Gerolzhofen

Gastwirtin aus Gerolzhofen: Stiller Protest mit stummen Puppen

Die Gastwirtin des „Tor zum Steigerwald“ in Gerolzhofen hat das Alleinsein in der Gaststube wegen Corona satt. Sie hat Puppengäste an einige Tische gesetzt.
Auf Wunsch des Fotografen nimmt Ruth Döpfner die Bestellung bei einem Puppengast auf.
Foto: Peter Pfannes | Auf Wunsch des Fotografen nimmt Ruth Döpfner die Bestellung bei einem Puppengast auf.

Sie trinken nichts, sie essen nichts, sie haben keine Namen. Die Gäste im Gasthof "Tor zum Steigerwald" in Gerolzhofen, die man nach Einbruch der Dunkelheit oder frühmorgens durch die Fenster des hell erleuchteten Gastraums sieht, bewegen sich nicht. Mehrere gut gekleidete Puppen verharren dort täglich beim Fünf-Gänge-Menü und bei der Brotzeit. Ruth Döpfner hat das Alleinsein in der Gaststube satt. Bei der passionierten Gastwirtin hat die Schließung der Gastronomie durch Corona innere Leere und vehemente Langeweile verursacht. Auf der Suche nach Lösungen kam ihr die Idee mit den Puppengästen.

Puppen von Bekannten geliehen

Ruth Döpfner und ihre zwölf Mitarbeiter haben zwischen den beiden Lockdowns im vergangenen Jahr die Räume neu gestrichen und den Generalputz absolviert. "Es war alles schön", erinnert sie sich. Und dann die erneute Schließung der Gastronomie. "Ich musste mir einfach etwas einfallen lassen", erzählt die Hotelfachfrau, die vor innovativen Ideen nie Halt macht.

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Mehrere Bekannte, die im Dekorationsbereich tätig sind, leihen ihr die Puppen. Mit Liebe werden die bewegungslosen Körper angezogen, passend zu einem extravaganten Abenddinner. Die Tische werden für das Menü eingedeckt und mit farbenfrohen Blumenarrangements versehen. Kunden, die in den vergangenen drei Wochen ihre "Essen-to-go" in dem Gasthof abholten, mussten gleich zweimal hinschauen. Der erste Eindruck: Hier wird gegen die Corona-Regeln während des Shutdowns verstoßen. Der zweite Eindruck nach näherem Hinsehen: "Eine super Idee mit den Puppen."

Der Menü-Tisch im Tor zum Steigerwald ist gedeckt für zwei nobel gekleidete Puppendamen.
Foto: Peter Pfannes | Der Menü-Tisch im Tor zum Steigerwald ist gedeckt für zwei nobel gekleidete Puppendamen.

Sowohl bei to-go-Gästen als auch bei neugierigen Passanten, die sich durch die Fensterscheiben einen Überblick verschaffen, sind die fünf Puppen auf großen Anklang gestoßen. "Ich habe schon ein tolles Feedback bekommen", so die Gastwirtin. Auch ihre Übernachtungsgäste – wer aus beruflichen Gründen unterwegs ist, darf beherbergt werden – meist Handwerker, seien in aller Früh auf dem Weg zur Arbeit beim Anblick der außergewöhnlichen Gourmet-Gäste erschrocken.

Wiedereröffnung wird herbeigesehnt

Drei Menütische sind mit je einer "Person" besetzt, zwei statische Servicekräfte kümmern sich um ihr Wohl und nehmen die Bestellung auf. Der Brotzeittisch ist gerade nicht besetzt. Für den Valentinstag plant Ruth Döpfner eine Verlosung unter allen to-go-Kunden. Bei der Gewinnziehung, die ein paar Wochen später stattfinden soll, können sie die angepriesenen Puppen-Menüs oder Brotzeiten gewinnen.

Auf die Idee, sich an die Tische der Puppen-Gäste dazu zu setzen, sei noch niemand gekommen, erzählt die gebürtige Dingolshäuserin, die den Gasthof und das Hotel seit 32 Jahren führt. "Wir haben hier ein gut aufgeklärtes Volk in Gerolzhofen und sehr vorsichtige Leute", begründet sie die Vernunft und das Verständnis in der Bevölkerung, auch wenn viele Stammgäste die Wiederöffnung der Gaststätte nur so herbeisehnen. "Die stehen alle schon in den Startlöchern."

Weil das Baugewerbe aktuell boomt und Übernachtungsmöglichkeiten aus beruflichen Gründen gefragt sind, kann sich die Gerolzhöfer Hotelfachfrau Ruth Döpfner finanziell über Wasser halten.
Foto: Peter Pfannes | Weil das Baugewerbe aktuell boomt und Übernachtungsmöglichkeiten aus beruflichen Gründen gefragt sind, kann sich die Gerolzhöfer Hotelfachfrau Ruth Döpfner finanziell über Wasser halten.

Die gesetzlichen Vorgaben während der Pandemie für die Gastronomie kann Ruth Döpfner nur teilweise verstehen. "Wir mussten viele Waren wegwerfen, weil der Vorlauf für den Shutdown einfach zu kurz war." Traurig ist sie vor allem deswegen, weil die Hygieneregeln im Gasthof gut befolgt wurden und sie zur Einhaltung der Vorgaben nicht wenige Euro investiert habe. Seit November hat sie aus dem Gaststättenbetrieb keine Einnahmen mehr. Auch im Frühjahr 2020 war der Gasthof bereits für mehrere Wochen zu.Wären da nicht die Einnahmen aus der beruflichen Beherbergung, sähe es nicht rosig für den Betrieb aus. Vor allem wegen des aktuellen Baubooms sind Gästezimmer gefragt.

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"Seit über fünf Monaten bin ich als Inhaberin des Gasthofs ohne Gehalt." Mehrere Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Doch alle Probleme scheinen die Gastwirtin nicht aus der Bahn zu werfen. Mit ihren 61 Jahren denkt sie keine Sekunde über das Aufhören nach. Im Gegenteil. "Mein Job macht mir viel zu viel Spaß", schwärmt sie von der Gastronomie und dem Kontakt mit ihren Gästen.

Auch ihren Stammgästen und der Stadt gegenüber fühlt sie sich verpflichtet. Jetzt freut sich die Herzblut-Wirtin ("Ich bin ein echtes fränkisches Kind") darauf, dass vielleicht nach Ostern die Gaststätten wieder öffnen dürfen: "Wir sind gerüstet und voll motiviert." In der Gaststube samt Nebenzimmer und im Biergarten finden dann wieder bis zu 220 gesellige Menschen Platz. Sollten die Corona-Regeln es dann noch erfordern, werden die Puppen nicht aussortiert sondern an die "Abstands-Tische" gesetzt.

Die mit Puppen besetzten Tische im Gasthof 'Tor zum Steigerwald' sind festlich eingedeckt und mit bunten Blumen dekoriert.
Foto: Peter Pfannes | Die mit Puppen besetzten Tische im Gasthof "Tor zum Steigerwald" sind festlich eingedeckt und mit bunten Blumen dekoriert.
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