Schweinfurt

Die erste Muckibude der Stadt

Harry Gelbfarb und Arnold Schwarzenegger: Sie trafen sich erstmals in den 1960ern und wurden Freunde. Das Datum dieses bei einem frühen Treffen in den USA gemachte Bild ist nicht bekannt.
Foto: Sammlung Steinmüller | Harry Gelbfarb und Arnold Schwarzenegger: Sie trafen sich erstmals in den 1960ern und wurden Freunde. Das Datum dieses bei einem frühen Treffen in den USA gemachte Bild ist nicht bekannt.

Bombenkrieg in Schweinfurt, Friedrich Rückert und das mittelalterliche Oberndorf. Das waren die letzten Themen in der Vortragsreihe des Historischen Vereins. Diese Woche ging es im Veranstaltungscenter der Sparkasse um „Männer in Badehosen und Frauen in Bikinis“. Peter Steinmüller wirft just in diesem Moment das Foto des ersten Body-Building-Wettbewerbs für Frauen in Deutschland auf die Leinwand und hat wie gewollt die Lacher auf seiner Seite: Denn alle Damen darauf tragen Bikinis.

Veranstaltet hat den Wettbewerb Harry Gelbfarb, der in Schweinfurt 1956 das erste deutsche Bodybuilding-Studio eröffnete und damit die Grundlagen für die Sportart legte. Laut einer Studie betrieben diese voriges Jahr neun Millionen Mitglieder von Fitnessklubs. „Von der Muckibude zum Fitnesstempel“ überschrieb Steinmüller folgerichtig auch seinen ersten öffentlichen Auftritt.

Über drei Jahre hat der Journalist aus Schweinfurt das Leben Gelbfarbs recherchiert. Die Resonanz auf erste im Internet und in dieser Zeitung veröffentlichte Rechercheergebnisse war überwältigend. Steinmüller konnte danach viele weitere Zeitzeugen interviewen und brachte zum Vortrag viel Neues mit. Etliche Zeitzeugen waren unter den rund 60 Zuhörern auszumachen.

Harry Gelbfarb wird 1930 in Wien geboren. Die Mutter ist Jüdin. Weil der Großvater keinen Christen als Schwiegersohn akzeptiert, gibt die Mutter den Jungen in ein Waisenhaus. Nach vier Jahren kommt Harry zu jüdischen Pflegeeltern. Als diese ins KZ verschleppt werden, muss der Junge in ein jüdisches Kinderheim. Leiterin Franzi Löw überzeugt einen katholischen Priester, Harry einen gefälschten Taufschein auszustellen. Er wird nicht deportiert, muss aber Zwangsarbeit leisten.

Mit seiner Pflegemutter, die drei Jahre KZ überlebt hat, wandert Harry in die USA aus, wo er mit Boxen und Bodybuilding beginnt. Während seines Militärdienstes ist er ein Jahr in Schweinfurt stationiert, lernt beim Turmspringen im Ernst-Sachs-Bad die Sportlehrerin Elly Böttcher kennen. Mit ihr eröffnet er im Januar 1956 das erste Bodybuilding-Studio Deutschlands – Adresse Graben 26.

Mit Hilfe von Fred Conrad, einem Verwandten von Gelbfarbs Frau Elly, hebt Steinmüller den reichen Schatz an Dokumenten und fantastischen Bilder vom körperverliebten Ehepaar Harry und Elly beim Posen und mit den Freunden Arnold Schwarzenegger, Ralf Moeller und anderen.

Viele Schweinfurter Namen nennt Steinmüller, die allesamt ihre Begegnungen mit Gelbfarb hatten. Allen voran der ehemalige Gewichtheber Karl-Heinz Rüd. Auch er sitzt im Publikum. Die durchtrainierten Burschen aus Schweinfurt tummelten sich Ende der 1950er auch an italienischen Stränden. „Adria-Muskeln haben wir das genannt“, zitiert Steinmüller einen der Burschen: Karl-Heinz Rüd.

