Schweinfurt

Ausbildung und Corona: Kochsendung und Inventur statt Trubel

Wie eine Ausbildung im Hotel stattfindet, wenn fast keine Gäste da sind, erklärt Hotel Ross-Inhaber Julius Süß. Die Fachkräftesicherung der Branche ist massiv gefährdet.
Alina Vahtanina hat ihre Ausbildung im Hotel Ross im Februar erfolgreich abgeschlossen. Ihr Tablet bleibt wegen der geringen Gästezahl aber weiterhin erstmal leer.
Foto: Steffen Krapf | Alina Vahtanina hat ihre Ausbildung im Hotel Ross im Februar erfolgreich abgeschlossen. Ihr Tablet bleibt wegen der geringen Gästezahl aber weiterhin erstmal leer.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) schlägt seit Monaten Alarm: "Die Ausbildung in Hotellerie und Gastronomie leidet massiv unter der Corona Pandemie", schreibt der Verband auf seiner "Corona"-Homepage. Die Zahl der abgeschlossenen neuen Ausbildungsverträge in den gastgewerblichen Berufen erlitt im vergangenen Jahr ein Minus von 24,1 Prozent, laut Zahlen des DIHK. Durch die seit dem Lockdown im letzten November weiterhin fehlenden Öffnungsperspektiven in der Gastro, rechnet die DEHOGA für das kommende Ausbildungsjahr 2021/22 mit der "Zurückhaltung" der Unternehmen, wenn es darum geht neue Ausbildungsplätze zu vergeben. Das würde unter anderem auch die Fachkräftesicherung der Branche massiv gefährden.

Als Positiv bewertet der Verband dagegen "trotz der extremen Erschwernisse" die Durchführung der betrieblichen Ausbildung in den Unternehmen. Diesen Eindruck bestätigt auch das Hotel Ross am Georg-Wichtermann-Platz in der Schweinfurter Innenstadt. Das Hotel hat geöffnet, allerdings ist trotzdem nichts wie vor der Pandemie. Die Auslastung beträgt derzeit nur rund 15 Prozent, an den Wochenende herrscht gespenstische Leere im Haus. Auch die Arbeitszeiten für das Personal haben sich komplett geändert, der Kontakt zu den Gästen wird auf ein Minimum reduziert.

Mehr Kreativität und Zeit Dinge auszuprobieren

Zwei Koch- und drei Hotelfachfrauen und -männer werden derzeit im Hotel Ross ausgebildet. Manchmal ist er während der Pandemie nur mit den Auszubildenden im Hotel, erzählt Inhaber Julius Süß. "Die Kochauszubildenden können gerade viel mehr eigenkreativ sein, viel mehr selbst ausprobieren als sonst", berichtet er. Dabei leisten auch manchmal Kochsendungen oder der hauseigene prallgefüllte Rezepte-Ordner Abhilfe.

Gut polierte Gläser sind garantiert. Yennifer Delgado steht derzeit beim Hotel Ross in ihrem dritten Lehrjahr als Hotelfachfrau.
Foto: Steffen Krapf | Gut polierte Gläser sind garantiert. Yennifer Delgado steht derzeit beim Hotel Ross in ihrem dritten Lehrjahr als Hotelfachfrau.

Auch die Hotelfachauszubildenden können die Entschleunigung im Hotel nutzen, um in Bereichen, wie der Rezeption, ihre Erfahrungen zu sammeln und viele Einblicke in das Hotelgeschehen zu bekommen, wofür in Normalzeiten meist wenig Zeit bleibt. Der Hauptteil der Ausbildung bewegt sich gewöhnlich im Servicebereich, in Küche, Etage und Rezeption wird sonst nur reingeschnuppert – jetzt kann alles ausführlicher behandelt werden. Die Auszubildenden müssen zudem mehr Verantwortung übernehmen, da insgesamt weniger Personal anwesend ist.

Irgend eine Inventur steht immer an

Statt Kunden bedient, wird derzeit auch oft und häufig gezählt. Irgendeine Inventur steht wohl immer an. Eine angemessene Ausbildung kann trotz der Situation gewährleistet werden, ist sich Süß sicher – mit einer kleinen Einschränkung: "Für die Ehrgeizigen, die auch in der Lage sind selbstständig zu arbeiten, für die klappt das – auch mit dem Online-Unterricht." Das große Problem sieht er in der fehlenden Praxis für die Auszubildenden. Süß, der als Chef ein nahes Verhältnis zu seinen Azubis pflegt, spricht viel mit ihnen, vieles das derzeit nicht stattfindet wie gewohnt, wird dafür theoretisch erörtert.

Wein wird derzeit leider viel zu wenig serviert. Pascal Reinhard steht derzeit beim Hotel Ross in seinem dritten Lehrjahr.
Foto: Steffen Krapf | Wein wird derzeit leider viel zu wenig serviert. Pascal Reinhard steht derzeit beim Hotel Ross in seinem dritten Lehrjahr.

"Es ist ja nicht mehr so wie früher, dass man seine Auszubildenden nach der Lehre losschickt, dass sie die große weite Welt kennenlernen sollen", erläutert Süß: "Man versucht sie zu halten." Die Auszubildenden in die Kurzarbeit zu schicken, versucht man zu vermeiden. "Wir sind eine Ross-Familie", betont Ross – das will er seinen Mitarbeitern auch während der Krise zeigen. "Es ist alles etwas anders, aber meine Auszubildenden leisten gute Arbeit und sind zuverlässig."

Allen fehlen die Gäste

Pascal Reinhold und Yennifer Delgado stehen vor ihrer Hotelfach-Abschlussprüfung. "Wir haben dafür jetzt viel mehr Zeit zum Lernen", findet Yennifer Delgado. Beide können auf der Arbeit gemeinsam lernen, bei offenen Fragen stehen der Chef oder Mitarbeiterin Alina Vahtaina, die ihre Ausbildung im Februar erfolgreich abgeschlossen hat, mit Rat und Tat zur Seite. Der Berufsschulunterricht fand zuletzt in Präsenz statt, im Januar noch online. "Online lernt man nicht so gut wie in der Schule, wenn der Lehrer vor dir steht und dir die Dinge erklärt", berichtet Delgado. Aber den beiden fehlen auch die Gäste, erzählen sie. Über einen Abbruch der Ausbildung aufgrund der Corona-Situation haben sie nie nachgedacht, dafür waren sie schon zu verwurzelt in der "Ross Familie". "Wir freuen uns auf die Gäste, wenn sie wieder kommen, wir sind gerüstet", kündigt Süß an. Auszubildende für das anstehende Lehrjahr 2021/22 werden derzeit noch gesucht.

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