Grafenrheinfeld

Atomrisiko: Zwischenlager laut BUND vor Terrorangriffen nicht geschützt

Das Zwischenlager am Atomkraftwerk Grafenrheinfeld.
Foto: Anand Anders | Das Zwischenlager am Atomkraftwerk Grafenrheinfeld.

42 Castorbehälter mit hoch-radioaktivem Abfall sind am stillgelegten Atomkraftwerk Grafenrheinfeld (Lkr. Schweinfurt) zwischengelagert. „Jeder enthält soviel Cäsium, wie 1986 bei der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl freigesetzt wurde.“ Bereits die Freisetzung eines Teiles davon würde eine hohe radioaktive Belastung darstellen. Die Analyse von Diplom-Physikerin Oda Becker in ihrer 2017 im Auftrag des BUND erstellten Studie zu den Gefahren und Problemen in deutschen Zwischenlagern für hoch-radioaktive Abfälle sieht Gefahren-Potenzial und Sicherheitslücken.

„Wir müssen hingucken, nicht weggucken“, sagt Babs Günther vom Schweinfurter Aktionsbündnisses gegen Atomkraft. Und damit die Öffentlichkeit hinguckt, hat man die Physikerin zu einer Informationsveranstaltung ins Kolping-Bildungszentrum in Schweinfurt eingeladen. Rund 50 Interessierte sind gekommen. Unter ihnen Bürgermeister, Stadträte und Gemeinderäte der Anliegergemeinden, Vertreter von Vereinen und Verbänden und besorgte Bürger.

88 genehmigte Stellplätze für Castoren mit abgebrannten Brennelementen aus dem Betrieb des AKW gibt es in Grafenrheinfeld. Becker sieht Defizite nicht nur bei der Sicherung, sondern vor allem bei der Sicherheit der Zwischenlager. Als diese gebaut wurden, hatte man Terroranschläge noch nicht auf dem Schirm.

Und als BELLA (Brennelementbehälterlager) im Februar 2006 in Grafenrheinfeld in Betrieb ging, glaubte man noch, dass Castoren kein attraktives Ziel für Terroristen seien. Heute ist das anders. „Das BKA sagt, dass in Deutschland Anschläge auf Atomanlagen nicht mehr auszuschließen sind.“

Eine bewaffnete Terrorgruppe ist in der Lage, in die Halle einzudringen“

Die Atommüll-Zwischenlager sind bei Terrorangriffen nicht geschützt, sagt Diplom-Physikerin Oda Becker. In Schweinfurt stellte sie ihre für den BUND erstellte Studie über aktuelle Probleme und Gefahren bei deutschen Zwischenlagern vor.
Foto: Irene Spiegel | Die Atommüll-Zwischenlager sind bei Terrorangriffen nicht geschützt, sagt Diplom-Physikerin Oda Becker. In Schweinfurt stellte sie ihre für den BUND erstellte Studie über aktuelle Probleme und Gefahren bei deutschen ...

„Man braucht nicht viel TNT, um die 55 Zentimeter starke Decke des Zwischenlagers zu sprengen“, verdeutlicht Becker die Gefahr. 2010 hätten sich Behörden und Betreiber zwar auf die Nachrüstung der Zwischenlager mit zusätzlichen Mauern und Schleusen am Eingangsbereich verständigt, doch der Schutz gegen potenzielle Terrorangriffe sei auch mit diesen baulichen Nachbesserungen nur unzureichend.

Für Grafenrheinfeld seien sie zudem noch gar nicht genehmigt. „Eine bewaffnete und entschlossene Terrorgruppe ist in der Lage, in die Halle einzudringen“, ist Becker überzeugt.

Auch vor einem gezielten Flugzeugabsturz seien die Castoren nicht geschützt. Laut Becker halten sie eine Temperatur von 800 Grad Celsius über 30 Minuten stand. Wenn Kerosin in Brand gerät, entstehen aber Temperaturen von bis zu 1200 Grad Celsius. Die Dichtungen an den Castordeckeln könnten versagen und erhebliche Radioaktivität freigesetzt werden. „Das Risiko ist zu groß, wir müssen jetzt handeln.“

Vor allem auch vor dem Hintergrund, dass die Genehmigungen für die Atommüllzwischenlager auf 40 Jahre befristet sind – für Grafenrheinfeld läuft diese 2046 aus – bis dahin aber kein Endlager in Sicht ist. Bei optimistischer Zeitplanung würde dieses in 70 Jahren zur Verfügung stehen, bei pessimistischer Einschätzung erst im nächsten Jahrhundert, zitiert Becker Experten der Endlagerkommission. „Die Zwischenlagerung der Castorbehälter kann also noch mehr als 110 Jahre andauern.“

10 500 Tonnen hoch-radioaktive Abfälle

Und das wirft ein weiteres großes Problem auf: Die Zwischenlagerung von hoch-radioaktivem Material über mehr als 50 Jahre ist überhaupt nicht erforscht, die Überprüfung des Behälterinnenraums bisher gar nicht vorgesehen und eine heiße Zelle für eventuelle Reparaturen an den Castorbehältern nirgends vorhanden.

Derzeit lagern 10 500 Tonnen hoch-radioaktive Abfälle an zwölf Standortzwischenlagern, in drei zentralen Zwischenlagern und im Zwischenlager Jülich, das obendrein wegen der fehlenden Erdbebensicherheit seit vier Jahren ohne Genehmigung der Aufsichtsbehörde ist. „Und was passiert?“, fragt Becker in die Runde. „Nichts, weil wir keine Alternative haben.“

Die Atomsicherheitsexpertin zieht den Schluss, dass ein erweiterter Strahlenschutz für die Bevölkerung dringend nötig ist. Sie fordert eine Neubewertung des Zwischenlagerkonzeptes, denn bis jetzt basiere dieses auf „Durchmauscheln“.

Drei Optionen werden für ein neues Zwischenlagerkonzept diskutiert: Entweder alle vorhandenen Zwischenlager bleiben bestehen und weitere werden noch gebaut, oder es werden nur an ausgewählten Standorten welche errichtet, oder aber man baut ein großes Zwischenlager als Eingangslager am vermutlichen Endlager. Dort würden dann nach Rückbau aller AKWs 1900 Castorbehälter stehen und auf ihre Endlagerung warten. „Die Leute dort werden durchdrehen“, hält Becker diese Lösung für unrealistisch.

Welche Variante letztlich die risikoärmste für Mensch und Natur ist, das müsse in einem öffentlichen Prozess ermittelt werden, an dem die Menschen an den Zwischenlager-Standorten beteiligt werden. „Wir müssen jetzt, 2018, damit anfangen“, mahnt Becker, „um noch rechtzeitig reagieren zu können.“

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