1957 zieht Gelbfarb in größere Studioräume in der Friedhofstraße 16 um. Die bekanntesten Trainingsgäste sind die Eisschnellläufer Günter und Jürgen Traub, beide Olympiateilnehmer. Gelbfarb erschließt sich eine zweite Einnahmequelle, indem er das „orthopädische Turnen auf Krankenschein“ anbietet. In der Friedhofstraße wird auch der erste deutsche Bodybuilding-Verband gegründet. Gründungsmitglieder sind unter anderem Rüd und Lorenz Breier, auch er ist Zuhörer.

1973 eröffnet Gelbfarb im damals eröffneten Centrum ein großzügiges Studio mit dem Namen Vital. Anfangs lief es nicht so gut, Ende der 1970er kommen Fitnessstudios immer mehr in Mode. Den Trend verdankt auch Gelbfarb einem alten Bekannten: Arnold Schwarzenegger, der 1965 als US-Soldat über einen Kasernenzaun geklettert war, um an einem Bodybuilding-Wettbewerb teilnehmen zu können. Schwarzenegger sollte der Wegbereiter des Bodybuilding in den USA werden. Der Schauspieler wird später sogar Gouverneur.

Zurück zu Gelbfarb: Obwohl die Nachfrage Anfang der 1980er größer wird – Gelbfarb eröffnete deshalb in der Wilhelmstraße ein weiteres Studio –, verkauft er 1983 alles, kehrt in die USA zurück. Aus religiösen Gründen, mutmaßt Steinmüller. Zu den Rosenkreuzern, Christen, die an die Wiedergeburt glauben, hatte er beim ersten US-Aufenthalt gefunden. Als Versuche, mit Trainingsmaschinen und einem neuen Studio Geld zu verdienen, scheitern, kehrt Gelbfarb 1991 zurück. Er wohnt in Zell bei Schweinfurt. Bei einem Bodybuilding-Veteranen-Treffen 1996 in Oberhausen trifft er alle Freunde wieder, auch Schwarzenegger. Gelbfarb erkrankt an Krebs, stirbt am 27. Mai 2005, drei Jahre vor Elly. Seine leibliche Mutter, die Kontakt zu ihm aufgenommen hatte, wollte er nicht mehr sehen. Zu tief waren die Wunden.

Steinmüllers Fazit: Harry Gelbfarb hat die Infrastruktur geschaffen, die Bodybuilding in der Gesellschaft verankerte. Auch die These „Ohne Harry kein Arnie“, ohne Gelbfarb kein Schwarzenegger, habe seine Berechtigung. Zeitgenossen hätten Gelbfarb als Idealist beschrieben, der geringe wirtschaftliche Erfolg des Bodybuilding-Vaters sei insofern kein Wunder. Heute gehe es in der Fitness-Branche nur noch ums Geschäft, „Harry ging es um den Sport“, zitiert Steinmüller Zeitzeugen. 60 Bilder, viele unbekannte, garnierten den Vortrag.

Harry Gelbfarb: Er kehrte 1991 ein zweites Mal aus den USA nach Deutschland zurück, lebte in Zell. Das Foto zeigt ihn wohl nach dem Jahr 2000. Im Jahr 2005 starb Harry Gelbfarb.
| Harry Gelbfarb: Er kehrte 1991 ein zweites Mal aus den USA nach Deutschland zurück, lebte in Zell. Das Foto zeigt ihn wohl nach dem Jahr 2000. Im Jahr 2005 starb Harry Gelbfarb.
Kraftdreikampf: Mit diesem von Harry Gelbfarb kreierten Training vor allem für Frauen feiert er große Erfolge. Spitzenathletin in der Disziplin war seine Frau Elly Gelbfarb (im Bild).
| Kraftdreikampf: Mit diesem von Harry Gelbfarb kreierten Training vor allem für Frauen feiert er große Erfolge. Spitzenathletin in der Disziplin war seine Frau Elly Gelbfarb (im Bild).
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