhausen und Holzhausen gescheitert wäre, Niederwerrn und Oberwerrn zusammengehörten und Sennfeld bestens auf eigenen Beinen stand.

Gebietsreform in Unterfranken: Statt 7004 nur 2050 Gemeinden
Mit der Gebietsreform (1971 bis 1980) sollten die Gemeinden und die Landkreise im Freistaat leistungsfähiger aufgestellt werden. Zentrales Anliegen des Kabinetts unter Ministerpräsident Alfons Goppel war die Vergrößerung der Verwaltungseinheiten, wovon man sich mehr Professionalität und Effizienz versprach. Mit der Reduzierung von 7004 auf nur noch 2050 Gemeinden sollte zudem ein Abbau von Dienstleistungen in den kleinen Ortschaften verhindert werden.
Schon Mitte der 1960er Jahre kam der Ruf nach einer Reform der Kommunalverwaltung und der Gemeindeordnung (von 1952) nicht nur von der CSU, sondern auch von der oppositionellen SPD, die allerdings in größeren Kategorien dachte. Die Regierungspartei setzte mit ihrer Mehrheit jedoch auf die bisherige Gliederung und damit auf drei Ebenen: die Gemeinden, die Landkreise und kreisfreien Städten sowie auf die Regierungsbezirke. Zu Beginn der sechsten Wahlperiode des Landtags stufte 1967 Alfons Goppel die Reform als wichtigste innenpolitische Ausgabe der Legislaturperiode ein.
Unter Bruno Merk, Staatsminister des Inneren, wurde die Neuordnung in zwei Abschnitte aufgeteilt: die Gestaltung der Landkreise und kreisfreien Städte (1972) und die kommunale Gebietsreform, die ab 1972 zuerst auf freiwilliger Basis durchgeführt wurde und im Jahr 1978 mit Zwangseingemeindungen endete. Die Zahl der Landkreise wurde von 143 auf 71 reduziert. Von ehemals 48 kreisfreien Städten blieben 23.
Zu politischen Streit führte danach vor allem die Gemeindegebietsreform. Bürger leisteten Widerstand, etwa in Ermershausen im Landkreis Haßberge, wo 1978 mehre Hundertschaften der Polizei den Ort stürmten, nachdem Einwohner das Rathaus verbarrikadiert hatten. Viel Ärger kam in Unterfranken auch bei der Frage auf, wer Kreisstadt von Main-Spessart werden sollte. Das größere Lohr hatte sich Hoffnung gemacht, doch Karlstadt kam zum Zuge. Zu den ersten großen Fusionen unter gleich mehreren Ortschaften kam es im Landkreis Haßberge, wo Rauhenebrach aus neun Dörfern entstand: Falsbrunn, Fürnbach, Geusfeld, Karbach, Koppenwind, Obersteinbach, Theinheim, Untersteinbach und Wustviel.
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